Bundesliga

Warum Ronny spielbereit ist, Hertha aber trotzdem fehlt

Nach dem 0:1 gegen Bayer Leverkusen kritisiert Hertha-Trainer Luhukay die mangelnde Torgefahr der Berliner. Und erklärt, warum ein frühzeitiger Einsatz von Ronny „Harakiri“ und „Vabanque“ sei.

Foto: Boris Streubel / Bongarts/Getty Images

Die Ringe unter den Augen waren noch etwas tiefer als am Abend zuvor. Seine Laune aber war auch am Tag danach um keinen Deut besser als direkt nach dem Abpfiff. „Ich habe schlecht geschlafen und bin immer noch unglaublich enttäuscht“, sagte Jos Luhukay. Der Trainer von Hertha BSC hat eine halbe Stunde mit seiner Mannschaft gesprochen. Nach der dritten Heimniederlage, diesmal gegen Bayer Leverkusen, schwankte Luhukay in der Ansprache zwischen Anerkennung und Frust.

„Mir tut die Mannschaft fast ein bisschen leid“, sagte der Trainer. In jeder Statistik dominiert der Aufsteiger aus Berlin den Champions-League-Teilnehmer. Beim Ballbesitz (58:42 Prozent), bei den gelaufenen Kilometern (123:120), bei den Torschüssen (12:4) und bei den Ecken (9:1). In der entscheidenden Rubrik indessen lag Hertha zurück, bei den Toren hieß es 0:1. „Das Tempo, die Bereitschaft, das ist nicht zu überbieten“, sagte Luhukay. „Aber wir müssen in der letzten Zone zulegen.“

Gemeint waren die entscheidenden 30 Meter vor dem Gäste-Tor. Da konnte sich Hertha nicht entscheidend durchsetzen – wie schon daheim gegen Schalke (0:2) nicht. Eines der Probleme hatte Luhukay unmittelbar nach der Partie angesprochen: Dass Herthas Flanken serienweise keinen eigenen Abnehmer fanden. „Wir brauchen die letzte Besessenheit, dass jede Flanke zielgenau geschlagen wird“, hat der Trainer seinem Team für die kommende Woche auf den Plan geschrieben.

Keine gefährlichen Schüsse aus der zweitem Reihe

Die eine Flanke, die bei einem Herthaner ankam, hatte Tolga Cigerci mit einem wuchtigen Kopfball ins lange Eck befördert. „Den Ball habe ich schon drin gesehen“, sagte Cigerci. Doch Bayer-Torwart Bernd Leno bekam in einem spektakulären Rückwärtssprung noch eine Hand an den Ball und verhinderte den eigentlich überfälligen Ausgleich.

Weiter fiel auf, dass Hertha keinen gefährlichen Schuss aus der zweiten Reihe aufs Leverkusener Tor brachte. „Uns fehlt Ronny“, sagte Luhukay. Diese Aussage ist insofern erstaunlich, weil Ronny gesund und spielbereit ist. Der Trainer beließ seinen Brasilianer gegen Leverkusen jedoch 82 Minuten auf der Bank.

Völler bekommt nach der Ronny-Einwechslung „Herzklopfen“

Auch in der vergangenen Zweitliga-Saison tat sich Hertha regelmäßig schwer gegen defensiv stehende Gegner. Luhukay: „Da haben wir oft von unseren Standards profitiert, die haben uns immer wieder die Tür zum Sieg geöffnet.“

Der Hauptverantwortliche für diese Qualität in der Aufstiegssaison 2012/13 war Ronny (18 Tore/14 Vorlagen). Eben diese Stärke fehlt. Daran schließt sich die Frage an, warum der Trainer Ronny nicht wesentlich früher eingewechselt hat. Rudi Völler, Sportdirektor von Bayer bekannte: „Als Ronny eingewechselt wurde, habe ich noch mal Herzklopfen bekommen.“ Der Respekt ist nicht neu.

Leverkusen hatte Ronny im Frühjahr ein lukratives Angebot gemacht. Allerdings schätzten Ronny und sein Berater die Perspektive bei Bayer so ein, dass Ronny als Waffe für Standardsituationen eher von der Bank her vorgesehen war, nicht aber als Stammkraft. Ronny entschied, seinen Vertrag in Berlin zu verlängern. Und fristet nun auch bei Hertha sein Dasein zumeist als Reservist.

Mukhtar als Nutznießer

Luhukay begründete ausführlich, warum er trotz des Rückstandes Ronny nur in den Schlussminuten gebracht hatte. „Unsere Defensive stand sehr gut. Wenn Ronny kommt, haben wir im Mittelfeld (im Rückwärtsgang/Anm. d. Red.) Unterzahl.“ Leverkusen warte auf den einen entscheidenden Angriff. „Wenn ich nach 60 oder 70 Minuten Ronny bringe und wir würden das 0:2 kassieren, ist das Spiel gelaufen“, sagte Luhukay.

Er verwendete für eine zeitige Einwechslung von Ronny die Formulierungen „Harakiri“ und „Vabanque“. Das darf der Brasilianer durchaus als Ohrfeige verstehen, dass seine Fitness nach wie vor nicht auf dem in der Bundesliga nötigen Level ist.

Und Profifußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Auf der Ronny-Position im zentralen Mittelfeld wechselte der Trainer zur Pause Hany Mukhtar, 18, ein. „Hany ist klein, wendig, quirlig“, sagte Luhukay. Zu den Aussichten des U-19-Nationalspielers – am Sonnabend geht es im Olympiastadion gegen den FC Augsburg – sagte Luhukay: „Hany ist sehr nah dran an der Startelf.“