Arne Friedrich schüttelte auch am Tag danach noch den Kopf. „Der ganze Samstag ist nicht so gelaufen wie geplant.“ Direkt vom Volkswagen-Stadion in Wolfsburg wollte der Kapitän von Hertha BSC sich im Pkw nach Berlin fahren lassen, um rechtzeitig am Abend bei der Verleihung des Musikpreises Echo in der O2 World einzutreffen. Doch als die Sendung um 20.15 Uhr begann, rollte Friedrich noch auf Gleis 12 im Hauptbahnhof Berlin ein. Pressesprecher Hansgeorg Felder, der Friedrich fahren wollte, hatte in der Arena in Wolfsburg seinen Autoschlüssel verloren. So blieb sein Wagen auf dem Stadionparkplatz stehen, der Kapitän und der Pressesprecher fuhren erst um 19.05 Uhr in einem Erster-Klasse-Abteil im ICE. Immerhin schaffte es Friedrich zur zweiten Hälfte der Verleihung und überreichte mit Jeanette Biedermann den Echo in der Kategorie „Bester Hip-Hop“ an Peter Fox.
Volle Konzentration auf Gladbach
Mehr jedoch beschäftigte den Nationalspieler Herthas Niederlage beim VfL. „Das war ärgerlich. Jeder hat gesehen, dass dem 1:2 von Dzeko ein Foul vorausgegangen war, das war ein Schiedsrichterfehler.“ Trotzdem wollte Friedrich keine billigen Schuldzuweisungen. „Wir standen nach unserer 1:0-Führung viel zu tief, haben Wolfsburg zu viele Flanken gestattet.“ Mittelfeldspieler Pal Dardai sah das ähnlich. „Nach dem 1:0 müssen wir einen kalten Kopf haben“, sagte der Ungar.
Die Marschroute nach der fünften Saisonniederlage hatte Lucien Favre in der Teambesprechung am Sonntagmorgen vorgegeben. „Der Trainer hat die richtigen Worte gefunden, vor allem mit Blick auf das Mönchengladbach-Spiel am Samstag“, sagte Friedrich.
„Wir sind alle enttäuscht, weil wir unverdient verloren haben“, meinte Favre. „Aber wir brauchen nicht über den Schiri zu sprechen, wir sind selbst schuld.“
Das Auftreten der Herthaner bestätigt eine Entwicklung, die seit Juli 2007 anhält. Seit dem Amtsantritt des Schweizer Trainers hat Hertha in der Liga keinen einzigen Platzverweis kassiert. Auch in Wolfsburg zeigte sich der Verein, anders als bei der einen oder anderen Gelegenheit in den vorangegangenen Jahren, trotz offensichtlicher Fehlentscheidungen des Schiedsrichters nicht als schlechter Verlierer.
Gleichzeitig offenbarten die als Tabellenführer angereisten Herthaner, dass dem Team die eine oder andere Eigenschaft fehlt, die ein Topteam auszeichnet. Der Trainer hat seiner Mannschaft ein ganzes Arsenal an Fehlern genannt: Statt den Gegner, der am Mittwoch noch im Uefa-Cup in Paris im Einsatz war, müde zu spielen, habe Hertha permanent auf ein schnelles zweites Tor gedrängt. Das führte zu vielen raschen Ballverlusten. Favre: „Eine gute Mannschaft verteidigt den Vorsprung mit der richtigen Konzentration. Das haben wir nicht geschafft.“
Stein und Ebert mit Problemen
Auf der linken Seite hatten Rodnei und Nicu mit zunehmender Spielzeit Mühe, ihre Positionen zu halten. Auf rechts schwammen Patrick Ebert und Marc Stein regelmäßig. Stein ließ Dzeko beim 1:1 entwischen, beim 1:2 verhinderte Stein die Flanke von Schäfer nicht.
Deshalb wollte der Coach auch keine Diskussion führen über die große Chance, die Hertha am Samstag verpasst hatte. Mit einem Remis hätten die Berliner den Vorsprung zum Sechsten Wolfsburg bei sieben Punkten halten können. Mit einem Sieg hätte sich Hertha fünf Zähler Abstand auf Meister FC Bayern (38 Punkte) erarbeitet. „Ich bin Trainer, ich kann die Tabelle lesen. Mir ist das alles klar“, sagte Favre. „Aber Hätte, Wenn und Aber zählen nicht.“
Somit sorgen die Berliner dafür, dass die Liga spannend bleibt wie keine andere der Topligen in Europa. Mögen in Spanien der FC Barcelona, in Frankreich Olympique Lyon oder in England Manchester United ihre Kreise ziehen – in Deutschland ist nichts so beständig wie der Wechsel an der Spitze. Nun hat ohnehin niemand Hertha als Titelfavorit ausgemacht. So mag der Hauptstadt-Klub Probleme mit der Konstanz auf hohem Niveau haben – die hat die Konkurrenz auch. Insofern sind Herthas Chancen als Dritter nach 21 Spieltagen intakt: Von Platz sechs bis eins ist alles möglich. Wer hätte das vor der Saison gedacht?









