Bundesliga

Hertha BSC und das Prinzip Per Skjelbred

Der Norweger Per Skjelbred ist für Hertha wichtiger denn je, weil er einen Stil prägt, der den Erfolg bringt: bedingungslose Hingabe. Trainer Jos Luhukay setzt deshalb auch gegen Frankfurt auf ihn.

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Aberglaube? Kann schon sein. Aber irgendwie ist das auch schwer vorstellbar bei Jos Luhukay – einem Mann der Prinzipien, nicht der Gefühle. Also vielleicht eher ein Prinzip. Irgendwo muss es ja herrühren, dass Herthas Cheftrainer eine ganz bestimmte Angewohnheit hat: Immer, wenn seine Mannschaft ein Spiel gewinnt in dieser Saison, macht er gar nichts. Zumindest nichts an der Startaufstellung. Ist sein Team siegreich, bleibt alles, wie es ist – sofern keiner einen Krankenschein einreicht.

So war es nach dem 1:0 gegen Wolfsburg, nach dem 3:2 gegen Stuttgart und auch nach dem 2:1 gegen Köln. Nur nach dem 3:0 gegen den HSV musste Luhukay im Pokal tauschen, weil sich Änis Ben-Hatira verletzte. „Never change a winning Team“, heißt es ja. Das klingt zwar nach Aberglaube, ist aber auch nur eine Art Festhalten am Moment des Erfolgs, der für Hertha in dieser bisher so seltsamen Spielzeit unangenehm flüchtig ist.

Den fünften Sieg der Saison gab es am vergangenen Sonnabend gegen Dortmund (1:0). Und wenn es nach Luhukay geht, wird auch am Mittwoch bei Eintracht Frankfurt (20 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) bei seiner Aufstellung wieder alles beim Alten bleiben – trotz nur vier Tagen Regenerationszeit und, wenn es sein muss, auch gegen Widerstände. Denn eigentlich sah es so aus, als müsse sich Mittelfeldspieler Per Skjelbred abmelden.

Langkamp verdrängt Heitinga aus dem Kader

Den nennen sie in seiner Heimat Norwegen „Kartoffel“, weil er auf allerhand Positionen spielen kann. Das soll witzig sein, denn auch die Kartoffel passt ja zu fast jedem Gericht. Aber gegen den BVB hatte die Kartoffel Skjelbred allerhand Druckstellen abbekommen. Zudem plagt ihn seither eine Blessur in der linken Wade. Erst am Dienstagnachmittag nach dem abschließenden Training vor der Abreise nach Frankfurt meldete sich Skjelbred fit. Zur Sicherheit nahm Luhukay aber statt 18 diesmal 19 Mann in den Kader auf: Valentin Stocker ist nach seiner Adduktorenverletzung wieder dabei und auch erstmals Innenverteidiger Sebastian Langkamp, der dreieinhalb Monate verletzt fehlte. Für ihn musste John Heitinga Platz machen.

„Wenn Per richtig trainieren kann, wird er auch in der Startelf stehen“, hatte Luhukay noch am Dienstagmittag bei der Pressekonferenz gesagt. Das war erstaunlich, weil sich der Niederländer sonst selten in die Karten gucken lässt, aber es entsprach auch den Eindrücken der vergangenen Wochen: Denn neben dem Prinzip „Never change a winning team“ hat der 51-Jährige noch ein weiteres: das Prinzip Skjelbred. Ist der norwegische Nationalspieler gesund, spielt er bei Luhukay – mal im defensiven, mal im offensiven Mittelfeld. Seit ihn Hertha im Sommer endgültig für rund 1,5 Millionen Euro vom HSV verpflichtete, hat sich das Ansehen des 27-Jährigen im Klub und bei seinem Trainer noch einmal deutlich verbessert.

Luhukay lobt den Norweger: „Einer der wichtigsten Spieler“

Schon in der vergangenen Saison, als Skjelbred im Tausch für Pierre-Michel Lasogga für ein Jahr auf Leihbasis nach Berlin kam, setzte Luhukay meistens auf ihn. 28 Spiele bestritt er. Nur einmal stand er davon nicht in der Startelf. Skjelbred war das Fleißbienchen im Team, schwirrte mal da rum, mal dort, war immer sehr viel unterwegs, aber ein zentraler Spieler, an dem sich andere aufrichten, war er nicht. Das hat sich nun geändert: „Seit Per fest bei uns ist, ist er einer der wichtigsten Spieler im Team“, sagt Luhukay.

Er laufe durchschnittlich die meisten Kilometer (fast zwölf pro Spiel), sei dazu besonders beim Pressing und Ballerobern enorm effektiv: So entstand auch der Siegtreffer gegen den BVB durch Julian Schieber. Skjelbred hatte den Ball im Mittelfeld gestohlen und dem Stürmer zugeschoben. „Für uns“, sagt Luhukay, „ist Per ein klasse Spieler mit einem unglaublichen Herz“.

Erfolgreich mit Underdog-Fußball

Auch Per Skjelbred selbst hat gemerkt, dass sich irgendetwas verändert hat im Vergleich zum Vorjahr. Luhukay hatte ihn in Abwesenheit von Kapitän Fabian Lustenberger und dessen Vertreter Peter Pekarik zwar auch zum Ersatz-Spielführer ernannt, aber das war es nicht. „Meine Rolle ist: Ich gebe immer Vollgas für die Mannschaft. Das ist meine Stärke, und vielleicht wird sie derzeit etwas mehr gebraucht, weil wir in einer schwierigeren Phase stecken als noch in der letzten Saison“, sagt Skjelbred, und er trifft es damit.

Für Hertha ist Skjelbred wichtiger denn je, weil er den Stil vorlebt, mit dem die Berliner ausschließlich in dieser seltsam inkonstanten Saison Erfolg haben: uneingeschränkter Einsatzwille, ein Underdog-Fußball, nie wirklich filigran, aber leidenschaftlich. Alle Spiele, die Hertha gewann, wurden im Skjelbred-Stil der völligen Hingabe erzielt – ob gegen Wolfsburg, Stuttgart, HSV, Köln oder – besonders anschaulich – gegen den BVB.

Skjelbreds Rolle war dabei meist die des Abfangjägers, der schnell in den Angriffsmodus umschaltete. Das liegt ihm. Doch soll er das Spiel gestalten, bleibt er meist bemüht, aber blass. Genau so geht es Hertha im Allgemeinen: Verteidigen die Berliner laufstark und schalten schnell um, sind sie erfolgreich – nur dann, muss man nach 15 Spielen in dieser Saison sagen.

Böse Erinnerungen an Frankfurt

Wollen sie aber mitspielen, unterliegen sie meist, weil es nach den Ausfällen von Alex Baumjohann und Tolga Cigerci keinen tauglichen Spielgestalter im Team gibt (dass Ronny dies kann, hat er auf Dauer nicht bewiesen).

Skjelbred findet, dass es nach dem Sieg gegen den BVB deshalb auch keinen Grund gibt, etwas gegen Frankfurt am Stil zu ändern: „Wir müssen weiter so kämpfen und realistisch sein: wissen, was wir können und was nicht.“ An die Eintracht-Arena hat er persönlich nicht die besten Erinnerungen: Zum Jahresbeginn unterlief ihm dort ein Fehler, der zur 0:1-Niederlage führte.

Das mache ihm aber ebenso wenig Sorgen wie der Umstand, dass Luhukays Prinzip bisher nie aufging, weil nach jedem Sieg in dieser Saison stets eine Pleite folgte. Abergläubisch sei er nämlich nicht.