Bundesliga

Herthas Ziel heißt auch in der nächsten Saison Klassenerhalt

Dank einer realistischen Vereinspolitik spielt Hertha BSC das beste Bundesliga-Jahr seit 2009. In der kommenden Saison benötigen die Berliner mehr Tiefe im Kader – und mehr Heimstärke.

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Es fühlt sich in der Rückrunde zwar nicht so an, es ist aber so: Hertha BSC spielt eine historische Saison. Mit dem Punkt in Augsburg sowie der Niederlage am Ostersonntag von Nürnberg (1:4 gegen Leverkusen) ist der Klassenerhalt perfekt. Vier Runden vor Saisonende steht damit fest, dass der Aufsteiger auch 2014/15 erstklassig spielen wird. Hört sich zwar nicht spektakulär an. Aber Hertha legte damit erstmals seit 2009 – seit dem Abgang des vormaligen Managers Dieter Hoeneß – eine gelungene Bundesliga-Saison hin. Bekanntlich waren die Berliner 2010 und 2012 abgestiegen, in der Folge-Saison mussten sie sich jeweils wieder fürs Oberhaus qualifizieren. „Als Aufsteiger ist es keine Selbstverständlichkeit, die Bundesliga zu halten“, sagte Manager Preetz. „Ich bin froh und glücklich.“

Die Morgenpost nennt die fünf wichtigsten Gründe für den Klassenerhalt:

Trainer gibt den Kurs vor

Jos Luhukay, seit 2012 im Amt, führt ein straffes Regiment. Für den Coach zählt Leistung. Jeder bekommt die Chance, sich anzubieten. Ob namhafter Spieler oder unbekanntes Talent, da lässt sich der Trainer überzeugen. Luhukay arbeitet meist mit der Methode ‚fordern und fördern‘. In beiden Saisons bei Hertha hat Luhukay das selbstgesteckte Ziel vorzeitig erreicht: 2013 den Aufstieg mit Rekordpunktzahl, 2014 den Klassenerhalt. Die potenzielle Unruhe um den Verein herum wundert Luhukay manchmal, er lässt sie aber nicht an sich heran. Ein Problem hat, wer das Vertrauen von Luhukay verliert. Ob Torwarttrainer Christian Fiedler oder die Profis Maik Franz und Peer Kluge – wenn Luhukay den Daumen senkt, ist der Job weg. Was der bienenfleißige Niederländer bisher nicht beweisen konnte: Wie es um seine Fähigkeiten als Krisenmanager bestellt ist. Schlicht, weil es in seiner Amtszeit keine existenzielle Krise gab.

Team nutzt das Momentum

Das erste Saisonspiel war das spektakulärste. Mit 6:1 fegte der Aufsteiger Eintracht Frankfurt aus dem Olympiastadion. Das Selbstbewusstsein wuchs. Der Teamgeist, eine Stärke der Vorsaison, griff auch in der Bundesliga. Hertha nervte die Gegner mit kompromissloser Defensivarbeit – und schnellen Kontern. Auch Negativschlagzeilen um angebliche Verfehlungen ungenannter Hertha-Profis im vergangenen August steckte die Mannschaft weg und antwortete mit einem 1:0 gegen den HSV. Vorzeitig stellte das Team mit drei Siegen in Folge kurz vor Weihnachten die Signale auf Klassenerhalt. Das Punktepolster war so groß, dass der Hauptstadt-Klub sich ein sehr schwache Rückrunde leisten konnte – und dennoch nicht in Gefahr geriet.

Polyvalenz statt Spezialisten

Hertha hat wenig Spezialisten. Trainer Luhukay profitierte von dem, was einst Lucien Favre von Herthas Spielern gefordert hatte, ihre Polyvalenz. Gemeint ist die Vielseitigkeit eines Alexander Baumjohann. Der wurde als Spieler für die rechte Außenbahn geholt, überzeugt aber als Spielmacher im Zentrum. Per Skjelbred, ebenfalls für die rechte Seite vorgesehen, gab den Dauerläufer im defensiven Mittelfeld oder auf der Nummer 10. Levan Kobiashvili, 36 und Linksverteidiger, wurde kurz vor seiner Profi-Rente umgeschult auf die Position des Innenverteidigers. Rechtsverteidiger Peter Pekarik wurde in Schlüsselspielen gegen Dortmund oder Gladbach zum eigenen Erstaunen auf links eingesetzt.

Starke Unterstützung der Fans

Hertha kommt auf einen Schnitt von 50.264 Besuchern im Olympiastadion. Der steigt noch, weil gegen Braunschweig und Dortmund jeweils mehr als 70.000 Fans kommen werden. Die Unterstützung war hervorragend, besonders gegen den FC Bayern. Klein, aber fein, der Support auswärts, wo jeweils 2000 bis 4000 Fans mitfahren.

Unterschiedsspieler Adrian Ramos

Eine starke Saison spielen Kapitän Fabian Lustenberger, Hajime Hosogai und Sebastian Langkamp. Aber der Unterschiedsspieler ist Adrian Ramos. 16 Tore und sieben Vorlagen gelangen dem Kolumbianer. Vor allem der psychologisch wichtige erste Treffer ist eine seiner Stärken. Nicht zufällig wird Ramos Hertha für die Rekordablöse von zehn Millionen Euro Richtung Dortmund verlassen.

Fünf Fragen, die Hertha zur kommenden Saison lösen muss:

Wer ersetzt den Torjäger?

Die Schlüsselpersonalie für Manager Preetz. Nichts ist so schwer zu finden und deshalb so teuer, wie gefährliche Stürmer. Auf dem Papier ist Pierre-Michel Lasogga gesetzt, Rückkehrer vom HSV. Noch offen ist, ob Lasogga seinen Vertrag in Berlin verlängert. Zusätzlich wird in jedem Fall ein wendiger, schneller Angreifer gesucht.

Wie ist der Kader zu verbreitern?

Je länger Leistungsträger wie Baumjohann und Lustenberger fehlten, umso deutlicher wurde: Hertha braucht mehr Qualität im Kader. „Wir müssen ums breiter aufstellen, um besser auf Ausfälle reagieren zu können“, sagt Manager Preetz. Mindestens vier Neue wird es geben. Alle sollten gehobenes Liga-Niveau treffen. Ein Kandidat ist Linksverteidiger Matthias Ostrzolek (FC Augsburg). Anders als im Vorjahr werden nicht alle Neuen zum Trainingsstart dabei sein. Wegen der WM in Brasilien kommt der Spieler-Markt erst später in Schwung.

Welches System passt

Mit Herthas Momentum war es vorbei, als die Gegner die Konterstärke der Berliner ernst nahmen. Neben dem klassischen 4-2-3-1-System müssen sich die Berliner weiterentwickeln, um auch ein 4-1-4-1 oder ein 4-3-3 spielen zu können.

Wo geht es zur Heimstärke?

Hertha gehört zu den raren Teams in Europa, die in der Fremde mehr Punkte holen als daheim (20/18). Hertha muss ein dominante Spielweise finden, weil selbst besser besetzte Konkurrenten wie Leverkusen, Schalke oder Wolfsburg extrem defensiv im Olympiastadion auftraten – und jeweils die Punkte mitnahmen.

Wie lautet das neue Saisonziel?

Seit dem Einstieg vom Finanzinvestor KKR im Januar träumt mancher im Umfeld den alten Traum: Ein Hauptstadt-Klub gehört in die Champions League. Das ist nicht zu erwarten. Auch 2014/15 heißt das Saisonziel ‚sicherer Klassenerhalt’. Die Liga ist so eng zusammen, dass Geduld gefordert ist. Beispiel Nürnberg: Der Club spielt seine fünfte Erstliga-Saison in Folge. Aber diverse Verletzungen, unglückliche Spielverläufe – prompt droht der Abstieg. Manager Preetz: „Wir wollen Hertha in der Bundesliga etablieren, das ist ein langfristiger Prozess“.