Der Trainer warb vor den Mitgliedern um Geduld. „Wir wollen in kleinen Schritten dahin kommen, dass wir uns nach oben orientieren. Es ist ein langer Weg.“ Der Präsident warf die Vorhaben fürs kommende Jahr per Beamer auf die Leinwand. Das erste Ziel lautet: „Verbleib in der Bundesliga“. Das zweite: „Weitere finanzielle Konsolidierung“. Die Rede war von verbesserter Nachwuchsarbeit, von mehr Mitgliedern und mehr Sponsoren. Das letzte Ziel lautet: „Weiter ruhig bleiben“.

Nein, die Rede ist nicht von der Mitgliederversammlung von Hertha BSC, auch wenn alle diese Punkte so oder ähnlich von der Klubführung vor zehn Tagen unterm Funkturm vorgetragen wurden. Es geht um die Mitgliederversammlung des 1. FC Köln vom vergangenen Wochenende. Die Stimmungslage des Hertha-Gegners vom Sonnabend (Anstoß in Köln: 18.30 Uhr) klingt seltsam vertraut. Seit einigen Jahren hören auch die Mitglieder des Hauptstadt-Klubs ähnliche Botschaften.

Realismus statt Lautsprechertum

Für beide Vereine bedeuten die Vorträge einen Kulturwandel. Weder Berlin noch Köln sind für Bescheidenheit oder für Demut bekannt. Doch die Zeiten des Lautsprechertums, der maximalen Erwartungen, das Heilsbringertum irgendwelcher Daums oder Podolskis – vorbei. Aus der Not heraus werden mittlerweile beide Klubs von Verantwortlichen geführt, die den Blick auf das Machbare einfordern und Realismus anmahnen.

Tradition hin, ehemalige Erfolge her – Hertha ist in den vergangenen vier Jahren zwei Mal ab- und zwei Mal aufgestiegen. Der FC, 1964 erster Deutscher Meister der damals neuen Bundesliga, ist seit 1998 fünf (!) Mal ab- und eben so oft aufgestiegen. Beide Gründungsmitglieder der Bundesliga stehen vor der gleichen Herausforderung: Wie entkommt man dem Fahrstuhl zwischen Ober- und Unterhaus? Wie etabliert man sich in der Bundesliga?

Hertha liegt hinter den Erwartungen zurück

Wolfgang Overath, als Weltmeister von 1974 eine FC-Legende, beschreibt das Dilemma: „Von der Tradition her gehört der FC immer in die Bundesliga. Aber man muss sich dafür durch Leistung qualifizieren.“ Im ersten Saison-Drittel seiner mittlerweile 44. Erstliga-Saison hat der 1. FC Köln, Aufsteiger aus Liga zwei, das mit der Leistung besser hinbekommen als Hertha. Nach elf Runden steht der FC mit 15 Punkten im gesicherten Mittelfeld (vier Siege, drei Remis, vier Niederlagen). Die identische Ausbeute, die Hertha als Vorjahres-Aufsteiger im November vor einem Jahr aufgewiesen hat. Aktuell rangieren die Berliner mit nur elf Punkten jedoch hinter den Erwartungen, gerade zwei Zähler vor dem letzten Platz.

Beide Vereine setzen auf ähnliche Personalkonstellationen. Weder die Kölner Führungsriege mit Präsident Werner Spinner und Geschäftsführer Jörg Schmadtke, noch die von Hertha mit Präsident Werner Gegenbauer und Manager Michael Preetz, gehören zu den Lautsprechern der Branche. Am Rhein hatte es Tradition, namhafte Trainer zu verpflichten: Hennes Weisweiler, Georg Kessler, Christoph Daum, Bernd Schuster oder Huub Stevens.

Traditionsclubs in der Geld-Falle

Um so verwunderter wurde im Sommer 2013 die Wahl des in Deutschland unbekannten Österreichers Peter Stöger als neuer FC-Trainer zur Kenntnis genommen. Auch in Berlin fehlte es nicht an Kritik, als Jos Luhukay vorgestellt wurde. Zu wenig glamourös, kein Star-Trainer, keine internationale Erfahrung hießen die Schlagworte.

Ob Köln oder Berlin – diese Sichtweise war über Jahrzehnte Teil des Problems. Weder der FC noch Hertha können sich echte Stars leisten. Ganz zu schweigen von der Teilnahme an internationalen Wettbewerben. Wie andere Traditionsklubs haben der 1. FC Köln und Hertha damit zu kämpfen, dass es sechs, sieben Vereine gibt, die finanziell in unerreichbaren Dimensionen spielen (Bayern, Dortmund, Schalke, Leverkusen, Wolfsburg, Gladbach, Hoffenheim). Mit den derzeitigen Zweitligisten RB Leipzig und dem FC Ingolstadt sind zwei weitere finanzkräftige Konkurrenten auf der Überholspur. Dazwischen kämpfen Hannover 96, HSV, Eintracht Frankfurt, Werder Bremen, der VfB Stuttgart ums Überleben – sowie der 1. FC Köln und Hertha. Im Rückspiegel tauchen bereits die wenig geliebten, aber finanzstarken Zweitliga-Rivalen RB Leipzig und FC Ingolstadt auf.

Big Point-Spiel gegen Hertha

In Köln und Berlin hat sich das Anforderungsprofil der Trainer geändert. Gefragt ist die Robustheit, sich eben nicht von der permanenten Unruhe in ihren Millionen-Städten aus dem Konzept bringen lassen. Ob Stöger oder Luhukay, das Credo lautet: hart arbeiten, Schritt für Schritt gehen. Es geht darum, sich in der Liga zu etablieren. Und, derzeit in Berlin wichtig: Wenn das Hertha-Schiff sich in schwieriger See bewegt, lassen sich Trainer und Vereinsführung nicht von einem nervösen Umfeld runterziehen.

FC-Trainer Stöger sagt zur Begegnung am Sonnabend: „Gegen Hertha, das ist ein kleines Big-Point-Spiel. Wir wollen die Positivstimmung mitnehmen.“

Heim-Schwäche trifft Auswärts-Schwäche

In Berlin sagt Trainer Luhukay im Wissen um das schwere Restprogramm bis Weihnachten (u.a. mit Spielen gegen Bayern, Gladbach, BVB und Hoffenheim): „Wir wissen, dass wir zuletzt zu wenig Punkte geholt haben. Es ist wichtig, dass wir in Köln einen Sieg anstreben.“

So wird die Ansetzung der zwölften Bundesliga-Runde zu einer Frage, wer das stabilere Nervenkostüm hat. Köln tut sich auswärts leichter, hat im heimischen Stadion erst einen Saisonsieg eingefahren. Hertha hingegen hat von fünf Auswärtspartien kein einziges gewonnen.