Bundesliga

Herthas Kraft will den Bayern die Meisterfeier verderben

Der Champions-League-Sieger bringt alle Spieler mit ins ausverkaufte Olympiastadion. Der Rückflug ist erst für Mittwochmittag gebucht. Aber Hertha will sich den Bayern mit aller Macht entgegenstemmen.

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Niemand weiß besser als Thomas Kraft, was Hertha erwartet. Sieben Jahre lang ist der Torwart beim FC Bayern ausgebildet worden. Mit den meisten Münchener Spielern, die heute im Olympiastadion auflaufen, hat er gespielt. „Ich freue mich für die Jungs“, sagt Kraft. Und hat Respekt vor der Serie von mittlerweile 51 Spielen ohne Niederlage, die der Branchenprimus aufgebaut hat. „Die Bayern haben eine gewaltige Qualität.“ Aber Kraft hat nicht das Naturell für Demutsgesten.

Gewiss, ganz Fußball-Deutschland erwartet, dass der FC Bayern am heutigen Dienstag den deutschen Meistertitel perfekt macht (Anstoß 20 Uhr). Die Mannschaft von Kapitän Philipp Lahm spielt eine perfekte Saison. Nach 26 Runden stehen 24 Siege und zwei Unentschieden zu Buche. Folgerichtig stehen die Münchner davor, einen weiteren ihrer vielen Rekorde aufstellen: So früh, nach 27 Spieltagen, hat noch nie in 51 Bundesliga-Jahren eine Mannschaft den Titel geholt.

Bei den Bayern fehlt nur Uli Hoeneß

Die Bayern sind auf Jubel eingerichtet. So sind die Münchener nicht mit dem üblichen 18er-Kader in die Hauptstadt gekommen, sondern mit allen Spielern. „In dem Moment, in dem wir die Meisterschaft gewinnen, müssen wir auch feiern“, sagte Bayern-Trainer Pep Guardiola. Alle Profis, von Franck Ribéry bis hin zu Youngster Pierre-Emile Hojbjerg, sollen an der Party im mit 76.197 Zuschauern ausverkauften Olympiastadion sowie anschließend im Teamhotel teilhaben können. Nur einer ist nicht dabei – Ex-Präsident Uli Hoeneß.

Der Rückflug-Termin wurde relativ spät gelegt, der deutsche Rekordchampion wird erst Mittwochmittag nach München fliegen. „Ich werde sehr glücklich und stolz sein“, sagte Guardiola. Über Bierduschen macht er sich keine Sorgen. „Vielleicht bleibe ich nach dem Abpfiff nicht auf dem Platz, sondern gehe sofort in die Kabine.“

Kraft: Wir müssen daran glauben, die Bayern zu schlagen

Kraft registriert das Ballyhoo zu dieser Begegnung. Aber er ist nicht gewillt, die Partie abzuschenken. „Bei aller Qualität des Gegners“, sagt der Hertha-Torwart, „müssen wir trotzdem daran glauben, auch die Bayern schlagen zu können. Wir wissen, dass das unglaublich schwer wird und bei uns viel zusammenkommen muss.“

Nun datiert der letzte Hertha-Sieg gegen die Bayern vom Februar 2009, einem fulminanten 2:1 (siehe Text unten). Nach den letzten Vorstellungen der Blau-Weißen fällt es indessen schwer, an einen Erfolg gegen die derzeit beste Vereinsmannschaft der Welt zu glauben. Jeweils 0:3 war Hertha gegen Hannover und Gladbach unterlegen. In diesem Jahr konnte die Mannschaft von Trainer Jos Luhukay nicht eines seiner vier Heimspiele gewinnen.

Luhukay verärgert über Langkamp

Ausgerechnet gegen den besten Sturm der Liga wird Torwart Kraft vor sich ein Abwehrzentrum haben, das noch nie zusammengespielt hat. Trainer Jos Luhukay war schwer verärgert, dass Herthas stabilster Manndecker, Sebastian Langkamp, sich in Gladbach eine Verwarnung eingehandelt hat. Langkamp fehlt nun wegen der fünften Gelben Karte gegen die Bayern. Kapitän Fabian Lustenberger ist nach einer Muskelverletzung nach wie vor noch nicht einsatzfähig. Somit könnte es sein, dass Hertha gegen die Weltklasse der Bayern (Mario Mandzukic, Mario Götze oder Thomas Müller) aufbietet: den ältesten Feldspieler der Bundesliga, Levan Kobiashvili, 36. Und Youngster John Brooks, 21, der über die Erfahrung von gerade zwölf Bundesliga-Einsätzen verfügt. Als Alternative stehen Christoph Janker und Anthony Syhre (aus der U23) im Kader.

Kraft ist es jedoch zu billig, die holprige Hertha-Rückrunde auf Personalprobleme zu reduzieren. „Allein auf die Verletzten kann man das nicht schieben. Es ist deutlich, dass uns Leistungsträger fehlen. Trotzdem sind auch andere Dinge dafür verantwortlich, dass es nicht so läuft wie in der Hinrunde.“ Konkret fordert der Torwart: „Wir müssen unsere Effizienz steigern. Und die Konzentration sollte höher werden.“

Guardiola warnt vor Hertha

Davon abgesehen hat Herthas Nr. 1 aus der Hinserie noch eine Rechnung mit den Bayern offen. Da lieferte der Aufsteiger aus Berlin eine gewitzte, couragierte Vorstellung ab und erzielte als einziger deutscher Gegner dieser Saison zwei Tore gegen den Triple-Sieger. Am Ende stand jedoch ein 2:3, weil ausgerechnet Kraft einen schwachen Tag erwischt hatte und bei zwei Gegentreffern eine unglückliche Figur abgab („Kicker“-Note 5).

Bayern-Trainer Guardiola hat sich den Gäste-Auftritt vom vergangenen Oktober gemerkt und warnt den hohen Favoriten vor Überheblichkeit. „Hertha ist stark im Konterspiel mit Ramos. Sie haben eine gute Organisation, sind aggressiv.“ Die Ausgangslage der Gäste ist luxuriös. Bei einem Sieg ist der Titel sicher. Unter Umständen können sich die Münchener sogar eine Niederlage leisten (falls parallel das Verfolger-Duell Dortmund-Schalke mit einem Unentschieden endet).

Preetz: Das Bayern-Spiel ist das Highlight der Saison

Bei den Gastgebern wehrt sich auch der Manager gegen jeden Anflug von Untergangsstimmung, der sich nach zuletzt enttäuschenden Vorstellung um Hertha herum bei dem einen oder anderen Fan breit gemacht hatte. „Natürlich ist das Bayern-Spiel das Highlight“, sagte Michael Preetz. „Die Partie war im Vorverkauf innerhalb von 40 Minuten ausverkauft. Das zeigt, dass dieses Spiel für die Menschen in dieser Stadt eine besondere Bedeutung hat.“

Die Bayern haben schon oft in Berlin gefeiert. Zuletzt vor 297 Tagen, als die Münchener mit dem Sieg im DFB-Pokal das historische Triple perfekt gemacht hatten (3:2 gegen den VfB Stuttgart). Auf die Frage, ob Hertha für die Münchener etwas vorbereitet hat, schüttelte Preetz den Kopf: „Nein, das ist nicht unsere Aufgabe. Aber falls es wirklich so kommt, werden wir herzlich gratulieren.“