Zum Leben eines Fußball-Profis gehört es, dass er sich manchmal eine gepflegte Unverschämtheit anhören muss. Es ist gerade zwei Wochen her, dass ein Mitglied bei der Hertha-Versammlung Manager Michael Preetz fragte, warum Marcel Ndjeng eigentlich Bundesliga spiele. Preetz schüttelte den Kopf. „Ich beantworte diese Frage nicht, mit Verlaub, das ist ungehörig.“

Ndjeng gab die Antwort auf seine Weise. Im Rhein-Energie-Stadion in Köln lief die 86. Minute, Freistoß für Hertha. Der rechte Außenverteidiger schob die kleine Traube der Kollegen beiseite und ließ keine Diskussion aufkommen. „Ich schieße.“ Sekunden später lag der Ball im Kölner Tor, Hertha feierte Ndjeng. Der hatte seinen Freistoß zwar hoch ins linke Eck zirkeln wollen, am Ende hoppelte der Ball, abgefälscht vom Kölner Anthony Ujah, unten rechts ins Netz. Egal, es war der 2:1-Siegtreffer.

Ndjeng selbstkritisch

Ndjeng zeigte auch am Tag nach dem ersten Auswärtserfolg seit neun Monaten, warum er seit elf Jahren im Profi-Geschäft unterwegs ist. Er fände es gut, wenn weniger über ihn gesprochen würde. „Sondern mehr darüber, wie wichtig dieses Spiel für das Selbstvertrauen der Mannschaft ist. Dass wir uns trotz der Rückschläge der vergangenen Wochen in Köln belohnt haben für unseren Aufwand.“

Ndjeng nervt das ewige Pendeln zwischen den Extremen, so, wie Fußball häufig in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. „Wir wissen, dass das sicher nicht unser bestes Spiel war.“ Aber die Mannschaft habe einiges von dem umgesetzt, was man sich vorgenommen hatte. Hertha war läuferisch stark, kam auf 119,6 Kilometer (1. FC Köln: 119,2 km). Zudem dominierte der Hauptstadt-Klub bei den Zweikämpfen (54 Prozent gewonnen).

Einige Profis haben Probleme mit dem Druck in Berlin

Den Kritikern gilt Ndjeng als Phänomen. Als Lieblingsspieler von Trainer Jos Luhukay, weil das Duo bereits auf der vierten Station miteinander arbeitet (zuvor bei Borussia Mönchengladbach, dem SC Paderborn und dem FC Augsburg).

Wer genau hinschaut, sieht jedoch: Ndjeng zahlt das Vertrauen zurück. In Berlin mit dem großen Olympiastadion und der extremen Medien-Öffentlichkeit ist schon mancher Profi unter dem Erwartungsdruck in die Knie gegangen, übrigens auch ein Phänomen bei einigen Akteuren des aktuellen Hertha-Jahrganges.

„Kein Spieler ist so kritisiert worden wie Hegeler“

Ndjeng kann sich selbst realistisch einordnen. Er weiß, dass er kein Weltklasse-Kicker ist. Aber er weiß um seine Stärken. Er legte beim 1:0 gegen den VfL Wolfsburg mit einer präzisen Flanke den Assist für Salomon Kalou auf – eine Aktion, die den wichtigen ersten Saisonsieg brachte. In Köln übernahm Ndjeng die Verantwortung beim Freistoß kurz vor dem Ende, daraus resultierte der erste Auswärtserfolg.

Das Vertrauen in die eigene Qualität – dieser Eigenschaft zeigte auch Jens Hegeler. Der Mann von Bayer Leverkusen, im Sommer für eine Million Euro geholt, war als kommender Führungsspieler, als Wunschpersonalie des Trainers angekündigt worden. Und hatte, aus einer langen Verletzungspause kommend, zunächst partout keinen Anschluss an den Hochgeschwindigkeitsfußball des Jahres 2014 gefunden. Zu langsam, zu wenig Dynamik. „Kein Spieler ist so kritisiert worden wie Jens“, sagte Trainer Luhukay, „er ist mit der Kritik sehr gut umgegangen. Deshalb freut es mich besonders, dass er seine Aufgabe so gut gelöst hat.“

„Heitinga hat der Mannschaft nicht den Rückhalt gegeben“

Hegeler, ein offensiver Mittelfeldspieler, spielte nach den vielen Verletzungsausfällen gegen Köln als Innenverteidiger. „Das war eine besondere, aber auch eine reizvolle Situation“, berichtete Hegeler. „Ich habe die Position zuletzt vor fünf Jahren gespielt.“ Die Entscheidung, Hegeler zu bringen und John Heitinga, Vizeweltmeister mit den Niederlanden, auf die Bank zu setzen, war eine mutige vom Trainer. Wäre es schief gegangen, hätte es Kritik gehagelt. „Ich weiß“, sagte Luhukay: „Aber ich laufe nicht davon vor unbequemen Entscheidungen.“ Nach Heitinga gefragt, sagte der Trainer im ZDF-Sportstudio: „John muss sich jetzt gedulden, weil er der Mannschaft in den letzten Wochen nicht den Rückhalt gegeben hat.“

Hegeler formulierte seine Aufgabe so: „Wir hatten in den letzten Spielen hinten zu viel zugelassen, das war unser Manko. Da wollten wir uns alle konzentrieren.“ Grundsätzlich wisse er, wie die Aufgabe als Innenverteidiger funktioniere. „Aber die Räume, in denen man steht, sind andere.“

Hegeler gewinnt 80 Prozent seiner Zweikämpfe

Sein Arbeitsnachweis: Hegeler gewann 80 Prozent seiner Zweikämpfe, brachte 83 Prozent seiner Pässe zum eigenen Mitspieler. Da Manndecker-Kollege John Brooks gar 86 Prozent seiner Zweikämpfe gewann, setzte Hertha das Vorhaben um, weitgehend defensiv stabil zu stehen. Da die derzeit verletzten Innenverteidiger Fabian Lustenberger und Sebastian Langkamp in diesem Jahr nicht mehr spielen können, wird Hegeler sein Hinweis nicht helfen: „Ich sehe mich als Mittelfeldspieler.“ Bei noch fünf ausstehenden Begegnungen bis Weihnachten werden Hegeler/Brooks bis auf weiteres im Abwehrzentrum stehen.

Ein Extralob gab es für den Interimskapitän. Noch am Morgen des Spieles hatte der Trainer Per Skjelbred gefragt, der nach einem Magen-Darm-Infekt ziemlich bleich am Frühstückstisch saß, wie es gehe. „Ich spiele, Trainer“, lautete die Antwort des norwegischen Nationalspielers. Nicht mehr ganz so laut fiel sein Nachsatz aus: „Mal sehen, wie lange es geht.“

Extralob für Kapitän Skjelbred

Nach den 90 Bundesliga-Minuten war Skjelbred mit 13,02 Kilometern die längste Strecke aller Spieler auf dem Platz gelaufen. Luhukay war beeindruckt. „Das zeigt den Charakter von Per. Er weiß nicht, wie lange es geht – und stellt dann ein neue persönliche Bestmarke für diese Saison auf.“

Herthas Restprogramm ist schwer (Bayern/heim, Gladbach/auswärts, Dortmund/h, Frankfurt/a, Hoffenheim/h). Um so größer war die Erleichterung über den vierten Saisonsieg. Die Abstiegszone liegt drei Punkte entfernt. Weil so ein Dreier auch eine vertrauensbildende Maßnahme ist für die Beziehung zwischen Trainer und Mannschaft. Luhukay weist immer darauf hin, dass Entwicklung Geduld braucht. Aber nichts stärkt den Zusammenhalt einer Gruppe mehr, als dass die gemeinsame Arbeit zum Erfolgserlebnis führt.

Eistorte für die Geburtstagskinder

Vom Trainer ist bekannt, dass er weder trinkt noch raucht noch tanzt. Aber er hat eine Schwäche für Süßes. Im Mannschaftshotel in Köln gab es anlässlich der Geburtstage von Mittelfeldspieler Peter Niemeyer (wurde 31) und Teamleiter Nello di Martino (63) zwei Eistorten. Luhukay bekannte: „Die waren gut. Ich habe zwei große Stücken genommen.“