Hertha BSC

Sandro Wagner und der seltene Moment der Anerkennung

Kein Spieler bei Hertha wird so kritisch gesehen wie Sandro Wagner. Unter den Fans kursieren Schmähgesänge. Doch beim Sieg gegen Stuttgart zeigte sich der Wert, den der Stürmer für die Berliner hat.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Pressefoto Baumann

Damit ja nicht der falsche Eindruck entstehen konnte, dass hier jemand mit dem Schicksal hadert, griff Sandro Wagner in die Trickkiste des Humors: Ob es ein paar piesackende Sprüche von den Kollegen gegeben habe, wurde Herthas Angreifer gefragt, als er am Sonntagmorgen vom Trainingsplatz schlenderte.

Schließlich hatte Wagner am Vortag beim 2:1 gegen den VfB Stuttgart eine unterhaltsame Show geboten, als der 26-Jährige erst zehn Minuten vor Abpfiff eingewechselt wurde, wenige Augenblicke später das Siegtor köpfte, um dann innerhalb von Sekunden das Kunststück fertig zu bringen, erst die Gelbe (er schoss den Ball weg) und dann die Gelb-Rote Karte (wegen Foulspiel) zu sehen. Kommen, treffen, fliegen – das zieht bisweilen Häme nach sich.

„Nein“, sagte Wagner auf die Frage. „Die Kollegen waren alle froh, dass ich es überhaupt in den Bus geschafft habe.“

Wagner erzielt Herthas 1500. Bundesligator

Der Zweifel daran war berechtigt, denn Wagner musste nach der Partie nicht nur zur Dopingkontrolle, sondern auch eine ganze Weile lang beruhigt werden. Der Platzverweis hatte den Siegtorschützen ordentlich echauffiert, sodass er am Sonnabend der Presse lieber keine Statements gab.

Am Sonntag nun sagte er: „Das war schon kurios. Die erste Gelbe war ok. Das war blöd von mir. Die zweite aber war nichts. Das ist ärgerlich für mich, denn ich muss jetzt ein Spiel zugucken.“ Die Freude über das Tor aber überwiege. Es war Herthas 1500. Bundesligatreffer.

Damit steht der Name Sandro Wagner in einer Reihe mit Hans-Günter Schimmöller, der am 24. August 1963 beim 1:1 gegen Nürnberg das allererste Hertha-Tor erzielte, Detlef Szymanek (das 500., ein 1:0 gegen Eintracht Braunschweig am 24. Januar 1976) und Sebastian Deisler (das 1000., ein 1:0 gegen Köln am 29. September 2001 ). Wagner grinste: „Ich weiß nicht, ob ich noch einen Pokal dafür bekomme.“

Belächelt von den eigenen Fans

Gut 15 Stunden zuvor rollte ein Zug durch die Nacht Richtung Berlin und der Fußboden darin vibrierte. Viele von den 1.800 nach Schwaben mitgereisten Hertha-Fans saßen drin, klatschten, stampften mit den Füßen und sangen zum Rhythmus von Michael Holms 70er-Jahre-Schlagers „Mendocino“: „Saaaandro Waaagner, Saaaaandro Waaaagner, keeeiiiner spielt so schööön wiiie Saaandro Waaagner.“

Eigentlich ist dies ein Schmähgesang, mit dem die Berliner Anhängerschaft den eigenen Stürmer und vor allem seine fehlende Torgefahr verhöhnen. An diesem Abend jedoch wurde daraus ein Loblied auf den Matchwinner von Stuttgart – ein seltener Moment der Anerkennung für Wagner.

Dass es diesen Wagner-Song gibt, erzählt viel über die Wahrnehmung eines Angreifers, der nie mit Kapriolen den Zorn der Anhänger auf sich gezogen hat, aber dennoch der umstrittenste Spieler im Kader ist. 14 Mal wurde der gebürtige Münchner vor der Partie gegen den VfB in dieser Saison eingesetzt. Immer wurde er eingewechselt. Nie gelang ihm dabei ein Tor. Als einziger Spieler im Team musste er auch Pfiffe aus der eigenen Fankurve gegen sich ertragen.

Wagner verkörpert geradezu jenen Fatalismus, der Fußballfans – vor allem den leidgeprüften – bisweilen anhaftet: „Scheiß egal. Wir lieben den Verein trotzdem“. Er rackert. Doch wenn es darum geht, die Daseinsberechtigung eines Stürmers zu unterstreichen – das Toreschießen –, dann geht oft ein bisschen was daneben. Dann sieht das oft ungelenk aus. Dann wird wieder gesungen.

Kein Vorbeikommen an Ramos

Jos Luhukay, Herthas Trainer und Wagners direkter Vorgesetzter, sieht das anders. Im Gegensatz zum Berliner Anhang hegt der Niederländer keinerlei Zweifel am Wert des Stürmers für sein Team: „Ich werde Sandro nie an Toren messen“, sagte Luhukay am Sonntag, was ein erstaunlicher Satz ist.

Denn er gesteht indirekt ein, dass diesbezüglich auch wenig von Wagner zu erwarten ist, hebt aber ebenso hervor, dass dieser andere Qualitäten besitze. Laut Luhukay sind das folgende: „Er ist ein Mannschaftsspieler, ein unglaublich guter Typ. Ob er nur eine Minute spielt oder eine Stunde, Sandro gibt immer 100 Prozent.“

Vor allem aber hat Wagner die Qualität, seine ihm zugeordnete Rolle innerhalb der Mannschaft zugunsten des Teamgeistes zu akzeptieren, und die ist die des Jokers hinter Stammstürmer Adrian Ramos, der bereits 14 Tore erzielt hat. „Ich kenne keinen Stürmer, der momentan an Adrian vorbeikommen würde“, erklärte Luhukay die anhaltende Reservistenrolle des Siegtorschüssen von Stuttgart. Auch Wagner selbst gab zu: „Adrian spielt eine super Saison. Ich kenne keinen Neid und muss meine Rolle annehmen.“

Den Vorzug vor Lasogga erhalten

Doch Ramos ist für den U21-Europameister von 2009 nicht nur Fluch sondern auch Segen: Die Anwesenheit des Kolumbianers zementiert zwar Wagners Stellung als Ersatzmann, doch sein vorbildlicher Umgang damit hat ihn im Verein zum anerkannten und beliebten Spieler reifen lassen.

Während Wagner Anfang September vergangenen Jahres eine Verlängerung seines Vertrags bis 2016 unterschrieb, wurde Pierre-Michel Lasogga nach Hamburg entliehen, weil man ihm nicht zutraute, sich lautlos hinter Ramos einzureihen. Wagner dagegen ist ein Spieler nach Luhukays Geschmack: willig, fleißig und ein Teil des Ganzen. Auch dann noch, wenn die eigene Saison so gar nicht nach den Vorstellungen verläuft – wie derzeit.

Ramos wird im Sommer den Klub verlassen, an Wagners Situation aber wird das wohl wenig ändern. Er bleibt der Mann dahinter. Ob hinter Lasogga, wenn er denn zurückkommt. Oder hinter einem anderen. Wagner selbst sieht das natürlich anders. „Die Karten werden wieder neu gemischt.“ Dass er das tut und nicht mault, wenn es wieder nur zum Joker reicht, erklärt die Wertschätzung, die er bei Hertha genießt.