Als um 16 Uhr das Mannschaftstraining begann, fehlte einer: Marko Pantelic. Wo aber war der Torjäger, der sich für die Übungseinheit in keiner Form abgemeldet hatte? Niemand bei Hertha wusste über den Verbleib des Serben - dabei hatte der mit einer Rückreise aus Wien mit den kürzesten Weg der Berliner Internationalen (siehe Infokasten).
Noch um 18.30 Uhr hatte Favre keinen neuen Kenntnisstand. Der Serbe war schlicht nicht erreichbar - und war doch längst in Berlin angekommen. Pantelic verstand die ganze Aufregung um seine Person nicht. Direkt nach seiner Ankunft war er zu Hertha-Physiotherapeut Thomas Sennewald in dessen Rehazentrum Da Vinci in einer Seitenstraße des Kudamms gefahren, um sich dort wegen Rückenproblemen behandeln zu lassen. Darüber Favre, Manager Dieter Hoeneß oder auch Michael Preetz als Leiter der Lizenzspielerabteilung zu unterrichten - dieser Gedanke war Pantelic nicht in den Sinn gekommen. Später am Abend teilte Hertha mit, Sennewald habe den Trainerstab davon informiert, dass Pantelic zur Behandlung bei ihm gewesen sei - der Patient selbst war zu sich nach Hause gefahren.
Ein "Problem mit der Kommunikation" räumte Pantelic gegenüber der Morgenpost ein. Wie auch immer es sich zugetragen haben mag - eine öffentlich geführte Diskussion um Professionalität und Teamfähigkeit von Pantelic kommt für Hertha zur Unzeit. Zum einen prüft der Klub gerade, ob der Vertrag mit dem Torjäger (40 Treffer in 95 Bundesligaspielen) über 2009 hinaus verlängert werden soll. Dass Favre kein Fan des Serben ist, ist bekannt. Aktionen wie die gestrige lassen die Wertschätzung des Trainers rapide weiter sinken.
Hertha benötigt dieser Tage gewiss keinen Ego-Trip eines Einzelnen. Sondern kollektive Konzentration auf das Wesentliche. Hoeneß sieht die Berliner in der Vorbereitung auf ein "Spitzenspiel". Morgen (15.30 Uhr) geht es im Olympiastadion gegen den VfB Stuttgart, derzeit Tabellen-Dritter. Wiewohl die eigene Mannschaft Achter ist, stünde sie, so Hoeneß' Theorie, "mit einem Sieg unter den ersten Fünf. Und da wollen wir hin."
Mindestens genauso sehnlich will Hertha den ersten Heimsieg der laufenden Spielzeit schaffen. Es wäre der 250. der Berliner Bundesliga-Historie. Seit Saisonbeginn wird diese magische Zahl nun schon angepeilt. Gegen Arminia Bielefeld (1:1), VfL Wolfsburg (2:2) und Energie Cottbus (0:1) ging es jeweils schief. Gegen Stuttgart, da ist sich Trainer Favre sicher, wird es klappen. Der Meister von 2007 "ist ein Top-Gegner. Aber wir wissen auch, dass wir gegen diese Mannschaft gewinnen können." Vergangene Saison, es war Favres erste in Berlin, gelang dies in beiden Aufeinandertreffen jeweils mit 3:1.
Ein erneuter Sieg wäre nun der perfekte Start in richtungweisende Wochen. Ein Pensum von sieben Pflichtspielen binnen drei Wochen haben die Berliner gerade erst hinter sich gebracht. Doch schon wartet der nächste Siebener-Pack. Diesmal gegen ungleich schwerere Konkurrenz. "Ein Riesenprogramm" gegen "richtige Top-Gegner" sieht auch Hoeneß auf Hertha zukommen. Haben die Berliner es Anfang November hinter sich, dann, so Hoeneß, werde "ein Trend erkennbar sein", wohin nach zuletzt zwei zehnten Plätzen die Reise des selbsternannten Anwärters auf einen der ersten sechs Plätze in dieser Saison geht.
Gegen den VfB geht es darum, Schwung zu nehmen. Und zugleich darum, das Interesse der Öffentlichkeit zu wahren. Hoeneß weiß, dass die Zuschauerzahl im Uefa-Cup-Heimspiel am kommenden Donnerstag gegen Benfica Lissabon "auch vom Ergebnis gegen Stuttgart" abhängt. In der Folge müssen die Berliner nach Dortmund, wo sie unlängst im DFB-Pokal ausschieden (1:2 n.V.). Dem schließen sich Partien gegen Hannover 96 (29. Oktober/H), Werder Bremen (1. November/A) sowie Aufsteiger und Überraschungsmannschaft TSG Hoffenheim (9.11./H) an. Dazwischen mischen sich die Gruppenspiele im Uefa-Cup gegen Lissabon und Metalist Charkow (6.11./A).
Insgesamt, zählt Favre auf, hat sein Team bis 18. Dezember 14 Pflichtspiele zu bestreiten: "Das bedeutet: Alle vier Tage ein Spiel."
Immerhin: Am Wochenende herrscht Chancengleichheit. Das kommende Programm der Stuttgarter ist nahezu identisch mit dem der Berliner, genauso haben beide Teams inklusive der Qualifikation für den Uefa-Cup seit Juli schon 15 Pflichtspiele ausgetragen.
Angesichts dieser Belastung braucht es jeden Aufrechten. Gute Nachrichten kommen ausgerechnet von Pantelic. Er signalisiert Einsatzfähigkeit gegen den VfB. "Alles okay", sagte er gestern Abend, "das geht." Ganz so einfach wird es aber nicht werden. Trainer Favre hat vor dem heutigen Abschlusstraining einigen Gesprächsbedarf mit Pantelic.



