Es passiert selten, dass Jos Luhukay aus der Fassung gerät. Diesmal war er jedoch kurz davor. Luhukay wiederholte, was er eben gerade gehört hatte – und mit jedem Wort wurde seine Aussprache schärfer: „Was Hertha von Augsburg lernen kann?“ Er überlegte einen Moment. Und sagte. „Nächste Frage bitte.“ Der Cheftrainer hat längst das Selbstbewusstsein übernommen, das von seinem Arbeitgeber ausstrahlt. Hertha steht in der 31. Bundesliga-Saison seit 1963, der FC Augsburg in der dritten. Hertha bestreitet Sonnabend das 1025. Erstliga-Spiel, Augsburg Nummer 82. Auch bei der Pressekonferenz zum 14. Bundesliga-Spieltag wehrte Luhukay ab. „Der Unterschied ist: Augsburg ist Augsburg. Und Hertha ist Hertha.“

Doch das Thema taucht nicht zufällig auf, wenn sich die beiden Klubs am Sonnabend im Olympiastadion 15.30 Uhr begegnen. Weil für Luhukay, aber auch für seine Profis Sebastian Langkamp, Marcel Ndjeng und Hajime Hosogai der FC Augsburg eine Schlüsselstation ihrer Karriere war. Das genannte Quartett hat dort erstmals überzeugend Erstliga-Reife nachgewiesen.

Luhukay zahlt das Vertrauen zurück

Luhukay war auf seiner ersten Bundesliga-Station 2008 bei Borussia Mönchengladbach zwar aufgestiegen, nach sieben Niederlagen in Folge aber entlassen worden. Danach verpflichtete Augsburg den ehrgeizigen Niederländer. Eine gute Wahl. Der FCA entwickelte sich, scheiterte 2010 noch in der Relegation, 2011 gelang der Aufstieg.

Der FCA fremdelte in der ungewohnten Höhenluft. Nach acht Runden stand Augsburg ohne Sieg auf einem Abstiegsplatz. Die sportliche Leitung um den damaligen Manager Andreas Rettig behielt die Ruhe – und Luhukay. Der zahlte das Vertrauen mit verbesserten Mannschaftsleistungen und dem sensationellen Klassenerhalt zurück. Langkamp, ebenso wie Ndjeng und Hosogai Stammspieler in jener Saison beim FCA, sagt heute: „Augsburg zeichnet sich seit Jahren über das Kollektiv und Mannschaftsgefüge aus. Sie haben eine ähnliche, sehr laufintensive Spielanlage wie wir.“

Preetz: Wir sind Hertha. Wir schauen auf uns

Damit sind die entscheidenden Puzzleteile zusammengefügt. Bei allen Differenzen weisen beide Teams eine klare Luhukay-Handschrift auf. Sowohl der FC Augsburg als auch Hertha kommen über eine hohe Einsatzbereitschaft. Die meisten Punkte werden daheim gesammelt. Aktuell haben die Schwaben 13 ihrer 16 Zähler daheim eingefahren – Hertha hat im Olympiastadion vier Siege geholt. Die Philosophie beider Vereine lautet: Das Team ist der Star.

Als Hertha-Trainer will Luhukay nichts von seiner Handschrift in Augsburg wissen. „Das Profigeschäft ist so schnelllebig. In Augsburg, das ist die Sache meines Kollegen.“ Aber natürlich ist ihm nicht entgangen, dass beim FCA „regelmäßig sechs, sieben Spieler auf dem Platz stehen aus meiner Zeit.“ Was nichts anderes bedeutet als: Der FCA profitiert auch heute noch von der Kaderzusammenstellung aus der Ära Rettig/Luhukay. Hertha-Manager Michael Preetz sagt: „Wir haben Respekt vor der Leistung des FC Augsburg. Aber wir sind Hertha, wir schauen auf uns.“