Vor dem Trainingsstart

Hertha-Kapitän Niemeyer freut sich auf den Konkurrenzkampf

Im Interview sagt Peter Niemeyer, wie Hertha in dieser Saison der Klassenerhalt gelingt, welche Fehler nach dem letzten Aufstieg gemacht wurden und wie er das Trauma des Abstiegs überwunden hat.

Foto: Britta Pedersen / pa/dpa

Hertha BSC beginnt an diesem Sonntag um 10.30 Uhr als erster Bundesligist mit der Vorbereitung auf die neue Saison. Bis auf Pierre-Michel Lasogga (21) und Zugang Hajime Hosogai (27), die wegen Länderspieleinsätzen noch einen verlängerten Urlaub bekamen, kann Trainer Jos Luhukay alle Spieler begrüßen.

Das Saisonziel lautet ganz klar Klassenerhalt. Der Verein möchte nach vier Jahren mit zwei Abstiegen unbedingt den Fahrstuhl zwischen erster und Zweiter Liga verlassen.

Peter Niemeyer (29) fuhr mit seiner Freundin Kyra und seinem im Frühjahr geborenen Sohn Leonard im Wohnmobil an die Nordseeküste in den Urlaub. Auf der Rückfahrt nach Berlin erzählt er im Gespräch mit der Berliner Morgenpost, wie Hertha in dieser Saison der Klassenerhalt gelingt, welche Fehler nach dem letzten Aufstieg gemacht wurden und wie er das Trauma des Abstiegs überwunden hat.

Berliner Morgenpost Erinneren Sie sich noch an die letzte Titelgeschichte des Fußballmagazins „11Freunde“ über Hertha?

Peter Niemeyer: Ja. „Hertha geht‘s nicht“ hieß sie und erschien nach dem Aufstieg in die Bundesliga vor zwei Jahren.

Wenn man die Geschichte heute noch einmal liest, kommt es einem vor, als würde sich alles genau so wiederholen. Geht Ihnen das auch so?

Für mich ist das schon ein bisschen anders. Und ich habe auch das Gefühl, dass es in Berlin und bei den Fans anders wahrgenommen wird. Das kann man nicht vergleichen. Wenn ich bei einem Fantreffen bin, ist es sicher nicht mehr so, dass mir nur rundweg positive Euphorie entgegenschlägt. Ich merke die Freude über den Aufstieg. Trotzdem spüre ich sofort dieses Aber im Raum. Diese Einschränkung: Aber wir müssen jetzt zusehen, dass wir auch in der Bundesliga drinbleiben. Vor zwei Jahren hieß es, wir hätten den Betriebsunfall Abstieg wiedergutgemacht. Da herrschte absolute Euphorie. Dieses Aber gab es damals nicht.

Das ist die Erfahrung der Fans. Wie gehen Sie persönlich mit dieser Wiederholung der Geschichte um? Gehen Sie auch mit einem Aber in die Bundesliga-Saison?

Ich gehe definitiv anders rein als vor zwei Jahren. Fehler darf man machen, aber man sollte auch daraus lernen. Ich habe das Gefühl, dass der ganze Verein das verinnerlicht hat, von der Mannschaft bis zum Zeugwart. Vor zwei Jahren haben nicht mehr alle an einem Strang gezogen. Das ist für mich aber das A und O. Es wird jetzt entscheidend sein, dass zwischen die einzelnen Personen bei Hertha kein Blatt Papier passt. Wenn wir das über schwierige Spiele hinweg, auch über Phasen des Misserfolgs schaffen, dann packen wir auch den Klassenerhalt.

Nehmen Sie sich als Kapitän jetzt noch mehr in die Verantwortung?

Ich glaube nicht, dass das etwas mit dem Kapitänsamt zu tun hat. Ich bin ein Spieler, der sowieso mehr über die Mentalität kommt. Deswegen gefällt mir auch die Aussage von Trainer Jos Luhukay, der sagte: Mentalität schlägt Qualität. Und zu dieser Mentalität gehört der Teamgeist. Vor zwei Jahren waren es nur kleine Mosaiksteinchen, die das ganze Haus zum Einsturz brachten. Das war dann nicht mehr zu bremsen. Das sieht man jedes Jahr in der Bundesliga, dass so etwas passieren kann. Das letzte Beispiel ist Hoffenheim, die sich gerade so retten konnten. Trotz hoher individueller Qualität landeten sie im Abstiegskampf. Und es gibt das Phänomen auch umgekehrt. Vor der Saison hätte niemand damit gerechnet, dass Freiburg so stark abschneidet. Da sieht man, dass in einem stabilen Umfeld und mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung Berge versetzt werden können.

Glauben Sie daran, dass der Teamgeist in der Bundesliga auch in schlechten Phasen erhalten bleibt?

Das habe ich vor zwei Jahren auch geglaubt. Levan Kobiashvili, der für uns eine spielende Legende ist, sagte damals, er hätte noch nie in so einer tollen Truppe gespielt. Und sechs Monate später war von dem Mannschaftsgeist nichts mehr zu sehen. Im Erfolg ist es immer sehr einfach, eine gute Moral im Team zu haben. Als Mannschaft werden wir nur über den Teamgeist Erfolg haben. Das muss sich jeder verinnerlichen. Da werde ich sicher vom ersten Trainingstag an versuchen, meinen Teil dazu beizutragen. Das ist wie jetzt in der Winterpause, als viele Spieler zurückkamen und jeder schaute, wie sie reagieren. Die haben das bravourös gemacht. Aber da war auch der Erfolg da. Jetzt muss sich wieder jeder zurücknehmen, um den Erfolg des Teams nicht zu gefährden.

Wie versuchen Sie den Zugängen wie Hajime Hosogai, Sebastian Langkamp, Johannes van den Bergh und Alexander Baumjohann diesen Teamgeist zu vermitteln? Die vier haben die Erfahrung der Aufstiegssaison nicht machen können.

Ich bin erst einmal froh, dass Trainer und Manager klar gemacht haben, dass es bei den Zugängen vor allem menschlich passen muss. Jos Luhukay hat sich entschieden, auf Spieler zu setzen, die er schon kennt. Das hat den Vorteil, dass er weiß, wie sie ticken und wie sie sich in eine Gemeinschaft einfügen. Ich glaube, dass derjenige Probleme bekommen wird, der aus diesem Gefüge ausbricht. Und zwar mit dem großen Ganzen, und ich werde da sicherlich vorne dabei sein und darauf achten, dass das nicht passiert. Damit meine ich nicht speziell die Zugänge, sondern uns alle. Für mich selbst ist das eine Konsequenz aus der Erfahrung vor zwei Jahren, als nicht mehr jeder für den anderen durch das Feuer gegangen ist und Differenzen da waren. Das lasse ich mir nicht mehr bieten. Für den Teamgeist werde ich bis aufs Blut kämpfen.

Das klingt, als ob der direkte Abstieg 2012 für Sie ein Trauma war?

Das war ein brutales Trauma. Ich habe es verarbeitet. Aber es hat immer noch einen Stellenwert. Ich werde mein ganzes Leben lang mit mir die Erinnerung herumtragen, wie das alles abgelaufen ist. Das ist zwar vorbei, aber trotzdem möchte ich diesen Fehler nicht noch einmal erleben. Als wir in der vergangenen Zweitliga-Saison in Paderborn beim Aufwärmen das Lied „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen hören mussten, bin ich richtig wütend geworden. Da kamen die ganzen schlechten Erinnerungen wieder hoch, weil sich der Song für mich ganz stark mit dem Abstieg verbindet. Unsere mitgereisten Fans reagierten übrigens genau so. Und im Gegensatz dazu habe ich noch nie ein Lied mit solcher Freude gehört wie „An Tagen wie diesen“ bei der Aufstiegsfeier in der Kabine. Das war fast eine Genugtuung und meine Art, das Trauma zu verarbeiten.

Nach vorn geschaut: Wie nehmen Sie persönlich den Konkurrenzkampf an? Im defensiven Mittelfeld wird es eng mit den Neuen Hosogai und Baumjohann. Dazu noch Peer Kluge, Fabian Lustenberger und Sie.

Gott sei Dank gibt es Zugänge. Ich freue mich sehr auf den Konkurrenzkampf. Das klingt komisch, aber man hat in der vergangenen Saison gesehen, dass man nicht mit zwei Spielern im defensiven Mittelfeld auskommt. Und die neuen Spieler müssen sich genauso ins Team einordnen wie wir alle. Und wenn das funktioniert, bin ich davon überzeugt, dass wir jeden Spieler brauchen werden. Deswegen freue ich mich auf die Zugänge, die unsere Qualität erhöhen werden.

Sie haben in Ihrer Karriere 63 Bundesligaspiele absolviert. Selbst wenn Sie alle 34 Partien absolvieren, schaffen Sie nächste Saison nicht die 100 Spiele. Was macht Sie zuversichtlich, diese magische Grenze bald zu überschreiten?

Ich bin mir ganz sicher, dass ich die 100 Spiele schaffen werde, weil wir in der ersten Liga bleiben. Das dürfte dann nur eine Frage der Zeit sein. Und ganz ehrlich: Auch wenn ich noch keine hundert Partien in der Bundesliga hinter mir habe, habe ich schon eine Menge miterleben dürfen, ob das in Holland oder in Bremen auch international war. Das ist schön, wenn man so eine Marke schafft, aber so viel sagt das dann nicht aus.