Im Minuten-Takt vibriert sein schwarzes Nokia-Handy auf dem Schreibtisch im Trainerzimmer. Irgendwann reicht es Lucien Favre (51), er schaltet das Mobiltelefon aus. Die Uhr zeigt nach 18 Uhr, die meisten Profis von Hertha BSC sind längst im Feierabend. Seit die Berliner Tabellenführer der Fußball-Bundesliga sind, wollen alle den Trainer haben.

Fernsehen, Radio-Stationen, Tageszeitungen, Illustrierte – die Interview-Anfragen kommen aus der Schweiz, aus Frankreich, England und natürlich Deutschland. Favre ist das egal. Der Trainer sitzt mit einem Spieler vor einer DVD – Vier-Augen-Gespräch mit Fehleranalyse. „Bei Favre musst du mit Kritik umgehen können“, berichtet Sofian Chahed von einem dieser Termine. „Aber als Spieler akzeptierst du das, weil du spürst: Der Trainer will helfen.“

Seit Juli 2007 macht Favre das, was Jürgen Klinsmann beim FC Bayern im vergangenen Sommer groß angekündigt hat: Jeden Spieler jeden Tag etwas besser machen. Seit dem spektakulären 2:1 über den FC Bayern äußern sich nun die Experten im Lande, woher die überraschende Entwicklung kommt, die den Hauptstadt-Klub auf Platz eins der Liga gebracht hat.

Favre wundert sich. „Es gibt kein Geheimnis. Wir arbeiten. Schritt für Schritt.“ Die einen preisen Favres taktische Handschrift, andere Herthas Effektivität beim Ausnutzen von Chancen. Der Trainer will das alles nicht hören. Wenn er sagt, „wir sind in dieser Saison ein wenig besser als in der vorigen“, versteht man den Unterton völlig richtig: Favre ist längst nicht zufrieden. Weder mit seiner Mannschaft noch mit dem, wo Hertha BSC derzeit steht. Genauer: Die Revolution des Hauptstadt-Klubs hat erst begonnen.

Sicher, es gibt Gründe für den Aufschwung. So war der Trainer, was er allerdings nie bestätigen wird, beim Amtsantritt erschrocken über die körperliche Leistungsfähigkeit des Kaders. Für seine Art Fußball zu spielen, aus einer guten taktischen Ordnung schnell nach vorn, braucht es extrem lauffreudige Spieler. Das war damals nicht möglich. Über anderthalb Jahre hat das Trainerteam die Fitness der Spieler verbessert. Beleg sind die vielen knappen Siege mit reichlich Toren in den Schlussminuten.

Dann fordert Favre nach Ende des eigentlichen Trainings Extraschichten. Der Trainer erklärt Josip Simunic, wie er seine Fußstellung verbessern soll, wenn der Kroate in Zweikämpfe geht. Mit Marko Pantelic und Valeri Domovchiyski feilt er an deren Fußhaltung, wenn die Stürmer Flanken volley nehmen. Mit dem manchmal phlegmatisch wirkenden Raffael arbeitete Favre vergangene Woche an der Verbesserung der Dynamik.

Ein anderer Punkt ist die Art der Kommunikation. „Der Trainer hat nicht nur eine Philosophie, wie er spielen will. Er versteht es auch sehr gut, sie den Spielern nahe zu bringen“, lobt Manager Dieter Hoeneß.

Doch bei aller Entwicklung des vorhandenen Personals, bei aller Sehnsucht in Berlin auf den ersten Titel seit 1931 weiß Favre: Der Weg bis zu einer Spitzenmannschaft ist noch lang. Zu einem Topteam fehlen Hertha rechts und links in der Abwehr sowie im Mittelfeld mindestens drei schnelle, spielstarke Leute. Ein Topteam hat drei starke Stürmer. Ganz zu schweigen von guten Alternativen auf der Bank. Darüber redet Favre aber nur intern.

Auch über die schwierige Zusammenarbeit mit Dieter Hoeneß verliert er kein einziges Wort. Öffentlich sagt er: „Ich habe bei Hertha etwa mit Friedrich und Simunic ein gute Basis vorgefunden. Und dann haben wir zusammen gut eingekauft.“ 27 Spieler gingen, 23 kamen.

So höflich der Schweizer stets auftritt, intern kann er seine Meinung auch mal bis zur Sturheit durchziehen. Wenn Favres Widerspenstigkeit auf das ausgeprägte Ego von Hoeneß trifft, wird es schon mal laut. Im vergangenen Jahr ist Hoeneß, ein geübter Rechthaber, einmal explodiert. Genervt vom Misstrauen Favres beschwerte sich der Manager, das habe weder er noch Hertha verdient. Beide empfinden die Zusammenarbeit als anstrengend – doch mit Blick auf die Tabelle scheinen sich die Diskussionen der Sturköpfe zu lohnen.

Die verbleibenden 14 Spiele werden zeigen, ob Herthas Traum von der Champions League wahr wird. Egal, wie es ausgehen wird, im Hintergrund drängt Favre auf tief greifende Veränderungen bei Hertha. Die Organisation von Transfer gilt es zu verbessern. Seit Jahren kämpfen die Berliner permanent in der letzten Transferwoche noch um neue Spieler. Manchmal mit Erfolg (Voronin, Cufre), manchmal ohne (Vyntra blieb bei Panathinaikos Athen, Conca bei Fluminense).

Mit Blick auf Herthas schmales Personalbudget im Sommer muss das anders werden. Gut möglich, dass der Klub in anderen Ländern als Brasilien, Kroatien oder Serbien Ausschau nach Verstärkungen hält. Auch die Arbeit der hochgelobten Nachwuchsabteilung steht auf dem Prüfstand. Bei seinem Amtsantritt hatte Lucien Favre gesagt: „Ich arbeite immer so, als ob ich zehn Jahre bleibe.“ Die Revolution hat eben erst begonnnen.