Bundesliga

Hertha BSC sucht die perfekte Welle für die Rückrunde

Der Aufsteiger hat seine Fitness für die Bundesliga erheblich verbessert. Coach Jos Luhukay und Co-Trainer Markus Gellhaus, zuständig für die Athletik, wollen jetzt die Effektivität durch optimale Laufwege verbessern.

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Fußball ist keine Mathematik. Laktate schießen keine Tore. Sticheleien wie von Karl-Heinz Rummenigge (die gegen den damaligen Bayern-Trainer und gelernten Mathematik-Lehrer Ottmar Hitzfeld gemünzt waren) oder von Felix Magath gehören zur Folklore der Branche. Auch von Oliver Kahn ist die Weisheit überliefert: „Fußball ist keine Wissenschaft.“

Gleichwohl nutzen alle Trainer-Teams im bezahlten Fußball messbare Daten, um die Verfassung der eigenen Mannschaft zu verbessern. So auch Hertha BSC. An diesem Dienstag wird Markus Gellhaus die Mannschaft wieder zu einer intensiven Laufeinheit bitten. Von den neun Trainingseinheiten, die der Tross bis zur Abfahrt ins Trainingslager nach Belek in die Türkei am Donnerstag bestreitet, sind allein fünf der Ausdauer gewidmet. „Die Weihnachtspause war kurz, deshalb haben die Spieler nicht viel verloren“, sagte Co-Trainer Markus Gellhaus, „da arbeiten wir noch mal nach, um die Grundlagen noch etwas zu verbessern.“

Gute Fitness sorgt für späte Siege

Gellhaus, 43, ist nicht nur Vertrauter von Cheftrainer Jos Luhukay, sondern auch für den Athletikbereich der Profis zuständig. Seit dem Amtsantritt des Duos Luhukay/Gellhaus im Juni 2012 fällt die Fitness beim Hauptstadt-Klub auf. „Die Mannschaft hat regelmäßig in der Zweiten Liga und auch jetzt in der Bundesliga nachgewiesen, dass sie die nötige Frische hat und selbst in der Schlussphase noch zulegen kann“, sagt Gellhaus.

Ein Selbstbewusstsein, das Hertha in der Zweiten Liga reihenweise späte Siege ermöglicht hat. In der Bundesliga entnervten die Berliner etwa Hannover 96 (Ronny/82. Minute) oder die TSG Hoffenheim (Ramos/84.) mit späten Toren.

118,5 Kilometer im Schnitt

Aktuell läuft Hertha rund sechs Kilometer pro Spiel mehr als in der Aufstiegssaison 2012/13. „Das hat mit der neuen Spielklasse und dem höheren Tempo in der Bundesliga zu tun“, sagt Gellhaus. Im Vergleich zu den anderen Teams liegt Hertha mit 118,5 Kilometern pro Spiel im oberen Drittel. Allerdings belegt der Blick auf die Konkurrenz auch, dass es die Quantität allein nicht bringt. Weil sich in der Top-4 mit dem SC Freiburg und dem 1. FC Nürnberg gleich zwei Mannschaften befinden, die in akuter Abstiegsgefahr schweben.

Deshalb, sagt Manager Michael Preetz, habe Hertha bei der Trainingsplanung weniger auf die reine Anzahl der gelaufenen Kilometer geschaut. „Die Zahl der intensiven Läufe und der Sprints ist aussagekräftiger“, so Preetz. Die Verantwortlichen haben sich etwa die Daten aus der Abstiegssaison 2011/12 von Hertha angeschaut. Preetz: „Was die Intensität anging, waren wir da Letzter.“

Das hat sich geändert. Nach der Hinrunde rangiert Hertha mit durchschnittlich 203 Sprints pro Partie im Liga-Vergleich im unteren Mittelfeld.

Testspiele nur gegen Erstligisten

Herthas Ex-Trainer Lucien Favre hat seine Mannschaft immer wieder darauf hingewiesen, dass es nicht nur ums Rennen an sich gehe, sondern um intelligentes Laufen, „um die richtige Welle“. Die, um es mit der Pop-Gruppe Juli zu sagen, „perfekte Welle“ sucht auch Luhukay. „Mit automatisierten Übungen im Training“, erklärt Gellhaus, „wann wer wohin zu laufen hat. Ganz klar, es geht auch um Effektivität.“

Um das hohe Tempo der vergangenen Monate beizubehalten, verzichtet der Bundesligist in der Vorbereitung für die Rückserie auf freundschaftliche Vergleiche gegen unterklassige Gegner, wie sie im Sommer üblich sind. „Wir haben uns in Belek gezielt für drei Erstligisten entschieden“, sagt Trainer Luhukay. „Wir wollten starke Gegner, die uns auf ein hohes Niveau bringen. Hannover 96 und Mönchengladbach kennen wir aus der Bundesliga. Den FC Aarau kennen wir noch nicht.“ Aarau überwintert in der Schweiz als Tabellen-Achter.

Wie bei jeder Vorbereitung achtet das Trainerteam darauf, „dass wir die Einsatzzeiten der Spieler aufteilen“, so Luhukay. Zum derzeitigen Stand sagt der Trainer: „Das Training ist bereits wieder sehr intensiv und anstrengend für die Jungs. Sie arbeiten fleißig. Jede Einheit ist eine körperliche Belastung für die Jungs. Konditionell sehe ich eine sehr gute Basis für die Rückrunde.“

Wissenschaftskongress beim DFB

Natürlich wissen sie bei Hertha, dass die Fitness nur einer von vielen Bausteinen ist, um eine erfolgreiche Saison zu absolvieren. Und wer meint, der Profifußball – die Bundesliga hat gerade ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert – sei bereits umfassend ausgeleuchtet: Der Deutsche Fußball-Bund lädt am 24./25. Januar in Frankfurt/Main zu einen Kongress. Thema „Fußball ist keine Wissenschaft, oder doch?“

Es geht neben dem schmalen Grat von Belastung und Überbelastung auch um Erholung: Wie ist eine gute Regeneration zu messen? Wie sind Verletzungen durch Überbelastung zu vermeiden? Welchen Einfluss hat Ernäherung?

Kahn, vom Torwart-Titan mittlerweile in den Status des Experten übergegangen, mahnt die Faktoren Spaß und Zufall nicht zu vergessen: „Trotz des Riesenaufwands im heutigen Fußball ist es am Ende immer noch ein Spiel. Ein Spiel, das von Menschen gespielt wird.“