Bundesliga

Für Hertha ist die München-Pleite dennoch ein Mutmacher

Trotz der knappen Niederlage gegen die Bayern kann Hertha zuversichtlich in den Jahresendspurt gehen. Trainer Luhukay hofft auf 20 Punkte bis zur Winterpause – und kritisiert seinen Starstürmer.

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Am Tag nach der Niederlage gegen den FC Bayern war die Stimmung am Schenckendorffplatz, dem Trainingsplatz von Hertha BSC, frostig. Das hatte vor allem etwas mit den winterlichen Temperaturen um den Nullpunkt zu tun. Und auch das 0:1 gegen den Rekordmeister hatte längst noch nicht jeder beim Berliner Fußball-Bundesligisten verdaut. „Wir durften gegen die beste Mannschaft der Welt spielen“, sagte etwa Jens Hegeler, „leider haben wir nichts geholt.“

Die Heimniederlage im vollbesetzten Olympiastadion ist rein faktisch gesehen tatsächlich ein Rückschlag nach dem wichtigen Auswärtssieg in der Woche zuvor in Köln (2:1). Und dass man gegen die schier übermächtigen Münchner tatsächlich etwas holt, werden auch nur die kühnsten Optimisten im blau-weißen Lager erwartet haben. „Wer sind wir als Hertha BSC, dass wir uns in irgendeiner Form mit Bayern München vergleichen können?“, fragte Trainer Jos Luhulay.

Der Niederländer ist für seine bescheidene Art bekannt. Und doch lässt sich seine Frage ganz klar beantworten: Hertha ist die Mannschaft, die gegen die am Sonnabend keineswegs übermächtigen Bayern die knappste aller Niederlagen kassiert hat. Das bringt seine Mannschaft nicht auf eine Stufe mit Schalke, Hamburg oder Mönchengladbach, die den Bayern sogar einen Punkt abtrotzen konnten. Doch es macht Mut für die kommenden schweren Aufgaben in Gladbach und gegen Borussia Dortmund an den kommenden beiden Sonnabenden.

Glauben, Leidenschaft und Mut sind gefordert

Vor allem in der zweiten Halbzeit gegen München offenbarte Hertha, welcher Tugenden es bedarf, um auch gegen höherklassige Konkurrenz bestehen zu können: Glauben an die eigenen Fähigkeiten, Leidenschaft und Mut. Eben jene 45 Minuten nach der Pause sind es, die man im Jahresendspurt mitnehmen möchte.

„Wir haben Glück gehabt, dass wir nur mit einem 0:1-Rückstand in der Pause konfrontiert wurden“, erklärte Luhukay: „Aber je länger das Spiel in der zweiten Halbzeit lief, desto mehr Überzeugung hatten wir. Mit dem letzten Quäntchen Glück hätten wir den Ausgleich erzielen können, der dann auch nicht unverdient gewesen wäre.“ Mittelfeldspieler Per Skjelbred merkte sogar an: „Mit dem Gefühl, das wir in der zweiten Halbzeit hatten, hätten wir sogar 1:0 gewinnen können.“

Das klingt vielleicht ein wenig vermessen, verdeutlicht aber, was passieren kann, wenn die Berliner mit Selbstvertrauen, mit Mut zu Werke gehen. Dem Gegner nicht – wie den Bayern in Halbzeit eins – mit höchstem Respekt das Spielfeld überlassen. Wenn aggressiver attackiert und offensiver gespielt wird. „Wir hatten einige ganz gute Kontersituationen. Wenn da der letzte Ball ankommt, dann wird es gefährlich. Spielen wir das besser aus, hätten wir einen Punkt geholt“, sagte Hegeler.

Vier Kilometer mehr gelaufen als die Bayern

Hertha im Herbst 2014 – das ist eine Mannschaft, die tief im Abstiegskampf steckt, sich jedoch mit Leidenschaft gegen jeden Rückschlag stemmt. Selbst wenn die Aufgabe noch so schwer ist. Die Statistik zeigt: Gegen die Bayern liefen die Herthaner mit 121,4 Kilometern gleich vier Kilometer mehr als das Starensemble. Ein Beleg dafür, dass man die Herausforderung annimmt und sie mit den zur Verfügung stehenden Mitteln meistern will.

Selbst die Psyche dürfte keinen Knacks bekommen. Sicher, 0:1 ist auch verloren. Doch nur ein Gegentor gegen die Münchner Tormaschinerie hinterlässt weniger Spuren als eine 0:6-Demütigung.

Und was Glaube an die eigene Stärke bedeutet, unterstrich Hertha Innenverteidigung Hegeler/John Brooks. „Sie haben erst zum zweiten Mal zusammengespielt, nun sogar gegen die Besten vom Besten“, sagte Luhukay: „Das haben sie über 90 Minuten mehr als gut gemacht. Sie haben sich beide immer gut abgesichert. Man kann sie nur loben.“ Tatsächlich kam Bayerns Stürmerstar Robert Lewandowski erst in der Schlussphase, als Hertha die Deckung längst entblößt hatte, zu zwei Großchancen, die Torwart Thomas Kraft bravourös meisterte.

„Kalou muss als Teamspieler wertvoller werden“

Nur mit Salomon Kalou ging der Hertha-Coach hart ins Gericht. Der Angreifer hatte gegen die Bayern seinem Sturmkollegen Julian Schieber gut eine Stunde lang den Vortritt lassen müssen, ehe er ihn ersetzte. „Ich glaube, dass wir als Team mit Julian Schieber gut aufgestellt sind. Salomon muss daran arbeiten, dass er für das Team wertvoller wird und nicht nur situativ ein Tor erzielt“, begründete Luhukay seine Maßnahme: „Er muss als Teamspieler wertvoller werden, nicht nur bei Ballverlust, sondern auch bei Ballbesitz. Da kann er zulegen, und ich denke, da wird er auch zulegen.“ Klarer kann die Botschaft an den Nationalspieler der Elfenbeinküste und Champions-League-Sieger von 2012 nicht sein.

Wie wichtig Kalou für Hertha ist, zeigte der Ivorer nach seiner Einwechslung. Mit ihm kam ein wenig Struktur ins Hertha-Spiel, und hätte er nicht kurz nach seiner Einwechslung den Ball nur um eine Fußspitze verfehlt...

Doch es nützt nichts, solchen Chancen lange nachzutrauern. „Wir wissen, das unser Restprogramm nicht leicht ist“, blickte Luhukay denn auch nach vorne: „Aber es ist immer noch möglich, zwei Siege aus den restlichen vier Partien zu erzielen. Und mit 20 Punkten wäre ich sehr froh, in die Winterpause zu gehen.“ Dieses Zwischenziel im Blick, kann der Auftritt gegen die Bayern durchaus als Mutmacher gewertet werden.