Bundesliga

Was Hertha BSC von Augsburg lernen kann

Der FC Augsburg hat einen deutlich niedrigeren Lizenzspieler-Etat als Hertha und bestreitet doch die Saison erfolgreicher als die Berliner. Die Augsburger machen offenbar aus weniger mehr.

Foto: Annegret Hilse / PA/Sven Simon

Augsburgs Trainer Markus Weinzierl lächelte. Dazu hatte er allen Grund. Sein Team war das erste, das dem über allen Kategorien schwebenden FC Bayern in dieser Bundesliga-Saison eine Niederlage beibrachte. „Ich warte noch auf den Anruf von Carlo Ancelotti“, sagte Weinzierl weiter grinsend. Vielleicht würde der Trainer von Real Madrid noch Tipps für das Halbfinale der Champions League gegen den deutschen Rekordmeister benötigen.

Auf einer ähnlichen Glückswelle wie die Augsburger surfte auch Hertha in der Hinrunde, brachte Bayern in München beim begeisternden 2:3 an den Rand einer Niederlage und erntete viel Lob von Pep Guardiola für den mutigen Auftritt. Doch in der Rückrunde ist alles wie weggewischt. Die Berliner sind Letzter in der Rückrundentabelle. Niemand würde im Moment fragen, ob der Trainer von Real Madrid angerufen hat. Vor dem Duell gegen den FC Augsburg (Sonnabend, 15.30 Uhr/Sky) muss Hertha anerkennen, dass die bayerischen Schwaben aus weniger Mitteln mehr machen als die Berliner.

Luhukay fordert mehr Leidenschaft

Niemand nervt diese Erkenntnis mehr als den ehemaligen Augsburger Trainer Jos Luhukay. Immer wieder forderte er in den vergangenen Wochen bei internen Besprechungen sein Team auf, sich an Mannschaften wie Braunschweig, Freiburg und eben auch Augsburg ein Beispiel zu nehmen, die mit großer Leidenschaft in ihre Partien gehen.

Alles Anstacheln, alles Appellieren an den Ehrgeiz half bisher allerdings nichts. Seit acht Spielen wartet der Niederländer auf einen Sieg seiner Mannschaft. Besonders ärgern dürfte ihn, dass die Augsburger das durchziehen, was Hertha sich vorgenommen hat. Sie spielen eine in jeder Hinsicht konstante Saison und stehen auf Platz acht. Auf diesem Rang beendeten sie die Hinrunde, und dort landen sie auch in der Rückrundentabelle. Hertha hingegen ist nach einer sehr guten Hinserie geradezu abgestürzt.

Hertha ist individuell stärker besetzt

Setzt man allein die Namen des offensiven Potenzials der Berliner gegen die Augsburger, wird klar, dass Hertha individuell besser besetzt ist. Adrian Ramos steht Sascha Mölders gegenüber und dem offensiven Mittelfeld mit Sami Allagui, Alexander Baumjohann und Änis Ben-Hatira Spieler wie André Hahn, Halil Altintop und Tobias Werner. Hertha plante vor der Saison mit 23 Millionen Euro Ausgaben für die Lizenzspielerabteilung. Der FC Augsburg nahm sich vor, in der Saison mit sechs Millionen Euro weniger als die Berliner auszukommen.

„Das Kollektiv macht sie stark. Das ist bei ihnen sehr ausgeprägt. Sie spielen sehr homogen und mit viel Leidenschaft“, sagte Jos Luhukay über die Stärken des Gegners. Es muss dem Niederländer unangenehm sein, das zu sagen. Schließlich erwartet er auch von seinen Profis diese Geschlossenheit.

Augsburg kann Ausfälle besser kompensieren

Auffällig ist, dass das Team von Markus Weinzierl deutlich besser mit Ausfällen zurechtkommt. Hertha gelang dies in der Vorrunde nach dem Kreuzbandriss von Alexander Baumjohann noch ähnlich gut. Doch das Fehlen von Kapitän Fabian Lustenberger (Muskelfaserris) und die zunehmenden kleineren verletzungsbedingten Auszeiten wie die von Mittelfeldspieler Tolga Cigerci waren nicht zu kompensieren. Klar hatte Augsburg bei Weitem nicht solch heftige Ausfälle. Doch beim sensationellen 1:0 über den FC Bayern fehlten sogar noch Spieler wie Tobias Werner und André Hahn.

Zu große Abhängigkeit von Adrian Ramos

An einem Spieler wie Hahn, der als Rechtsaußen in dieser Saison bereits zehn Tore geschossen und sieben vorbereitet hat, wird ein Unterschied deutlich. Der 23-Jährige kam vor eineinhalb Jahren aus der 3. Liga zu Augsburg, startete durch und wird zum Saisonende den Verein Richtung Mönchengladbach verlassen. Eine Ausstiegsklausel zum vergleichsweise günstigen Preis von 2,25 Millionen Euro macht es möglich.

Ein Verlust, der mit dem Weggang von Hertha-Angreifer Adrian Ramos zu vergleichen ist. Der Kolumbianer schoss 16 Tore und bereitete sieben in dieser Spielzeit vor. Dortmund zahlt 9,7 Millionen Euro Ablöse. Doch Augsburg ist im Offensivspiel nicht so stark von Hahn abhängig wie Hertha von Ramos. Nicht umsonst kündigte Luhukay nach dem beschlossenen Transfer an, die Aufgaben von Ramos auf verschiedene Schultern zu verteilen.

Augsburg als Vorbild für die nächste Hertha-Saison

Augsburg kann in dieser Sicht als Vorbild für Hertha in der kommenden Saison gelten. Der Druck, der von den Außenpositionen kommt, sei es durch die Verteidiger oder die Mittelfeldspieler, ist deutlich höher. 472 Flanken schlugen die Profis von Markus Weinzierl, auch wenn nur jede vierte ihr Ziel findet. Hertha kommt bei einer fast gleichen Quote auf nur 334 Flankenversuche.

Nicht ein Berliner Spieler findet sich in dieser Statistik in den Top 25 der Bundesliga. Dafür mit Hahn, Werner, Matthias Ostrzolek und Raphael Holzhauser gleich vier Augsburger. Mit dieser Stärke, mehr Druck über die Außenbahnen auszuüben, könnte Luhukays Team das eigene Spiel variabler gestalten. Gerade wenn es gegen Klubs geht, die sich auf Herthas Konterspiel eingestellt haben.

Es gibt noch einen Unterschied. Das Umfeld ist komplett anders. „Der Standort und die Medienlandschaft ist viel unaufgeregter in Augsburg. Man kann dort besser mit Enttäuschungen umgehen. Das tut dem Verein gut“, sagte Luhukay. Der Niederländer beschwert sich nicht über die aufgeregten, manchmal hyperventilierenden Schlagzeilen in Berlin, wo Adrian Ramos in seiner besten Saison für Hertha eine Torkrise und Hertha als Aufsteiger nach drei sieglosen Ligaspielen in Folge in einer der besten Hinrunden der Vereinsgeschichte ein veritabler Notstand bescheinigt wurde. Aber nachdenklich wirkt der Trainer in solchen Momenten schon. Vielleicht ist er dann auch froh, keine Fragen nach möglichen Anrufen von Carlo Ancelotti beantworten zu müssen. Wenigstens das nicht.