Nö. War er nicht. Wenn man Pal Dardai fragt, ob er überrascht vom ziemlich erwachsenen Auftritt des ziemlich jungen Niklas Stark gegen Köln gewesen sei, bekommt man diese Antwort. Stark ist 20 Jahre alt, kam vor einem Monat aus Nürnberg und zeigte bei seinem ersten Startelfeinsatz gegen den FC (2:0) eine reife Leistung in der Innenverteidigung.
Überrascht habe ihn etwas anderes, sagt Herthas Cheftrainer: „Dass wir so einen Spieler überhaupt verpflichten konnten. Niklas hat in allen deutschen U-Nationalmannschaften überzeugt. Der ist ein Rohdiamant“, so Dardai.
Wertvolles, aber noch ungeschliffenes Spielermaterial muss man erst einmal finden. Aber, wenn man Hertha BSC ist und sich keinen Platz ganz vorn am Förderband leisten kann, muss man auch hoffen, dass es von anderen übersehen wird.
Von Menschen und Kleidern
Dazu braucht es Geduld. Dazu muss man es aushalten können, wenn die anderen vor einem schon mit funkelnden Exemplaren von dannen ziehen. So war das bei den Berlinern in der zurückliegenden Transferperiode. Die Konkurrenz fand fleißig, wie Köln den Stürmer Anthony Modeste, den sie bei Hertha auch gern gehabt hätten.

Dardai musste warten, bis er seine Mannschaft komplett beisammen hatte. Mitchell Weiser und Vladimir Darida kamen zwar früh, Stark und Vedad Ibisevic erst spät.
Trainer müssen komplizierte Dinge einfach erklären können. Dardai macht es in diesem Fall mit einem Gleichnis: „Wenn ich viel Geld habe, dann kann ich in die Stadt gehen und mir in den teuersten Läden die schönen Kleider kaufen.
Alle vier Neulinge in der Startelf
Da brauche ich nicht zu überlegen. Aber es könnte sein, dass die Klamotten am Ende nur im Schrank hängen, weil man nicht gut genug nachgedacht hat und sie doch nicht so passen“, sagt der 39-Jährige.
„Bei uns war es anders: Wir hatten kaum Geld, deshalb mussten wir mal hier gucken oder mal dort, bis wir etwas gefunden haben. Aber am Ende passen die Neuerwerbungen auch.“
Pals neue Kleider passten gegen Köln ziemlich gut. Sie haben, um im Bild zu bleiben, Hertha sogar insgesamt ziemlich aufgehübscht. Erstmals in dieser Saison standen alle vier Zugänge in der Startelf.
Dardai fordert Siegermentalität
Ibisevic traf doppelt, Darida war im Mittelfeld wieder einmal das Scharnier für Herthas neuen Kombinationsfußball, Stark stabilisierte die Abwehr, und Weiser machte als Rechtsverteidiger hinten und vorn ziemlich viel richtig, obwohl er zum zweiten Mal mit einem gebrochenen Zeh spielen musste. „Das spricht für seinen Charakter“, sagt Dardai.

Der Ungar hatte erlebt, wie seine Mannschaft in der vergangenen Rückrunde auch an ihrer Wankelmütigkeit krankte. Mit den vier Zugängen habe man sich nun verstärkt – spielerisch, aber auch mental. „Wir wollten Siegermentalität dazu holen, und die haben wir bekommen“, sagt Dardai.
Für Michael Preetz war das keine leichte Aufgabe. Es war ein schwieriger Sommer für Herthas Manager. Keine Kohle, aber viele Baustellen. Der Umbruch im Team, auch wenn er so nie bezeichnet wurde, war groß.
Vier aus der eigenen Jugend
Acht Profis gingen (Niemeyer, Wagner, Burchert, Heitinga, Ndjeng, Hosogai, Holland, Schulz). Bis auf Nico Schulz (für drei Millionen Euro nach Gladbach) war das eine Katharsis – ein Selbstreinigungsprozess. Denn: Preetz und Dardai füllten den Kader doppelt zweigleisig auf.
Erste Zweigleisigkeit: Vier Neue wurden verpflichtet. Die anderen vier Plätze vergaben sie an Spieler aus der eigenen Jugend (Kohls, Körber, Mittelstädt und Kauter).
Zweite Zweigleisigkeit: Bei den vier Neuen holte man zwei Soforthilfen – die erfahrenen Ibisevic und Darida – und zwei Spieler für die Zukunft – Stark und Weiser, 21, der ablösefrei vom FC Bayern kam.
Die jungen Stark und Weiser zeigen, dass sie Soforthilfen sind
Aber beide Jungprofis deuteten gegen Köln an, dass sie für Hertha auch schon Soforthilfen sein können. Stark gewann 83 Prozent seiner Zweikämpfe und brachte 89 Prozent seiner Pässe an den eigenen Mann.

Topwerte bei den Berlinern. Weiser gewann 80 Prozent seiner Duelle, und drei von vier seiner Pässe kamen an – hervorragende Zahlen für einen Außenverteidiger. Beide Defensivleute foulten zudem über 90 Minuten kein einziges Mal. Das kann man erwachsen gespielt nennen.
„Hut ab“, hatte Dardai über Starks Leistung nach dem Spiel gesagt. Im Märchen über des Kaisers neue Kleider entpuppt sich der neue Zwirn am Ende bekanntlich als Luft und Schummelei. Der selbstverliebte Kaiser steht dann nackt da. Pal Dardai aber glaubt nicht, dass er sich im Moment blenden lässt.




