Bundesliga

Pal Dardai – Neuer Hertha-Trainer mit „blau-weißem Blut“

Mit Pal Dardai hat der Berliner Fußball-Bundesligist einen Feuerwehrmann aus den eigenen Reihen engagiert. Der Ungar sorgt für neue Lockerheit – Manager Preetz muss sich jedoch Fragen gefallen lassen.

Foto: Oliver Mehlis / dpa

Pal Dardai stoppte den gesamten Tross. „Nein, alle noch mal zurück. Ronny, du bist Brasilianer, oder?“ Als Brasilianer verfüge Ronny doch über ein besonderes Rhythmusgefühl. „Ronny, es ist wie im Spiel: Die ganze Mannschaft muss im gleichen Rhythmus sein.“ Und dann begann die Prozedur von vorn: Im Laufschritt „auf die Brust schlagen, auf die Oberschenkel, die Arme zur Seite. Und wieder auf die Brust.“

Man kennt diese Übungen von US-Marines. Bei den Profis von Hertha BSC bewirkten sie dafür, dass jene sich komplett neu konzentrieren mussten. Für Heiterkeit sorgte, dass neben Ronny auch Sandro Wagner immer mal wieder aus dem Takt geriet.

Das war das erste Trainingsziel des Neuen: Die Mannschaft aus dem gewohnten Trott zu bringen. Und bei aller Anspannung das Lachen zurückzubringen. Pal Dardai, 38, war am Mittag auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz als neuer Trainer von Hertha BSC vorgestellt worden.

Auch Gellhaus und Reekers weg

Zunächst hatte Manager Michael Preetz begründet, warum die Geschäftsführung Trainer Jos Luhukay sowie dessen Assistenten Markus Gellhaus und Rob Reekers beurlaubt hatte: „Ich bedanke mich ausdrücklich bei den Dreien für die erfolgreiche Zusammenarbeit“, sagte Preetz. In den ersten beiden Jahren sei mit dem Bundesliga-Aufstieg sowie dem vorzeitigen Klassenerhalt das Saisonziel jeweils klar erreicht worden. „Wir sind mit ihnen aus einer schwierigen Zeit zurück gekommen“, so Preetz.

Doch die Entwicklung der vergangenen Monate habe die Geschäftsführung zu dem Urteil gebracht: „Wir glauben, dass wir von außen einen neuen Impuls brauchten.“ Hertha hatte sich im gesamten Kalenderjahr 2014 nicht weiterentwickelt. Aus den letzten sieben Spielen unter Luhukay holte Hertha lediglich vier Punkte. Nach dem 0:1 gegen Leverkusen, der dritten Niederlage in Folge, steht Hertha auf Abstiegsrang 17.

Preetz muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es ungeschickt aussieht, das Trainer-Gespann, das gerade vier Wochen Vorbereitungszeit mit der Mannschaft gearbeitet hat, schon nach vier Tagen in der Rückrunde zu entlassen. Preetz begründete das so: „Das Vertrauen in die Fähigkeiten des Trainerteams hat uns bewogen, die Winterpause und den Rückrunden-Start abzuwarten.“

Der zehnte Trainer unter Preetz

Nach der mittlerweile elften Saisonniederlage zog Preetz jedoch die Reißleine und entband Luhukay am Mittag von seiner Funktion. Wohl wissend, dass damit wieder nicht aufgegangen ist, wonach Hertha seit Jahren sucht: Kontinuität auf der Trainer-Position. Preetz ist seit Sommer 2009 im Amt, Dardai ist sein mittlerweile zehnter Trainer.

Der Neue ist ein alter Bekannter. Dardai, seit 1997 im Klub, ist mit 286 Bundesliga-Einsätzen der Rekordspieler von Hertha. Der Ungar legte einen heiteren, aber entschlossenen ersten Auftritt hin. Die Aufgabe sei eine Ehrensache für ihn. Der Verein habe ihn nach Deutschland geholt, hier habe er Bundesliga gespielt, hier habe er die Nachwuchsarbeit machen können. „Ich bin ein Berliner. Ich bin ein Herthaner, mein Blut ist blau-weiß“, sagte Dardai.

Und Dardai versprach Erfolg. „Die Mannschaft hat Qualität. Es gibt genügend Spieler für eine viel, viel bessere Platzierung, als dort, wo Hertha jetzt steht.“ Allerdings hat Dardai keine Zeit. Heute steht das Abschlusstraining an, am morgigen Sonnabend tritt Hertha beim FSV Mainz 05 an (15.30 Uhr). Er ging noch einen Schritt weiter. „Ich werde arbeiten bis zum Tod, damit wir frühzeitig die Klasse halten. Ich will nicht, dass die Fans zittern müssen.“

Co-Trainer Widmayer half schon 2011

So ganz überraschend war die Entscheidung für Dardai, der auch Nationaltrainer von Ungarn ist, nicht. Der ungarische Fußballverband MLS veröffentlichte gestern eine kurze Notiz auf seiner Homepage. Demnach habe Hertha, als man Anfang Dezember vergangenen Jahres die Bedingungen für die Zusammenarbeit zwischen Dardai und dem Verband festzurrte, hinterlegt: Unter Umständen würde Dardai noch während der EM-Qualifikation als Trainer der Profimannschaft von Hertha benötigt.

Dazu befragt, antwortete Preetz ausweichend: „Wir reden kommende Woche mit dem ungarischen Verband.“ Nach Aussage des ungarischen Verbandes sei für diesen Fall vereinbart, dass Dardai beide Jobs in einer Doppel-Funktion übernehmen könne.

Dardai wird der Chef, ihm fehlt aber noch eine letzte Prüfung für die Fußballlehrer-Lizenz. Deshalb hat er sich einen erfahrenen Kollegen als Cotrainer gewünscht, der zudem die erforderlichen Papiere mitbringt: Rainer Widmayer, 47. Das ist eine echte Überraschung.

Widmayer war Co-Trainer in der Ära Markus Babbel. Im Team anerkannt als harter, leidenschaftlicher Arbeiter, der den Großteil der Trainingsarbeit übernahm. Widmayer hatte Hertha im Dezember 2011 geholfen, als Babbel just entlassen war. Da coachte Widmayer das Team zu einem überzeugenden Sieg im DFB-Pokal gegen den 1. FC Kaiserslautern (3:1).

Preetz will sich Gedanken machen

Donnerstagmorgen rief Preetz bei Widmayer an, der in der Nähe von Stuttgart lebt. Der fragte, wie lange er Zeit habe, über das Angebot nachzudenken. Preetz: „Zehn Minuten.“ Widmayer: „Eine Stunde wäre besser.“ Es dauerte keine fünf Minuten, dann rief Widmayer beim Hertha-Manager zurück: „Ich mach’s, bin heute Abend in Berlin.“

Die Lösung Dardai/Widmayer gilt „bis auf weiteres“. Das meine, dass Hertha Vertrauen in das Trainer-Duo habe. „Auf der anderen Seite ist es unsere Pflicht, uns den einen oder anderen Gedanken mehr zu machen“, sagte Preetz.

Unmittelbar im Anschluss an seine Vorstellung nahm Dardai die Arbeit mit der Mannschaft auf. „Die Defensive stärken, das Umschaltspiel verbessern, das gehen wir in der kommenden Woche an, dafür reicht jetzt die Zeit nicht.“ Einige Spieler hätten zuletzt verunsichert gewirkt. Für die Aufgabe in Mainz gehe es darum, die Köpfe der Spieler frei zu bekommen und auch mal etwas Lockerheit auf den Platz zu bekommen. „Ronny, du bist doch Brasilianer, oder?“