Fandialog

Hertha BSC hört wieder mehr auf seine Anhänger

Seit vier Jahren befindet sich Hertha BSC im regelmäßigen Dialog mit seinen Fans. Eine Annäherung, von der beide Seiten profitieren. Vor allem Gästefans dürfen sich auf die kommende Saison freuen.

Foto: firo Sportphoto / Guido Kirchner / pa/firo

Wenn Herthas Finanz-Chef Ingo Schiller über die neuen einheitlichen Kartenpreise für Gäste-Anhänger spricht, hört er sich fast wie ein Fan-Vertreter an. „Das Erlebnis eines Fußballspiels muss für jedermann bezahlbar bleiben“, sagt er dann. Doch an seiner Rolle als Geschäftsführer der Berliner hat sich nichts geändert. Ganz im Gegenteil zum Verhältnis von Hertha zu seinen Anhängern. Statt mit Forderungen der Fans zu fremdeln, nimmt der Verein Anregungen auf. Der Einheitspreis von 15 Euro für jede Gästekarte ist ein sichtbares Zeichen dafür.

Hertha hat sich gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft „Kein Zwanni“ auf den neuen Standardpreis geeinigt. Die Interessenvertretung setzt sich seit Jahren für preiswerte Tickets im deutschen Fußball ein. Danach gab der Klub mit den Fanvertretern eine gemeinsame Mitteilung heraus. Noch vor Jahren undenkbar. Vorangegangen waren Verhandlungen für einen Verzicht auf die unpopulären Top-Zuschläge für Gästefans. Bayern-Anhänger zahlen ab der neuen Saison damit genau so viel für ihre Karte wie Hoffenheim-Fans. Nach den Berlinern schloss sich jetzt auch der Hamburger SV der Initiative an.

Marco Wurzbacher steht als sichtbares Beispiel für den Wandel in der Beziehung zwischen Fans und Klub. Der 35-jährige Betreiber des Portals Hertha-Inside wurde auf der Mitgliederversammlung im Mai des vergangenen Jahres ins Präsidium gewählt und gilt dort als Fan-Vertreter. Eine Bezeichnung, die ihm selbst gar nicht behagt. „Es gibt ja gar nicht die einheitliche Masse an Fans. Die Anhänger sind sehr unterschiedlich, auch in ihren Interessen.“

Fußball-Anhänger unterliegen Zwängen bei Auswärtsfahrten

Trotzdem bringt Wurzbacher, der trotz seiner Funktion die Spiele weiterhin in der Ostkurve verfolgt, eine neue Sichtweise ein. „Wenn es im Präsidium um Fanthemen geht, schauen alle mich an, weil ich damit direkte Berührung habe.“ Er kennt die Zwänge, denen Fußball-Anhänger gerade auf Auswärtsfahrten unterliegen. Wenn sie beispielsweise vom Bahnhof in einem Polizeikessel zum Stadion eskortiert werden und Nichtigkeiten wie die Frage nach einer Toilette für Eskalation sorgen können.

Die Entscheidung für einen regelmäßigen Dialog mit den Fans ist bei Hertha aber schon vor vier Jahren gefallen und wurde gleich auf eine harte Probe gestellt. Die Mannschaft taumelte dem Abstieg entgegen und am 13. März 2010 stürmten einige Berliner Fans nach dem Spiel gegen Nürnberg auf den Platz. Im Fernsehen wurden immer und immer wieder die Bilder vom wütenden Mob wiederholt. Ein Imageschaden, der den Verein auch viel Geld kostete. Die Dialog-Strategie stand plötzlich in Frage.

Intensivierung der direkten Gespräche ein Glücksfall

Im Nachhinein erweist sich die Entscheidung zur Intensivierung der direkten Gespräche mit den Anhängern als Glücksfall. Mindestens alle drei Monate treffen sich Teile der Hertha-Fans mit der Geschäftsleitung des Vereins. Je nach Thema ist das Finanz-Chef Ingo Schiller oder Geschäftsstellenleiter Tom Herrich. Die Distanz, die nach dem Bundesliga-Aufstieg 1997 das gegenseitige Verhältnis dominierte, ist verschwunden. Dabei geht es selten um solch große Themen wie die Einheitspreise für Gästefans, sondern um Kleinigkeiten im Alltag wie das Absprechen von Spruchbändern.

Beweisen konnte sich das neue Verhältnis im vergangenen Sommer, als die Bundesliga-Klubs von Politikern beim Thema Stadionsicherheit massiv unter Druck gesetzt wurden und sich selbst die Deutsche Fußball-Liga (DFL) schwer tat, dem etwas entgegenzuhalten. Am Abend vor der Sicherheitskonferenz mit Innenminister Hans-Peter Friedrich in Berlin saßen Mitglieder der Hertha-Ultragruppen mit Vereinsvertretern zusammen und stimmten eine gemeinsame Position ab.

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Eine Tatsache, zu der sich der Stadtrivale 1. FC Union außer Stande sah, der deswegen als einziger Verein die Konferenz boykottierte. Die Ablehnung des ersten als überzogen empfundenen Sicherheitskonzeptes durch Hertha ist ebenfalls Ergebnis dieser Abstimmungen.

Die Anhänger verzichten auf Pyrotechnik

Doch der Verein kommt nicht nur seinen Anhängern entgegen, sondern profitiert auch sichtbar. Seit Jahren gab es schon keinen großen Ärger mehr im Olympiastadion. Die Fans haben sich selbst ein Pyrotechnik-Verbot bei Heimspielen auferlegt und ersparen Hertha damit die mittlerweile immens hohen Geldstrafen vom Verband. Der Klub ist zufrieden. Denn das Zugehen auf die Fangruppen macht auch die Verfolgung von einzelnen Straftätern akzeptabel, die sich ansonsten auf die Solidarität der Gruppe verlassen könnten.

Einen großen Erfolg nach jahrelangen Bemühungen konnten die Hertha-Fans mit ihrer Initiative „Fahne pur“ im vergangenen Mai feiern. Der Verein kehrte zu seinem ursprünglichen Logo zurück. Das in Fankreisen in Anspielung auf den ehemaligen Manager als „Dieter-Hoeneß-Gedächtnisring“ verspottete Wappen wurde eingemottet und gehört jetzt der Vergangenheit an. Hertha hatte jahrelang die Emotionen seiner Anhänger in Bezug auf die Vereinstradition unterschätzt.

Auch wenn sich beide Seiten jetzt besser verstehen, gibt es Punkte, bei denen sie nicht zusammenkommen. Das Thema Pyrotechnik gehört dazu. Ebenso wie der Testkick gegen den bei Fußballfans verhassten Retortenklub RB Leipzig am 13. Juli. Marco Wurzbacher ist trotzdem zufrieden: „Früher hat die Dialogbereitschaft gefehlt. Jetzt ist es mehr ein Geben und Nehmen geworden.“