Bundesliga

Seit 15 Monaten wartet Hertha an einem Sonntag auf einen Sieg

Hertha BSC hat jedes Sonntagsspiel in dieser Saison verloren und steckt nach der Pleite gegen Freiburg im Tief. Nun geht es gegen das Topteam Wolfsburg, und Trainer Pal Dardai beschwört den Teamgeist.

Foto: Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

„Wir stecken knöcheltief in der Scheiße, Männer. Das könnt ihr mir glauben. Und wir können da hocken bleiben und uns den Arsch aufreißen lassen. Oder wir können uns wieder nach oben kämpfen – ans Licht. Wir können aus dieser Hölle aufsteigen – Stück für Stück.“

Zugegeben: Nicht Pal Dardai hat das gesagt, sondern Al Pacino. Als Cheftrainer Tony D’Amato steht er in der Kabine vor seiner Football-Mannschaft der Miami Sharks und schwört sie auf das Spiel gegen einen übermächtigen Gegner ein.

Zuletzt hagelte es nur Pleiten. Jetzt geht es um die Existenz. „Entweder bestehen wir als ein Team. Oder wir werden untergehen – als Einzelgänger“, brüllt Al Pacino in seine Spieler hinein. Und weil „An jedem verdammten Sonntag“ nun einmal ein Film der späten 90er-Jahre ist, gewinnt das aufgestachelte Team die Partie. Abspann.

Fünf Spiele sonntags, fünf Pleiten und 1:13 Tore

Im Fall von Hertha BSC handelt es sich nicht um einen Film – und wenn doch, um einen schlechten. Er könnte dann ebenfalls „An jedem verdammten Sonntag“ heißen. Denn zur Malaise der Berliner in dieser Saison gehört auch, dass es am Tag des Herrn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Pleite gibt. Fünf Mal musste Hertha schon sonntags antreten. Fünf Niederlagen resultierten daraus – und ein Torverhältnis von 1:13. Der letzte Sieg an einem Sonntag liegt 15 Monate zurück.

Das wäre dann schon mal der erste Grund, kaum zuversichtlich auf die Partie gegen den VfL Wolfsburg zu blicken. Bei den Niedersachsen tritt Hertha am Sonntag an (17.30 Uhr). Der zweite ist der Gegner selbst, der derzeit aus Berliner Sicht ebenfalls übermächtig erscheint. Elf Partien hat der VfL nicht mehr verloren – daheim überhaupt noch nicht in dieser Spielzeit.

Dazu stellt der Tabellenzweite mit Bas Dost auch den Spieler der Stunde: Der Stürmer traf in den vergangenen sechs Pflichtspielen zehn Mal. Grund Nummer drei sind die letzten Eindrücke der Blau-Weißen. Gegen den Tabellenletzten Freiburg – am Sonntag natürlich – präsentierte sich Hertha in so erschreckend schwacher Form, dass eine Wiederholung des Sieges aus dem Hinspiel gegen Wolfsburg schwer vorstellbar ist.

„Zeigen, dass wir Herthaner sind“

Vielleicht hat Pal Dardai bei „An jedem verdammten Sonntag“ genau zugehört. Vielleicht kennt Herthas Cheftrainer den Film aber auch gar nicht. Die Parallelen sind dennoch offensichtlich: Hertha steckt als Tabellenvorletzter ebenso knöcheltief im Morast, und Dardai setzt in dieser schwierigen Gemengelage wie Al Pacino auf die Beschwörung des Teamgeistes.

„Wolfsburg ist in einer überragenden Form. Entscheidend wird sein, dass meine Mannschaft rausgeht und schon in den ersten 20 Minuten zeigt: Wir sind da. Wir sind Herthaner“, sagt der Ungar. Das dürfte auch deshalb wichtig sein, weil der VfL der Frühstarter der Liga ist: Kein Team erzielte mehr Treffer in der ersten Viertelstunde (elf). Hertha dagegen startet immer gemächlich. Als einziges Team gelang noch kein Treffer in den ersten 15 Minuten.

Seine Mannschaft habe gegen Wolfsburgs Starensemble um Dost, Kevin de Bruyne und André Schürrle nur eine Chance, „wenn wir uns gegenseitig aushelfen, füreinander laufen und die richtige Spannung zeigen“, sagt Dardai. „Wenn aber jeder nur mit sich selbst beschäftig ist, haben wir Probleme.“ Dass seine Spieler nach dem Tief gegen Freiburg die Schultern hängen lassen und sich den eigenen Zweifeln widmen, hat Dardai vor allem mit Zuspruch zu verhindern versucht. Im Training lobte er seine Profis selbst bei missglückten Aktionen. Darüber hinaus versucht er vor dem Spiel gegen Wolfsburg den Druck vom Team zu nehmen.

Bessere Körpersprache gefordert

„Nach dem Spiel gegen Freiburg wird es jetzt für uns leichter“, sagt der 38-Jährige, was zunächst ja paradox klingt. Dardai erklärt es so: „Gegen Freiburg waren wir so schlecht. Noch einmal kann uns das nicht passieren. Jeder weiß jetzt, was los ist, und wir müssen uns nun als Mannschaft präsentieren.“

Man kann sich die Frage stellen, ob derartiges Handauflegen ausreicht, um die vielen Mängel in seiner Mannschaft zu beheben. Doch andererseits bleibt Dardai kaum anderes übrig, als in Hollywoodfilm-Manier mit Motivationsreden aufzurütteln. Intern hat er zudem am schwachen Spielaufbau und am Torabschluss nach schnellem Umkehrspiel gewerkelt. Gegen Wolfsburg wird er die Seinen defensiver als gegen Freiburg agieren lassen und auf Konter setzen.

Nach der abgesessenen Gelb-Rot-Sperre soll Kapitän Fabian Lustenberger im zentralen Mittelfeld zusammen mit Per Skjelbred für Stabilität sorgen. Dahinter verteidigen wieder Jens Hegeler und John Brooks. Er wolle „einen Punkt oder Punkte mitnehmen“, sagt Dardai. Aber auch eine Niederlage wäre zu verkraften, „wenn wir die richtige Körpersprache zeigen und ein gutes Spiel machen. Dann wären wir schon einen Schritt weiter“.

Stück für Stück zurück ans Licht. Das forderte Al Pacino im Film. Pal Dardai und Hertha BSC hoffen darauf, dass es auch in der Wirklichkeit ein Happy End gibt. Das nächste Sonntagsspiel wartet erst im April.