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Rapper Harris und seine musikalische Liebe zu Hertha BSC

Als er bei einem Auftritt im Olympiastadion rassistisch beleidigt wird, will Musiker Harris nie mehr zur Hertha gehen. Doch ohne geht es nicht. Begegnung mit einem etwas anderen Fußballfan.

Foto: privat

Es gibt noch keine Melodie und keinen Beat, wie sie den Rhythmus im Hip-Hop nennen. Auch keinen Text. Aber es wird um Hertha BSC gehen, so viel steht fest. „Hertha, was sonst“, sagt Harris und lacht so dröhnend, dass die Tischplatte vibriert.

Harris, Vorname Oliver und von Beruf Rapper, plant nicht den ersten Song über seinen Lieblingsklub. Der 36-Jährige, über 1,90 Meter groß mit breiten Schultern, ist ein Mann wie ein Baum. Als Fußballtrainer könnte man ihn gut als Innenverteidiger oder Mittelstürmer aufstellen. Vielleicht auch als Kapitän, die Kommandos würde keiner überhören. Gegen den Bass seiner Stimme kommt der Sarastro aus Mozarts Zauberflöte wie ein Knirps im Stimmbruch daher.

Weil Harris aber Musiker geworden ist, setzt er sein Organ beim Anfeuern im Olympiastadion ein. Und, um über Hertha zu rappen.

Kein anderer Promi-Fan wie Harris

Prominente mit blau-weißem Anstrich gibt es wie Sand am Meer. Da wäre Bahn-Chef Hartmut Mehdorn zu nennen, die Moderatoren Barbara Schöneberger und Johannes B. Kerner oder Ex-Bundesinnenminister Otto Schily. Nette Menschen, die nette Dinge über Hertha sagen.

Auch Harris hat am Klub derzeit nichts auszusetzen. Aber Sprüche wie diesen über Herthas Trainer hört man von keinem: „Luhukays Oberlippenbart ist skandalös. Skandalös gut. Der Typ ist ne Wuchtbrumme.“

Verbales Kreativspiel ist Harris’ Geschäft. Sein Stern geht 1996 mit dem Duo Spezializtz auf, später tourt er mit Sido, Xavier Naidoo und Samy Deluxe kommen zu ihm ins Studio. Musik sei sein Talent, sagt Harris, er sei gesegnet, es war schon immer da. So wie Hertha BSC. Er kann sich nicht erinnern, wann das bei ihm losging, auch nicht an sein erstes Spiel im Stadion. Sei ja auch egal.

Lieber gucken als spielen

Der Sohn einer Deutschen und eines US-Soldaten wächst in Kreuzberg auf. Seine Kumpels spielen beim BFC Südring. Harris hat keinen Bock auf selber kicken. Er schaut lieber der Hertha dabei zu.

Das gilt bis heute, dabei war ihm die Lust auf seinen Verein zwischenzeitlich ordentlich vergangen. Zum Champions-League-Spiel gegen Galatasaray tritt Harris vor der Ostkurve auf. Es soll sein größter Moment im Stadion sein – es wird der schlimmste. Die Fans buhen ihn aus, sie schreien „Nigger, verpiss dich!“ Harris kann es nicht glauben. Nie wieder Hertha, schwört er sich. „Im Nachhinein eigentlich dumm, das waren doch nur ein paar Bekloppte“, sagt er.

Harris ist ein Party-Rapper. Viele seiner Texte handeln von Kiffen, Partys, Alkohol, der Familie. Was er darüber hinaus denkt, formuliert er 2010 in dem Song „Nur einen Augenblick“. Darin fordert er Jugendliche mit Migrationshintergrund auf, sich zu benehmen, Deutsch zu lernen, Respekt zu zeigen.

Ein schnelllebiges Geschäft

Harris wird als Integrationsbotschafter gefeiert und hält einen Vortrag im Bundestag. Manche finden, er sei rechts. Drei Jahre ist das her, „heute spricht keiner mehr von dem Song“, sagt Harris. Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Musik auch.

Doch den Rassismus der Fans kann Harris nicht so schnell vergessen. Ausgerechnet er, der sich als Patriot bezeichnet. Der als Jugendlicher in den USA als Nazi beschimpft wird und über Berlin so spricht, als würde er im Tourismusmarketing arbeiten. Auf seine Brust hat Harris sich „Deutschland“ tätowiert, auf seinem linken Oberarm prangt das Hertha-Logo, gerade so weit oben, dass es vom Ärmel seines T-Shirts nicht verdeckt wird.

Nach drei Jahren geht er doch wieder ins Stadion, er will sich seinen Fußball nicht kaputt machen lassen. Von Hertha erfolgte nach seinem Auftritt keine Reaktion. Erst als Harris den Fanklub „United Colors of Hertha“ gründet, gibt der Verein diesem die Nummer 100. „Eine Ehre“, findet Harris. Die Mitglieder setzen sich für mehr Toleranz im Fußball ein. Harris freut sich sogar über Siege von Union Berlin. „Ich bin Stadtpatriot. Außer wenn Union gegen uns spielt.“

Damit das nicht passiert, muss seine Hertha wohl die Klasse halten. Harris ist optimistisch: „Drinne bleiben ist definitiv drin. Es ist ein guter Kader, gut eingespielt.“ Er mag den Trainer, er findet es gut, dass dieser Manager Michael Preetz den Rücken stärkt. Nur bitte nicht absteigen. Auf Tour sieht er bei den Rap-Kollegen aus Hamburg, Stuttgart und Frankfurt dann schlecht aus.

Lieblingsspieler Maik Franz

Am Sonnabend wird Harris vor dem Bundesliga-Auftakt gegen Eintracht Frankfurt seine Collegejacke mit dem Klublogo überstreifen und sich mit seinen Jungs vor dem Kiosk zur blau-weißen Legende treffen. Das gehört zum Ritual. „Wir sind hoch motiviert, nicht so wie mancher Spieler. Mir wär’ lieber, wir hätten einen Kader voller Berliner“, heißt es in seinem letzten Fußballsong „Immer um die Hertha“. Im Video nicken Änis Ben-Hatira und Zecke Neuendorf zum Takt.

Sein aktueller Lieblingsspieler stammt allerdings aus Sachsen-Anhalt. Ob er Maik Franz für das Video seines neuen Songs gewinnen wird, ist fraglich: Der Verteidiger hört am liebsten Schlager, Oldies, House und das Beste der Achtziger.