Seit Jahrzehnten ist der Shiramine-Schrein in Kyoto eine traditionelle Anlaufstelle für Sportfans. Seit einigen Tagen ist in dem Schrein Hertha BSC prominent platziert. Mit einem blauen Marker sind die Botschaften zweisprachig aufgeführt: in Deutsch und mit japanischen Schriftzeichen. So alt die Pilgerstätte ist, so modern hat der Absender seine Adresse im Twitter-Sprech hinterlassen: ­@herthaner_japan.

Meist ist es so: Wenn Fußball-Fans die Bundesliga aus der Ferne verfolgen, ist der Lieblingsverein ein Anker in die Heimat. Im Blog „Immerhertha“ gibt es eine Reihe von Anhängern, die ihren Klub ­regelmäßig begleiten, auch wenn ihr Lebensweg sie nach Genf geführt hat oder nach Thailand, nach São Paulo oder nach Newport/­Oregon.

Dieser Fall liegt anders. Im bürger­lichen Leben heißt @herthaner_japan Tomohiko Inagaki. Er ist 35, Angestellter und lebt in Sapporo. Hokkaido, die Insel, auf der die Stadt liegt, ist 8288 Kilometer oder sieben Zeitzonen von Berlin entfernt. Wenn in Deutschland etwa am kommenden Sonntag die Partie von Hertha BSC bei Eintracht Frankfurt um 15.30 Uhr angepfiffen wird, ist es in Japan 22.30 Uhr.

Inagaki wird wenige Minuten, nachdem die Startaufstellungen zu diesem Spiel veröffentlicht werden, alle 22 Namen übersetzen und auf Deutsch und Japanisch auf seinem Twitter-Account verbreiten. Wie er überhaupt zeitnah alles übersetzt und in den sozialen Netzwerken einstellt, was einen Hertha-­Bezug aufweist.

Schuld an dieser in Japan eher exotischen Leidenschaft sind die Herren Gilberto und Marcelinho. Inagaki war 2004 zehn Monate lang für einen Sprachkurs in Berlin. Ein Kumpel nahm ihn mit ins Olympiastadion. 45.400 Fans, die Stimmung, die die Ostkurve verbreitete, Tore von Gilberto und Marcelinho. Dass es am Ende gegen den VfL Bochum nur zu einem 2:2 reichte, änderte nichts daran – seit ­jenem Nachmittag im August 2004 ist ­Inagaki der alten Dame verfallen.

Als er im März 2005 zurück in die Heimat flog, hatte er zwölf Hertha-Spiele gesehen. Fortan stellte sich die Frage nach Reisezielen im Urlaub nicht mehr: 2006, 2007, 2008, 2009, 2010 und 2014 ging es nach Berlin – Hertha ­gucken.

Seit 2010 ist Inagaki Hertha-Mitglied. Und freut sich, dass mit Genki Haraguchi und dem derzeit ausgeliehenen Hajime Hosogai zwei Japaner beim Hauptstadtklub unter Vertrag stehen. In Japan übertragen die großen TV-Sender jedes Wochenende fünf Partien aus der Bundesliga: immer Bayern und Dortmund sowie jene Vereine, in denen japanische Nationalspieler im Einsatz sind. Aktuell sind das Schalke, Mainz – und Hertha.

Fußball kämpft in ­Japan um den Rang der beliebtesten Sportart mit Baseball. Die J-League ist populär. Das große Vorbild ist die Premier League aus England. Und die Bundesliga. Inagaki erzählt, dass Hertha in Japan ­eher unbekannt ist. Er versteht sich als Botschafter für Berlin. Ob er in der Freizeit selbst kickt oder spazieren geht, Inagaki trägt stets ein Hertha-Trikot. Seine Mission braucht einen langen Atem. Sapporo hat 1,9 Millionen Einwohner. Fans von Borussia Dortmund und Schalke haben bereits einen Stammtisch gegründet. Für eine Hertha-Runde auf Hokkaido sucht Inagaki noch Mitstreiter.

Bei allem, worin der Fußball in Europa weiter ist als in Japan: Eine Sache hat ihn im Olympiastadion nicht beeindruckt, die fettige Bratwurst. In Japan gehe man zum Fußball, um seine Mannschaft zu sehen – und um hervorragend zu essen. Jedes Lokal im Stadion werbe mit seiner Spezialität, dem „Stadion Gourmet“.

Aber natürlich hat er seine Dienstreise nach Kyoto genutzt. Seinen ­Besuch beim Shiramine-Schrein hat er präzise vorbereitet. Die blauen und roten ­Bänder waren dabei, mit denen die dünnen Balser-Holzplatten am Schrein aufgehängt werden. Seine Tafel, die jetzt zwischen Schals vom FC Blau-Weiß Luzern und Tottenham hängt, hat zwei Botschaften: „Saison 15/16 – ­Klassenerhalt. Irgendwann – Deutscher Meister #hahohe.“