Ein Griff mit der rechten Hand an die Seitenlinie, bekreuzigen, weiterlaufen. Fußballer haben so ihre Rituale, und als Andrej Woronin gestern erstmals zum Warmlaufen in das Berliner Olympiastadion lief, machte er da keine Ausnahme. So etwas, wissen Psychologen, kann zusätzliche Kräfte freisetzen. Dass es aber auch keine Garantie auf Erfolg ist, realisierte der neue Stürmer von Hertha BSC schon nach ein paar Sekunden.

Vor nur 38.921 Zuschauern gegen den VfL Wolfsburg führte der Ukrainer den Anstoß aus. Ganze zehn Sekunden später musste er den ersten schweren Abwehrfehler der Hertha mit ansehen (durch Gojko Kacar). Weitere fünf Sekunden später sah er, wie Torwart Jaroslav Drobny gegen Wolfsburgs Stürmer Grafite in höchster Not zur Ecke klären musste. Und exakt 45 Sekunden nach seinem Anstoß stand es bereits 0:1: Nach Misimovic Eckball traf Ricardo Costa per Kopf, weil Verteidiger Marc Stein nicht aufgepasst hatte. Herzlich Willkommen in Berlin, Herr Woronin.

Tiefschlaf zu Beginn

Zunächst gab es für den neuen Stürmer auch weiter wenig Hoffnung auf ein gelungenes Debüt. In der dritten Minute verlor der Brasilianer Cicero den Ball, Makoto Hasebe schoss knapp über Drobnys Tor. Kurz darauf überlief Grafite Herthas Innenverteidiger Josip Simunic, der den Vorzug gegenüber Kaka erhalten hatte. Der Brasilianer verzog knapp.

Vor den Augen von John McDonnell, dem bis dato vermutlich wenig beeindruckten Trainer von Herthas Uefa-Cup-Gegner St. Patrick's am Dienstag (18 Uhr), schafften es die Berliner nur selten, sich aus der Umklammerung von Wolfsburg zu lösen. Ein Freistoß von Patrick Ebert war der erste Schuss auf das Tor von Wolfsburg (18.) – Torwart Diego Benaglio fing den Ball. Stattdessen hatte Wolfsburgs Spielmacher Zvjezdan Misimovic gleich zweimal die große Chance zur Entscheidung (21. und 31.), Pantelic vergab nach Vorlage von Kacar die einzige Torchance der Berliner (34.). Herthas Trainer Lucien Favre tobte an der Seitenlinie wie selten in seinen 15 Monaten in Berlin.

Woronin, der in der ersten Hälfte von 12 Zweikämpfen nur zwei gewann, ließ sich fortan zurückfallen, um sich ein paar Bälle zu erkämpfen – schließlich kamen die Angriffe der Berliner selten bis zum gegnerischen Strafraum. Seinen kämpferischen Einsatz meinten die Fans nicht, als sie zur Pause pfiffen. Die Heimstatistik gegen Wolfsburg (zuletzt fünf Siege in Folge) schien in Gefahr.

Ein Tor aus dem Nichts

„Wenn man die klarsten Chancen nicht nutzt, bekommt man irgendwann das Gegentor“, sollte Wolfsburgs Trainer Felix Magath später zu Protokoll geben. Tatsächlich erzielte Hertha den Ausgleich wie aus dem Nichts. Ebert schoss einen Freistoß an den Fünfmeterraum, und Kacar köpfte unbedrängt zum Ausgleich ein (57.). Es begann die stärkste Phase der Berliner. Zunächst zwang Marko Pantelic Torwart Benaglio zu einer Glanzparade (62.), dann schien sich das Spiel komplett zu drehen. Costa fing eine Flanke mit der Hand ab – Elfmeter für Berlin (63.).

Selbstbewusst trat Pantelic an den Punkt, ausgerechnet jener Stürmer, der seine letzten drei Elfmeter verschossen hatte. Woronin klopfte ihm noch einmal aufmunternd auf dem Rücken, doch es half nichts. Der Serbe lief an, schoss und schob den Ball links am Pfosten vorbei – mit vier vergebenen Elfmetern in Folge hat er damit den Bundesliganegativrekord von Bruno Labbadia eingestellt.

Der Vorfall wird die Berliner noch einige Zeit beschäftigen. „Cicero war als Schütze vorgesehen, Pantelic hat sich darüber hinweggesetzt“, sagte Favre, „das wird nicht wieder vorkommen.“ Rückendeckung bekam Pantelic von Woronin: „Ich kann ihn verstehen. Wenn er das Tor gemacht hätte keiner was gesagt.“

Doch der Serbe zeigte Moral. Immer wieder war er an den Berliner Angriffen beteiligt und wurde belohnt. Fünf Minuten vor dem Abpfiff flankte er gefühlvoll auf Cicero, der per Kopf sein erstes Bundesligator erzielte – das 2:1. Um ein Haar hätte Hertha das Spiel damit zu seinen Gunsten und dem ersten Heimsieg der laufenden Saison gedreht, doch Wolfsburg schlug noch einmal zurück. Dzeko setzte sich herrlich auf der linken Seite durch und passte auf Riether, der Drobny keine Chance ließ. Das verdiente 2:2 in der Schlussminute.

Für den kämpferisch starken, aber selten effektiven Woronin reichte es an diesem Nachmittag nicht mehr zu seinem 38. Bundesligator, auch wenn der Zugang vom FC Liverpool überraschend durchspielen durfte. Dafür rettete Drobny in der Nachspielzeit mit einer sensationellen Parade gegen Barzagli das Unentschieden, als er einen Fernschuss aus dem Winkel holte.