Euro 2012

Im iberischen Halbfinale kämpft auch Barcelona gegen Madrid

Im Duell zwischen Spanien und Portugal treten zugleich Xavis FC Barcelona und Ronaldos Real Madrid gegeneinander an.

Foto: AFP

Endlich, mögen einige sagen. Endlich hat diese EM ihre erste große Verschwörungstheorie. Sie geht so: Der Vorsitzende des Schiedsrichterkomitees der Uefa, Ángel María Villar, ist Spanier. Sein Vize, Senes Erzik, ist Türke. Erzik ist gleichzeitig Marketing-Direktor der Unicef. Die Unicef sponsert den FC Barcelona. Und wer pfeift heute das Halbfinale Spanien gegen Portugal? Cuneyt Cakir: ein Türke.

"Die Alarmglocken schrillen"

„Portugal ist indigniert“, schrie das größte Sportblatt „A Bola“ gestern von seiner Titelseite herunter, „die Alarmglocken schrillen.“ In den Medien wird dazu an einen Kommentar von Michel Platini erinnert. Der Uefa-Präsident sagte vor einigen Tagen in Warschau, er würde ein Finale zwischen Spanien gegen Deutschland begrüßen.

Wenn es um Franzosen wie Platini geht, sind die Portugiesen sensibel. Bis heute fühlen sie sich wegen des EM-Halbfinales 2000 betrogen, als Zinédine Zidane einen umstrittenen Elfmeter zum Endspieleinzug verwandelte. Der jetzige Nationaltrainer Paulo Bento wurde danach für ein halbes Jahr gesperrt, weil er im Zorn auf den österreichischen Schiedsrichter Günter Benkö losging.

2010 gegen Spanien verloren

Besonders sensibel sind die Portugiesen aber auch, wenn es um Spanien geht. Beim letzten Aufeinandertreffen im WM-Achtelfinale 2010 verloren sie durch ein (sehr knappes) Abseitstor von David Villa. Zusätzlich wird ihnen andauernd von höchster Stelle eingebimst, dass es in Sachen spanischer Fußball nie mit rechten Dingen zugeht. Okay, nicht von ganz höchster Stelle. Aber von der, die in Portugal nach eigener Auskunft „direkt nach dem lieben Gott“ kommt – José Mourinho. Der Trainer von Real Madrid inszeniert sich seit Jahren als Don Quixote im Kampf gegen die dunklen Weltmächte des Fußballs, die seiner Auffassung nach den FC Barcelona unterstützen. Voriges Jahr wetterte er nach dem Platzverweis für seinen Spieler Pepe im Champions-League-Halbfinale in seiner berühmtesten Philippika: „Ich weiß nicht, ob es Villar ist, die Uefa, oder die Unicef.“ Er habe nur eine Frage: „Warum?“

Madrid stellt den Defensivblock

Auch manche Anhänger von Real Madrid glauben an diese Theorien. Für sie wird es heute in Donezk etwas kompliziert. Denn es spielt nicht nur Spanien gegen Portugal. Im Subtext spielt auch Barcelona gegen Madrid. Und Spanien ist dabei Barcelona.

Zwar ist das nominelle Übergewicht der Katalanen in der „selección“ nach den Verletzungen von Carles Puyol und David Villa nicht mehr so groß wie etwa bei der Weltmeisterschaft 2010, als bis zu sieben Barça-Akteure in der Startelf standen. Beim Titelkampf in Polen und der Ukraine gab es in manchen Startaufstellungen sogar einen Gleichstand mit jeweils vier Spielern. Allerdings stellt Madrid dabei nicht ganz zufällig das Rückgrat der Defensive (Torhüter Casillas, die Verteidiger Ramos und Arbeloa, Abräumer Alonso), derweil der FC Barcelona die zentralen Offensivfiguren Xavi und Iniesta beisteuert. Sie sind unverhandelbar, sie bestimmen die Identität dieser Mannschaft: Ballbesitz, lange Passsequenzen. Spanien, Weltmeister 2010 und Europameister 2008, spielt in seiner Grundausrichtung wie Barcelona ohne seinen großen Star Lionel Messi.

Direkter Konterfußball

„Die Spielweise hier ist anders als in Madrid“, sagt daher ein Real-Profi wie Xabi Alonso. Seine Klubmannschaft setzt auf einen körperlichen, direkten Konterfußball. Während der Barça-Stil das Mittelfeld betont, will es der Mourinho-Stil so schnell wie möglich überbrücken. Es ist ein Ansatz, der auf die Qualitäten von Real-Heros Cristiano Ronaldo zugeschnitten ist. Derselbe Ansatz, den Portugal bei dieser EM zeigt.

Wichtige Rolle des Agenten Mendes

Die bisherigen Turnierstatistiken illustrieren die gegensätzlichen Philosophien. Spanien hat die höchste Ballbesitzquote (61 Prozent) sowie die drei häufigsten Passgeber (Xavi, Alonso, Busquets). Portugal hat von allen Halbfinalisten den geringsten Ballbesitz (46 Prozent), stellt aber in Ronaldo den Spieler, der mit Abstand die meisten Torabschlüsse vorzuweisen hat (30). Die spanische Offensive funktioniert über das Kollektiv, die portugiesische über die individuelle Klasse von CR7.

Neben ihm stehen in Paulo Bentos Elf mit Abwehrchef Pepe und Linksverteidiger Fábio Coentrão zwei weitere Real-Profis; insgesamt zehn der elf Stammspieler werden vom Mourinho-Agenten Jorge Mendes betreut, der den portugiesischen Verband und große Teile des portugiesischen Fußballs fest im Griff hat. Für seine Top-Klienten Mourinho und Ronaldo ist er eine der wichtigsten Bezugfiguren überhaupt. „Bruder meines Bruders“ hat der Trainer seinen Spieler daher schon mal genannt.

Arbeloa gegen Ronaldo

Gehört zur offiziellen Sprachregelung bei Mourinho wie bei Portugal, dass es sich bei Ronaldo um den besten Spieler der Welt handelt, fällt auf, wie sich die spanischen Madrid-Profis bei der Nationalelf von dieser Linie sanft distanzieren. „Zusammen mit Messi der beste Fußballer der Welt“, sagte Kapitän Casillas dieser Tage.

Dass die spanischen Real-Profis den Sonderstatus Ronaldos in Madrid, wo er als einziger Spieler von Defensivaufgaben freigestellt ist, nur wenig goutieren, gilt als offenes Geheimnis. Insbesondere sein Gegenspieler, Rechtsverteidiger Arbeloa, soll mit CR7 wegen dessen Allüren auch schon einmal direkt aneinandergeraten sein.

Höchste Niederlage seit 1963

Auf der anderen Seite ist von dem Keil, den Mourinhos aggressive Anti-Barça-Haltung vorübergehend zwischen die spanischen Nationalspieler beider Vereine trieb, bei diesem Turnier nichts mehr zu spüren. Portugiesen wie Ronaldo oder Pepe werden sie hingegen mit auf den Platz bringen. Nimmt man dazu die traditionelle Rivalität zwischen den beiden iberischen Nachbarn und den Umstand, dass Portugal den Spaniern bei einem Freundschaftsspiel im November 2010 mit 0:4 die höchste Niederlage seit 1963 zufügte, erwartet den Zuschauer ein ziemlich interessantes Halbfinale.