Es klingt weit weg, aber es sind nur noch 473 Tage. Am 11. Juni 2010 wird in Kapstadt das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika angepfiffen. Raffael wird dann 25 Jahre alt sein, im besten Fußballalter. Den Termin hat sich der Stürmer von Hertha BSC vorgemerkt. „Es ist der Traum von jedem Brasilianer, bei einer WM für die Seleção spielen zu dürfen. Das ist auch bei mir so.“
Die Skeptiker werden an dieser Stelle die Stirn runzeln und fragen: Was will der Raffael denn in der Nationalmannschaft von Brasilien? Der soll erst mal richtig in der Bundesliga ankommen.
In der Tat hat Raffael rund ein Jahr benötigt, um den Sprung von der Schweizer Liga mit dem FC Zürich nach Deutschland zu schaffen. Nach sechsmonatigem Ringen hatte Hertha Raffael im Januar 2008 endlich vom FC Zürich losgeeist. Die Ablöse von 4,3 Millionen Euro hatte große Erwartungen geweckt. Raffaels Arbeitsnachweis nach einem Jahr Bundesliga: 35 Einsätze, sieben Tore, zehn Assists. Das ist eine ordentliche Bilanz, aber keine außergewöhnliche.
Neue Rolle als Vater
Zudem hat Raffael mit einer Formkrise in der Hinserie den Kritikern Futter gegeben: Zu phlegmatisch, zu introvertiert, zu wenig entschlossen. Na, und was soll man von einem Profi halten, der sein frisch geborenes Baby nachts durch die Wohnung trägt, wenn es schreit, statt es der Mama in die Hand zu drücken: Er müsse schlafen, um fit zu sein.
Doch bei Raffael (23) sollte man sich nicht täuschen lassen. „Das Dasein als Vater hat Raffa reifer gemacht“, sagt sein Berater Dino Lamberti. „Früher war er noch ein wenig Kind, jetzt ist er verantwortungsbewusster.“ Loyal wie er ist, hat Raffael sich nie beschwert, wenn Trainer Favre ihn als Notnagel im Mittelfeld rechts oder links eingesetzt hat. Er hat so getan, als bekomme er die Kritiken nicht mit, so doll habe er da aber nicht gespielt.
Was wirklich in ihm steckt, zeigte Raffael, als er gegen den FC Bayern und in Wolfsburg endlich wieder auf seiner Lieblingsposition als „Neuneinhalber“ spielen durfte. Als so genannte hängende Spitze bereitete er gegen den Rekordmeister das zweite Tor von Andrey Voronin mustergültig vor. Beim VfL hatte Raffael Pech, als er nur den Pfosten traf (84.). Der Trainer hatte Extraschichten mit ihm gemacht, um seine Dynamik zu verbessern.
Favre weiß, dass das schnelle Kombinationsspiel von Raffael darunter leidet, dass von seinem Sturmkollegen Marko Pantelic nur wenige Bälle zurückkommen. Intern beschwert Raffael sich schon mal, dass er in aussichtsreicher Position nur selten angespielt werde. Bei der Auswahl des neuen Stürmers, der im Sommer Pantelic ersetzen soll, wird Hertha darauf achten, dass er sich sinnvoll mit Raffael ergänzt.
Wer Raffael dieser Tage begegnet, wird von ihm mit einem freundlichen Nicken bedacht und hört nur: „Mir geht es gut.“ Doch so scheu er auftritt, längst versteht Raffael so gut wie alles, was auf Deutsch um ihn herum gesprochen wird. Und sein Umfeld schaut weit über die nächsten Bundesliga-Spiele hinaus. Berater Lamberti (Zürich) hat im vergangenen Herbst eine Agentur beauftragt, seinen Klienten daheim ins Gespräch zu bringen. Sie heißt SMG, sitzt in Rio de Janeiro und hat sich auf Imagepflege von brasilianischen Profis spezialisiert, die in ihrer Heimat wenig bekannt sind. Die sorgen dafür, dass etwa „Globo–TV“, Marktführer in Brasilien, in Berlin einfliegt und ein großes Portrait über Raffael anfertigt.
Der hat das Problem vieler Hochbegabter: Er ist besser als viele andere Profis – aber er muss den Biss entwickeln, es auch in jedem Spiel zu zeigen. Neben körperlicher Fitness gehört dazu mentale Stärke. Eine Robustheit, sich auch gegen Widerstände durchsetzen zu wollen – Raffael geht das manchmal ab. Lucien Favre bescheinigt seinem Stürmer „großes Potenzial“. Im Plan des Trainers, ein Hertha-Team zu bauen, das 2010 um den Titel spielen kann, ist Raffael ein wichtiger Teil. Aber, so Favre, „Raffa muss mehr Tore machen. Dafür muss er öfter dahin gehen, wo es wehtut: in den Strafraum.“ Um Raffael zu unterstützen, bemüht sich Lamberti um einen Mentaltrainer, der im Umfeld der brasilianischen Nationalmannschaft tätig ist. Der soll ein, zwei Wochen nach Berlin kommen und dem Herthaner helfen.?
Ob Imagepflege oder Mentaltrainer – Raffael ist klar, dass das nur begleitende Maßnahmen sind: „Es liegt an mir. Ich muss es auf dem Platz zeigen.“ Soll sein Traum von der WM 2010 wahr werden, braucht Raffael 15 starke Monate. Das heißt als Stürmer mehr als zehn Saisontreffer. Aktuell sind es – drei.
Elber wartete meist vergebens
Selbst dann braucht es etwas Glück. Giovane Elber kann ein Lied vom Stellenwert der Bundesliga in Brasilien singen. In seiner besten Zeit als Meister, Pokalsieger und Champions-League-Sieger mit dem FC Bayern wurde Elber nur zu unbedeutenden Länderspielen geladen.




