Immer Hertha

Mit dem Rücken an der Wand

Hertha kämpft um den Klassenerhalt, die Anhänger gehen auf Tour

Auf der A2, irgendwo zwischen Hannover und Helmstedt. Der Tacho im Immerhertha-Shuttle zeigt 180 km/h. Im Radio läuft Westernhagen: „Mit dem Rücken an der Wand, Johnny Walker, komm gieß dich noch mal ein, Johnny, lass 13 grade sein!“ Das ist bei Hertha nicht anders, murmelt einer der Insassen.

Mit dem Rücken an der Wand, das beschreibt die Situation von Hertha BSC. Nach drei Niederlagen in Folge steht der Hauptstadtklub vor zwei existenziellen Spielen: Ein Sieg muss her entweder am Sonnabend gegen Frankfurt oder eine Woche später in Hoffenheim. Die Fanseele leidet. Auch, wenn das Auftreten bei Auswärtsreisen ruppig ist wie immer. Ob München oder Stuttgart, Hamburg oder Bremen – steigen Hertha-Fans aus dem Zug, wird die neue Stadt begrüßt mit einem lautstarken „Kniet nieder, ihr Bauern. Die Hauptstadt kommt.“

Der Eindruck täuscht. Die Anhänger von Hertha sind verunsichert. Die Abstiege 2010 und 2012 haben tiefe Spuren hinterlassen. Der Schlussspurt dieser Saison wird entscheiden, ob Berlin künftig erst- oder zweitklassigen Fußball sieht. Und bei den Anhängern kreist die bange Frage: Verliert Hertha nicht regelmäßig die wirklich wichtigen Spiele?

Ich habe diese These im Internet zur Diskussion gestellt, bei Immerher-tha.de, dem Blog der Morgenpost. Dieser Blog, der seit fünf Jahren täglich erscheint, ist für mich der größte Sprung in der journalistischen Arbeit, seit ich mit diesem Job vor 25 Jahren begonnen habe. Deshalb trägt diese Kolumne den gleichnamigen Titel. Im Blog reagieren die Nutzer prompt in den Kommentaren: Zustimmend, ablehnend, eigene Erlebnisse beisteuernd, abschweifend. Der Nutzer „Trikottauscher“ wehrte sofort ab: „Das ist jetzt nicht Dein Ernst, so eine fragwürdige Diskussion anzuschieben.“ Der User „Opa“ meinte in Anspielung auf die einzigen Titel von Hertha, die Meisterschaften von 1930 und 1931: „Jeder Verein kann mal ein schlechtes Jahrhundert haben.“

Dann wurde zusammengetragen, wo Hertha in Schlüsselmomenten versagt hat: In der verlorenen Relegation 2012 gegen Fortuna Düsseldorf (1:2, 2:2). Oder wie Hertha mit teurem Kader den Sprung in die Champions League verpasst hat: Im Mai 2005 mit einer Nullnummer gegen Hannover. Im Mai 2009 unter Lucien Favre, als Hertha sich beim Absteiger Karlsruher SC mit 0:4 blamierte.

Aber der Blog sammelte auch Belege dafür, dass Hertha sehr wohl die Nerven behält, wenn es darauf ankommt. Etwa am letzten Spieltag im Mai 2012 gegen Hoffenheim, als Raffael mit seinem Tor in der Nachspielzeit für kollektiven Freudentaumel im Olympiastadion sorgte. Oder jenes fulminante 3:0 beim HSV, mit dem Hertha bereits im Februar 2014 den vorzeitigen Klassenerhalt so gut wie sicherstellte. Der Nutzer „Dan“ schreibt, er sei nicht der Fan eines Loser-Vereins. „Zeigen nicht die Beispiele von TeBe, Dresden, Bielefeld, wie die wahre Niederlage aussieht, die uns bevorstehen kann?“

Das Schreckensszenario heißt Abstieg. Eine Herausforderung, die einige Teilnehmer des Blogs offensiv angehen. So machten sich am vergangenen Wochenende acht Immerherthaner auf den 495 Kilometer langen Weg, um die Hertha-Profis in Dortmund zu unterstützen.

Die Stimmung auf der Rückfahrt war, der Niederlage entsprechend, gedämpft. Die Fanseele leidet. Als der Kleinbus aber nach Mitternacht unterm Funkturm landete, war man sich einig. Steht der Klassenerhalt am letzten Spieltag noch auf der Kippe, geht der Immerhertha-Shuttle erneut auf Tour, dann Richtung Hoffenheim.

Lesen Sie morgen: Die Rathaus-Kolumne von Gilbert Schomaker