14 mal war er eingewechselt worden. 14 mal war nichts passiert. Doch in Stuttgart legte Sandro Wagner den spektakulärsten Kurzeinsatz seiner Karriere hin: 79. Minute eingewechselt, 87. Minute mit einem wuchtigen Kopfball den 2:1-Siegtreffer für Hertha BSC erzielt. 89. Minute Gelbe Karte kassiert, 90.+1 mit Gelb-Rot vom Platz geflogen.
Es gab keine Schelte vom Vorgesetzten, im Gegenteil. „Ich bin sehr froh, dass Sandro getroffen hat“, sagte Trainer Jos Luhukay. In einer umkämpften, aber sehr zerfahrenen Partie holten die Berliner den fünften Sieg aus den letzten sechs Spielen in der Fremde. „Im Moment scheint es auswärts besser abzugehen als zu Hause“, sagte Luhukay.
Für seinen Kurzauftritt wird Wagner intern eine große Runde ausgeben müssen. Nicht nur für die Ampel-Karte, nicht nur für sein erstes Saisontor. Dieses 2:1 war zudem der 1500. Hertha-Treffer in der Bundesliga-Historie.
Jubiläum für Marcel Ndjeng
„Wir freuen uns für Sandro, dass er dieses Spiel für uns entschieden hat“, sagte Hertha-Manager Michael Preetz. „Das war ein unglaublich wichtiges Tor für uns, aber auch für ihn.“
Trainer Jos Luhukay hatte in Stuttgart wieder mal eine Überraschung parat. Nach dem Ausfall von Per Skjelbred (Magen-Darm-Infekt) bot er ein 4-1-4-1-System auf. Erstmals agierte Marcel Ndjeng in seinem 50. Bundesliga-Spiel im Zentrum statt auf der rechten Außenbahn. Neu ins Team rückte Nico Schulz.
Die Dramaturgie sprach zunächst für die Gäste. Hertha ging gleich mit dem ersten Angriff in Führung. Nach einer Ecke legte Adrian Ramos den Ball im Stuttgarter Strafraum quer. Levan Kobiashvili zog kurz entschlossen ab, unten links schlug der Ball im Netz ein (5.). In seinem 344. Bundesliga-Spiel durfte sich der älteste Feldspieler der Bundesliga über sein 32. Tor freuen. „Ich genieße solche Momente. Im Moment passt alles“, strahlte Kobiashvili.
Hertha bekam keine Ruhe ins eigene Spiel
Für die Gastgeber war der denkbar schlechteste Fall eingetreten. Nach zuvor sechs Niederlagen lag der VfB gegen den Aufsteiger rasch zurück. Nun entwickelte sich ein wirres, manchmal konfuses Spiel. Stuttgart war verunsichert, es gelangen kaum Kombinationen über drei, vier Stationen. Auch Hertha bekam keine Ruhe ins eigene Spiel. Bezeichnend war die 28. Minute, als Ramos sich energisch den Ball eroberte, einen Gegenspieler stehen ließ – und freistehend aus 15 Metern weit am Tor vorbeischoss.
Hertha zog sich zurück, was sich rächen sollte. Kur vor der Pause verunglückte Torwart Thomas Kraft eine Faustabwehr, der Ball landete bei Arthur Boka. Der zog - während Kraft sich noch aufrappelte – mit einem Gewaltschuss aus 16 Metern ab, der Ball sauste über den Keeper und den auf der Linie stehenden Hajime Hosogai hinweg, 1:1 (45.).
Nach der Pause war Hertha mehrfach im Glück. Nach 51 Minuten entschied der unsicher leitende Schiedsrichter Robert Hartmannn nicht auf Elfmeter, als Nico Schulz im Strafraum Alexandru Maxim zu Fall brachte. Dann spitzelte Martin Harnik in einer Traube von Spielern den Ball nur knapp am rechten Pfosten des Hertha-Tores vorbei (74.).
Keine Strafe für Sandro Wagner
Mehr ließen die Gäste aber nicht zu. Vielbeinig stemmten sie sich den wütenden, aber wenig strukturiert vorgetragenen Angriffen des VfB entgegen. Stattdessen muss sich Hertha Kritik gefallen lassen, seine Konter nicht zielstrebiger ausgespielt zu haben. Die beste Chance erarbeitete sich Tolga Cigerci, brachte den Ball aber trotz Hertha-Überzahl nicht zu einem Mitspieler (54.).
Nachdem die Einwechslungen von Trainer Luhukay zuletzt nicht immer gegriffen hatten, rechtfertigten in Stuttgart die Reservisten das Vertrauen. Cigerci schlug eine scharfe Flanke aus dem Halbfeld, in der Luft behauptete sich Wagner wuchtig gegen den Stuttgarter Schwaab und köpfte den Ball rechts hoch in die Maschen, 2:1. Wagner drehte ab und lief in Richtung der 1800 mitgereisten Hertha-Fans mit seiner Jubel-Pose, die er lange nicht zeigen konnte: Mit ausgebreiteten Armen, gerunzelter Stirn und der Miene: Kinder, war was?
Die zwei gelben Karten, die sich der Torschütze in der noch hektischer werdenden Schlussphase einhandelte, wird Hertha nicht weiter sanktionieren. Auf die Frage, ob es eine Strafe für Wagner gibt, sagte Manager Preetz: „Wir betrachten das nicht so. Es war ein schwieriges Spiel. Wir haben gewonnen. Das war wichtig.“ Teamkollege Sebastian Langkamp sagte: „Ich habe mich total für Sandro gefreut. Er hatte eine lange Durststrecke. Dieses Tor zählt für uns.“
Wagner bei der Doping-Kontrolle
Mit nun 34 Punkten nach 22 Runden hat Hertha den Klassenerhalt bereits Mitte Februar so gut wie sicher. Torwart Kraft staunte selbst über seine Mannschaft. „Dass wir als Aufsteiger zu diesem Zeitpunkt so viele Punkte haben, ist schon sensationell.“
In Stuttgart hingegen brechen schwere Zeiten an. Mit der siebten Pleite in Folge hat der VfB seinen Negativrekord von 1987 eingestellt. Über den Stuttgarter Kollegen sagte Hertha-Trainer Luhukay: „Thomas Schneider hat eine junge Mannschaft. Ich hoffe, dass er weiter seine Arbeit machen kann.“
Von Wagner gab es keine offizielle Stimme. Dem Vernehmen nach regte er sich intern massiv über Gegenspieler Schwaab auf, der eine Schauspiel-Einlage hingelegt habe, für die der Stürmer seine zweite Gelbe erhalten hatte. Sein Frust über die anstehende Ein-Spiel-Sperre war so groß, dass die Offiziellen entschieden: Kein Kommentar von Wagner. Zudem musste er zur Doping-Kontrolle. Als letzter Herthaner eilte Wagner zum Bus, der mit laufendem Motor wartete – und sofort Richtung Frankfurt aufbrach, wo der blau-weiß Tross die Spätmaschine nach Berlin nahm.





