Bundesliga

1:3 gegen die Bayern – Hertha-Trainer Luhukay schlägt Alarm

Nach der dritten Niederlage in Folge geht Herthas Trainer seine Spieler ungewohnt kritisch an und beklagt Qualitätsmängel im Kader. Am Freitag geht es auf Schalke, dem zweitbesten Team der Rückrunde.

1:3 gegen die übermächtigen FC Bayern. Die Münchener feierten im ausverkauften Olympiastadion ihren 24. Meistertitel, im Expresstempo sichergestellt. Da könnte man sich als Gegner höflich für die Unterstützung der Fans bedanken und schulterzuckend zum Alltag übergehen. Nicht so Jos Luhukay. Der Trainer von Hertha BSC nutzte die Demonstration, die die derzeit beste Mannschaft der Welt erteilt hatte, um seine Spieler in die Pflicht zu nehmen.

Glimpflich kamen die Youngster davon. Luhukay hatte gegen die Münchener drei Hertha-Eigengewächse in die Startelf beordert: John Brooks (elfter Bundesliga-Einsatz), Nico Schulz (19.) und Hany Mukhtar (8.). Auf der Bank saßen mit Marius Gersbeck und Fabian Holland weitere Talente. „Die kennen die Bayern bisher nur vom Fernseher. Jetzt standen sie als Profis gegen diese Mannschaft auf dem Platz“, sagte Luhukay. „Aber sie haben erlebt, dass es ein langer, mühsamer Weg ist, um auf Bundesliga-Topniveau zu kommen.“

Mukhtar mit nur 24 Ballkontakte

Schulz sagte, es sei beeindruckend gewesen: „Wie die sich bewegen. Wie fokussiert die gespielt haben trotz 25 Punkten Vorsprung.“ Für Mukhtar war es „sauschwer“ (Luhukay). Weil der offensive Mittelfeldspieler regelmäßig Bälle braucht, um seine Stärken wie ein gutes Passspiel oder seine Dribbelkünste zeigen zu können. Das Problem jedoch war, dass Hertha lediglich 18 Prozent Ballbesitz hatte. So wurde Mukhtar nach 71 Minuten ausgewechselt – nach 24 Ballkontakten.

Deutlicher wurde Luhukay mit Blick auf die anderen Profis. „Natürlich spielen wir mit den Bayern nicht auf Augenhöhe. Aber es ist für jeden Spieler wichtig, zu sehen, dass er hart an sich arbeiten muss, um eine solche Überlegenheit auszugleichen.“ So vermisste der Trainer die mentale Robustheit, sich unbedingt behaupten zu wollen.

Schalke stellt die zweitbeste Rückrunden-Mannschaft

Nun bleiben die Hürden für Hertha auch künftig hoch. Zum Ende der englischen Woche tritt der Hauptstadt-Klub Freitag bei Schalke 04 an (20.30 Uhr). Die Mannschaft von Trainer Jens Keller ist das zweitbeste Team der Rückrunde. Luhukay: „Auch Freitag sind wir in der Qualität unterlegen.“ Die geringeren Möglichkeiten „müssen wir kompensieren, indem wir mentalen Widerstand leisten. Das braucht einen Profi auf Topniveau.“

So vorzüglich das Hertha in der Hinrunde gelungen sei, so wenig zufrieden ist der Trainer mit der Rückrunde. Luhukay hat keine Bedenken, in Abstiegsgefahr zu geraten. Schließlich betrug der Vorsprung von Hertha auf den Relegationsplatz 16 im Winter 14 Punkte. Und liegt, trotz der mäßigen Rückrunde, aktuell bei beruhigenden 12 Zählern.

Hertha ist zu leicht ausrechenbar

Der Trainer hat bereits die Planung des kommenden Spieljahres im Auge. Und zieht sechs Wochen vor Saisonende die Daumenschrauben an. „Das erste halbe Jahr war fantastisch. Da waren wir unberechenbar. Doch das hat sich geändert. Wir haben keine Spieler, die den Unterschied machen. Außer Adrian Ramos.“ Das sei zu wenig.

Hertha habe ein Problem in der Offensive. Luhukay: „Und das nicht erst seit gestern oder vorgestern. Jede Mannschaft braucht zwei, drei oder vier Spieler für die letzte Durchschlagskraft.“ Zumal jeder ahnt, dass Ramos Hertha im Sommer verlassen wird.

Luhukay schlägt Alarm

Damit nicht genug. Luhukay: „Alle anderen müssen froh sein, dass sie im Kader stehen oder Startelf spielen dürfen.“ Luhukay Einschätzung: „Hertha ist keine standfeste Mannschaft, die alles wegstecken kann. Wir sind eine durchschnittliche Mannschaft.“

Der Trainer schlägt Alarm. Bleibt die Frage, wer der Adressat der wiederholten Kritik ist. Schon vor fünf Tagen hat der Luhukay angekündigt, dass zur neuen Saison Verstärkungen geplant sind für jeden Mannschaftsteil. Konkret hatte er von „etwa vier Neuen“ gesprochen.

Die Mannschaft soll umgebaut werden

Nicht gemeint ist die Hertha-Vereinsführung. Michael Preetz, als Geschäftsführer Sport der Vorgesetzte des Trainers, saß neben Luhukay bei dessen Ausführungen. Coach und Manager sind sich einig in der Kader-Planung. Die Beiden haben den jetzigen Kader zusammengestellt. Und wollen ihn weiterentwickeln. So haben sie es auch im vergangenen Sommer nach dem geglückten Aufstieg aus der Zweiten Liga gehalten.

Luhukay verwendet intern gern das Bild, die Entwicklung einer Mannschaft müsse man sich wie ein großes Glas Wasser vorstellen. Kommen oben vier Spieler dazu. gibt es unten einen Ausfluss, aus dem die entsprechende Menge herausgespült wird. Profis, über die Luhukay seinen Daumen gesenkt hat, werden aussortiert, unabhängig davon, ob sie noch unter Vertrag stehen. Maik Franz und Peer Kluge, die derzeit vor dem Arbeitsgericht Berlin auf Wiederaufnahme ins Profitraininig klagen, wissen ein Lied davon zu singen.

Allagui und Ben-Hatira brauchen gute Spiele

Konkret angesprochen dürfen sich Änis Ben-Hatira und Sami Allagui fühlen. Allagui ist zwar mit sieben Toren der zweitbeste Hertha-Schütze. Aber die Verteilung zwischen Hin- und Rückrunde liegt bei 6:1. Ben-Hatira mag noch so oft aus seinem Umfeld hören, dass er der Star dieses Hertha-Jahrganges sei. Er sollte sich aber mal fragen, warum er von 26 Saisonspielen lediglich sechs Mal über die volle Distanz gespielt hat.

Gegen Bayern saßen beide tunesischen Nationalspieler auf der Tribüne. Der Coach deutete an, es sei möglich, dass sie gegen Schalke wieder in der Startelf stünden. Luhukay sagte: „Spieler und Mannschaft haben gezeigt, dass sie es können. Aber damit es gelingt, muss ich mich hineinknien.“ Die Geduld des Trainers ist endlich. Bis Saisonende bleiben nur noch sieben Spiele.