Wenn es nach dem Abpfiff im Kabinengang laut wird, ist das ein sicheres Zeichen, dass Ungewöhnliches vorausgegangen ist. Und laut war es gestern um 17.20 Uhr auf den wenigen Metern vom Spielfeld zur Umkleidekabine der Unparteiischen. „Schiri Katastrophe. Simunic, Schiri. Katastrophe“, radebrechte Herthas Brasilianer Cicero, der Schiedsrichter Knut Kircher auf der linken Seite eskortierte. „Das gibt’s nicht, das ist unfassbar“, bellte Manager Dieter Hoeneß auf der anderen Seite von Kircher. Schon unmittelbar nach Schlusspfiff waren Kapitän Arne Friedrich und Josip Simunic auf den schon in der Vorwoche mit einer Fehlentscheidung auffälligen Schiedsrichter zugeeilt und hatten sich heftig beschwert. Kircher hatte vor einer Woche beim Spiel in Bochum einen Ellenbogenschlag des Schalkers Rafinha übersehen und sich später dafür öffentlich entschuldigen müssen.
Nun durfte sich Hertha BSC benachteiligt fühlen. 1:2 (0:0) verloren die Berliner beim VfL Wolfsburg. Für dieses Resultat sorgte Kirchner, der in zwei Schlüsselsituationen gegen die Gäste pfiff. So erkannte er in der ersten Hälfte ein Kopfball-Tor von Cicero nicht an (30.). „Er springt astrein hoch, da war auch kein Körperkontakt mit einem Gegenspieler – ein ganz und gar korrektes Tor“, empörte sich Herthas Lizenzspielerleiter Michael Preetz. Auch Kircher hatte an Ciceros Benehmen nichts auszusetzen, obwohl der sich den Ball gegen den linken Unterarm geköpft hatte. Stattdessen wollte Kircher gesehen haben, was keine TV-Kamera zeigte: Herthas Rodnei soll Alexander Madlung geschoben haben.
Zum entscheidenden Akteur wurde Kircher in Minute 85, als er auf Siegtor für Wolfsburg erkannte. Dabei war klar ersichtlich, dass Edin Dzeko Hertha-Manndecker Simunic als Treppe benutzte, sich mit beiden Händen aufgestützt und zum 2:1 eingeköpft hatte. „Es tut mir sehr leid, aber nur ein blinder Mann sieht nicht, dass das Foul und Freistoß für uns war“, führte Simunic Klage gegen Kircher. „Ich habe zwei Hände auf meinen Schultern gespürt, das war ein klares Foul.“
Torwart Jaroslav Drobny fühlte sich um ein ordentliches Resultat gebracht. „Der Schiedsrichter hat mit zweierlei Maß gemessen. Das erste Tor war regulär, das zweite ein klares Foul. Das muss er sehen, dafür ist der Schiedsrichter da.“ Für Friedrich war Kirchers Zweikampfbewertung „ein Witz und bitter für uns“.
Mittelfeldspieler Pal Dardai war der erste Herthaner in den hitzigen Minuten unmittelbar nach dem Spiel, der die Sache etwas distanzierter sah. „Deutschland hat gute Schiedsrichter. Aber auch die machen mal einen Fehler. Wir haben nach dem 1:0 nicht mehr gut gespielt.“
In der Tat dominierten die Berliner bis zum Ausgleich die Partie. Wie gewohnt ließen die Blau-Weißen wenige Torgelegenheiten zu. Nach der Pause häuften sich stattdessen die Hertha-Chancen. Dardai vergab frei vor VfL-Ersatztorwart Lenz (55.), ein Ebert-Schuss verfehlte knapp sein Ziel (59.). Die Hausherren, die am Mittwoch im Uefa-Cup in Paris 0:2 verloren hatten, wirkten da verunsichert. Erneut Ebert war es, der nach einem zu lässigen Lenz-Abwurf den Ball eroberte und klug in die Mitte lupfte, Cicero köpfte ungehindert ein, 1:0 – alles schien für Hertha zu laufen (62.). „Da haben wir es versäumt, den Gegner müde zu spielen“, kritisierte Trainer Lucien Favre, „wir haben viele Fehler gemacht und dafür gesorgt, dass Wolfsburg viele Bälle in den Strafraum schlagen konnte.“
So endete nach einer Woche das schöne Märchen von Herthas Tabellenführung, die während des Spiels sogar auf bis zu vier Punkte gewachsen war. Zehn Minuten nach dem Führungstor segelte eine der 40 (!) VfL-Flanken über die Hertha-Abwehr, Dzeko köpfte ein, 1:1 (72.). „Das war ein Stellungsfehler von uns“, räumte Innenverteidiger Friedrich ein; Dzeko war dem unachtsamen Marc Stein entwischt. Weitere zwölf Minuten später flankte Wolfsburgs Marcel Schäfer von links, der Rest ist bekannt. Fast schon tragisch ist, dass Raffael Sekunden vor dem umstrittenen Gegentor sein Team gar zum Sieg hätte schießen können. Doch sein entschlossener Rechtsschuss klatschte nur an den Pfosten (83.).
Während sich die Berliner in ihrer Analyse auf den Unparteiischen konzentrierten, sagte VfL-Trainer Felix Magath: „Ich bin froh, dass wir gegen den Tabellenführer gewonnen haben. Und es war auch gut, dass Berlin so viele Chancen hatte. Die Spiele mit wenigen Chancen gewinnt Hertha immer, die mit vielen aber meist nicht.“ Lucien Favre sagte: „Die Situation vor dem 2:1 war ein Foul. Aber auch wenn es hart ist: Uns bleibt nichts anderes, als diese Entscheidungen zu akzeptieren. Wir dürfen nicht sagen, dass der Schiedsrichter Schuld ist. Es bleibt dabei, dass wir viel zu verbessern haben.“
Schiedsrichter Kircher schien sein Gewissen zu plagen. Er saß auch 90 Minuten nach Spielende noch in seiner Kabine. Er wartete, bis sich das Stadion komplett geleert hatte, ehe er im Schutz der Dunkelheit ging – kommentarlos.
sid/apä









