Es war Sommer in Berlin, Hertha kurz vor Beginn der Saisonvorbereitung, als der damalige Mannschaftskapitän eine martialische Ansage machte, die so gar nicht dem allgemeinen Jubelkanon nach dem Bundesliga-Aufstieg entsprach. „Für den Teamgeist werde ich bis aufs Blut kämpfen“, kündigte Peter Niemeyer an. Da wusste er noch nicht, dass er die Kapitänswürde und seinen Status als Stammspieler verlieren würde. Trotzdem hielt er Wort und zeigt damit, dass der Verein aus dem Zerfall des Aufstiegsteams vor zwei Jahren gelernt hat.

Profis, die wenig spielen, sind uninteressant

Nur einen Einsatz über volle 90 Minuten bei bisher 18 möglichen Pflichtspielen bekam Niemeyer – beim Pokal-Aus in Kaiserslautern. Ein Spiel, in dem Trainer Jos Luhukay viele bewährte Stammkräfte schonte. Nicht befriedigend für einen Spieler, dessen verletzungsbedingtes Fehlen in der Zweiten Liga schon einmal den Hertha-Motor stottern ließ. „Ich habe zu Beginn der Spielzeit gesagt, dass ich der Überzeugung bin, dass meine Qualitäten noch benötigt werden“, sagt der 30-Jährige ruhig.

Er macht überhaupt einen nachdenklichen Eindruck, nimmt sich Zeit, um die richtigen Worte zu finden. Es ist noch kein halbes Jahr her, da wurde Niemeyer täglich zum Status von Hertha befragt. Das hat massiv abgenommen. Profis, die wenig spielen, sind für Medien nicht interessant. Sieben Mal wurde er in der Bundesliga eingewechselt. Zuletzt in der ersten Halbzeit beim 3:2 über Bremen, als Hertha gerade defensiv unsicher wirkte. Mit ihm und seiner unprätentiösen, kompromisslosen Zweikampfführung kam die Stabilität zurück.

Das Geheimnis des Erfolges

„Peter Niemeyer hat in dem Moment verkörpert, was wir benötigten. Mit seiner Ausstrahlung und Körpersprache bringt er sich unglaublich ein“, lobt ihn sein Trainer. Der Niederländer hatte dem 1,91 Meter großen Mittelfeldspieler vor dem ersten Saisonspiel die Kapitänsbinde genommen und das mit sportlichen Erwägungen begründet. Die Degradierung ging nicht spurlos an Niemeyer vorbei, der dieses Thema aber nicht weiter erörtern möchte: „Ich bin von Anfang an gut damit gefahren, mich in den Dienst der Mannschaft zu stellen und da zu sein, wenn ich gebraucht werde.“

Das ist unabhängig vom persönlichen Karriereschicksal Niemeyers vielleicht die eigentliche Nachricht. Denn für die Spieler, die vor zwei Jahren nach einer veritablen Hinrunde in die Zweite Liga abstürzten, ist das damalige Auseinanderbrechen des Teams nicht vergessen. Auch wenn es in der aktuellen Euphorie absurd scheint, an eine Wiederholung der Geschichte zu glauben.

Schnelle Integration der Zugänge

Die neuen Spieler, vor allem die spät zu Hertha gestoßenen Tolga Cigerci und Per Skjelbred, haben sich in Rekordzeit integriert. Auch Jos Luhukay fällt es schwer, einen Grund dafür zu liefern, warum Profis, die woanders lediglich als Ergänzungsspieler aufliefen, bei Hertha zu Stammkräften wurden: „Das ist auch für einen Trainer manchmal schwer zu erklären. Das liegt auch am Team. Wir haben da einen Charakter, der es Neuzugängen einfacher macht, sich einzugewöhnen.“

Skjelbred selbst nennt das Vertrauen, das ihm gleich zu Beginn entgegengebracht wurde, als Grund, warum es ihm in Berlin leichter fiel, Fuß zu fassen als in Hamburg. Der Norweger stand gleich im nächsten Spiel nach seiner Verpflichtung in der Startelf: „Da muss man nicht erst vier Wochen grübeln, wie es nun weitergeht.“

Peter Niemeyer denkt länger darüber nach, was das Geheimnis des vielgelobten Hertha-Teamgeists ist. Dann sagt er nur ein Wort: „Erfolg.“ 25 Punkte einen Spieltag vor Ende der Hinrunde sind ein beachtliches Ergebnis. Stille. Dann erklärt er aber noch: „Wenn man Erfolg hat, geht vieles einfacher. Zumal wir in dieser Saison immer gepunktet haben, wenn es darauf ankam.“ Zu Saisonbeginn als Außenstehende noch an der Erstligatauglichkeit zweifelten, setzte das Team mit einem 6:1 gegen Frankfurt ein Ausrufezeichen. Auch gegen Hamburg wurde mit 1:0 nach der sogenannten „Lolita-Affäre“ gewonnen, die die Mannschaft mehr beschäftigte, als sie selbst zugegeben würde. Die Moral der Mannschaft, die sich aus diesen Erfolgen speist, ist eine besondere Qualität.

Kein Potenzial für Unruhe

„Im Erfolg gibt es keinen Grund, aus dem Kollektiv auszuscheren“, fasst Niemeyer zusammen. Der Mittelfeldspieler, der aktuell vor allem auf der Bank Platz nimmt, sieht aber auch unabhängig vom guten Zwischenergebnis der Berliner wenig Potenzial für Unruhe im Team: „Die Mannschaft ist prinzipiell sehr, sehr hungrig. Erst wollten alle unbedingt in die Bundesliga. Und jetzt sind alle gierig danach, auch drinzubleiben.“ Es sieht so aus, als hätte das aktuelle Aufstiegsteam der Mannschaft von vor zwei Jahren eines voraus. Sie sind in der Zweiten Liga zu einer eingeschworen Truppe verschmolzen und scheinen den Weg in der ersten Liga weiterzugehen. Die Bundesliga ist für sie keine Selbstverständlichkeit, sondern muss erarbeitet werden.

Die Mannschaft ist emotional immer dabei, egal ob es gerade gut oder wie zuletzt gegen Bremen wackelig läuft. „Wir sind keine Fußballmillionäre, denen alles am Arsch vorbeigeht. So etwas haben wir nicht in der Mannschaft“, stellt Niemeyer ultimativ fest. Er selbst ist dafür das beste Beispiel.