Die Hiobsbotschaft ereilte Jos Luhukay am Tag der Abreise. Bevor der niederländische Cheftrainer von Hertha BSC am Freitagnachmittag mit seinem Team in den Zug Richtung Hamburg stieg, wo an diesem Sonnabend die Partie gegen den abstiegsbedrohten Hamburger SV angepfiffen wird (18.30 Uhr/im Liveticker bei immerhertha.de), musste er konstatieren, dass einer seiner wichtigsten Akteure nicht an Bord gehen konnte: Fabian Lustenberger.

Der Kapitän der Berliner hatte am Donnerstagnachmittag die Trainingseinheit mit einem stechenden Schmerz im Oberschenkel abbrechen müssen. Am Freitag verkündete Lustenberger auf seiner Facebook-Seite: „Ich muss mindestens 14 Tage pausieren aufgrund eines Muskelfaserrisses!“ Damit fällt der 25-Jährige auch für das Duell mit dem Tabellen-17. an diesem Sonnabend aus.

Den Unersetzbaren ersetzen

Luhukay stellt das vor ein Problem: In jedem einzelnen der vergangenen 50 Spiele stand Lustenberger jeweils die kompletten 90 Minuten auf dem Feld und avancierte mit starken Leistungen zum Gesicht des Berliner Aufschwungs nach dem Abstieg 2012.

Luhukay hat den zum Innenverteidiger umgeschulten Mittelfeldakteur daher oft als den „Stabilisator“ im Spiel seiner Mannschaft gelobt – ein unverzichtbarer Baustein also. Nun aber muss Luhukay den Unersetzbaren ersetzen. Der 36 Jahre alte Levan Kobiashvili dürfte die erste Alternative sein. Er empfahl sich gegen Dortmund zum Jahresabschluss auf der ungewohnten Position.

Spielt der Georgier, wird er auch die Kapitänsbinde von Lustenberger übernehmen. Ein anderer Kandidat wäre Christoph Janker. Der wiedergenesene John Anthony Brooks steht noch nicht wieder im Kader. Zudem bereiten Luhukay auch Tolga Cigerci (Achillessehne) und Per Skjelbred (Grippe) Sorgen, deren Einsätze fraglich sind.

Chaoswochen in Hamburg

Aus der Sicht von Bert van Marwijk, Luhukays Landsmann und Trainerkollegen in Hamburg, sind derlei Personalsorgen natürlich Miniaturprobleme. Der 61-Jährige schlägt sich derzeit mit Baustellen in ganz anderen Größenordnungen herum: Fünf Spiele in Serie hat sein Team verloren, darunter die desolaten Partien zum Rückrundenstart gegen Schalke (0:3) und Hoffenheim (0:3).

Mit 44 Gegentoren unterhält der Bundesligadino die schlechteste Abwehr der Liga und taumelt dem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte entgegen. Doch der HSV wäre nicht der HSV, wenn er zu allem Überfluss nicht auch noch ein fatales Rahmenprogramm aus Trainerdiskussionen, Untergangsstimmung und Skandalen aufführen würde. Nachdem erst van Marwijk heftig von der Hamburger Presse attackiert wurde, sorgte auch eine Posse um den Vertrag von Abwehrtalent Jonathan Tah, 17, für Wirbel.

Auf wundersame Weise tauchten Details aus Tahs Kontrakt im Internet auf, kombiniert mit der Diskussion, ob der Vertrag des Innenverteidigers, der eine Ausstiegsklausel von 25 Millionen Euro beinhaltet, überhaupt gültig sei.

Van Marwijk wird aller Voraussicht nach reagieren und Stammspieler Tah gegen Hertha zunächst auf der Bank platzieren. Zudem hat sich der Niederländer vor der Partie gegen die Berliner entschieden, auf Symbolträchtiges zu setzen: Unter der Woche bat er seine Mannschaft zu einer Aussprache beim Luxusitaliener und sagte später: „In dieser Woche ist etwas im Team passiert. Wir sind zusammen gewachsen.“ Artig kündigte auch der zuletzt desolate HSV-Kapitän Rafael van der Vaart an: „Wir werden für einander durchs Feuer gehen.“

Luhukay fordert mehr Konzentration

Jos Luhukay hat erkannt, dass die missliche Lage, in der sich der Gegner aus Hamburg derzeit befindet, keinesfalls von Vorteil für seine eigene Mannschaft ist. „Der HSV hat die Erwartungen nicht erfüllt. Das macht es für uns aber nicht einfacher“, sagte der 50-Jährige und forderte: „Wir müssen nur auf uns schauen. Je mehr wir auf den HSV schauen, desto mehr verlieren wir unsere eigenen Ansätze.“

Nicht nur eine mögliche Trotzreaktion der Hamburger macht Luhukay Sorgen, sondern auch die letzten dürftigen Darbietungen seiner eigenen Spieler. „Wir müssen die individuellen Fehler, die zuletzt zwei Mal zu Gegentoren geführt haben, unbedingt abstellen“, so Luhukay.

Denn nicht nur der HSV, sondern auch Hertha selbst hat ja durch zwei Niederlagen einen veritablen Fehlstart in die Rückrunde hingelegt. Dass dabei auch Fehlentscheidungen der Schiedsrichter eine Rolle spielte, kann nicht kaschieren, dass die Blau-Weißen noch immer nach ihrer Form der Hinrunde suchen.

Mit einer Niederlage beim kriselnden HSV würde auch der Aufsteiger in die erste Krise der Saison rutschen. Deshalb sagt Innenverteidiger Sebastian Langkamp deutlich: „Das ist ein richtungsweisendes Spiel. Gegen den HSV geht es um sehr viel.“

Lasoggas besteht Belastungstest

Für einen ist diese Partie alles andere als eine normale: Pierre-Michel Lasogga. Herthas Leihgabe an den HSV musste zuletzt zwei Wochen wegen eines Muskelfaserrisses pausieren, und tastete sich unter der Woche langsam wieder an das Team heran.

Einen Belastungstest am Freitag bestand er und meldete sich fit. Hinter seinem Einsatz steht aber dennoch ein Fragezeichen. „Für uns ist es ein enorm wichtiges Spiel. Wir werden mit aller Macht versuchen, endlich wieder ein Erfolgserlebnis einzufahren“, sagte der Stürmer.

Gelingt dies dem HSV – mit oder ohne Lasogga–, dann würden aus Luhukays kleinen Problemen plötzlich große werden.