Den Franzosen hatte Roy Hodgson schon die EM vermiest, da war die Vorrunde noch gar nicht beendet. Weniger mit dem 1:1, das seine englische Nationalmannschaft dem vermeintlichen Geheimfavoriten im Auftaktspiel abtrotzte, sondern mit einer geradezu christlichen Geste verärgerte der 65-Jährige die Grande Nation. Als 30 Meter hohe Holzstatue thront er predigend über Dover, die heimische Presse taufte den Holzkoloss „Roy den Erlöser“. Es wirkt, als würde er der ganzen Insel von der Südspitze aus seinen Segen schicken. Die Franzosen, die die Nachbildung der Jesus-Statue vor Rio de Janeiro über den Ärmelkanal hinweg sehen können, waren außer sich vor Wut. Ein Fußballtrainer als Gottheit? Eine Nation, deren Mannschaft jahrelang von Raymond Domenech trainiert wurde, kann darüber nicht lachen.

"In Roy we trust"

In England hingegen werden von Tag zu Tag mehr Plakate mit der Aufschrift „In Roy we trust“ abgesetzt. Das Vertrauen in den Coach wächst mit jedem Spiel, spätestens seit dem Gruppensieg ist keine Rede mehr von seinen vergleichsweise provinziellen Stationen in Fulham und bei West Bromwich Albion. Im Viertelfinale am Sonntag gegen Italien soll das glückliche Händchen des 64-Jährigen den Weltmeister von 1996 ins Halbfinale tragen. Dabei kann die Verpflichtung eines Trainers kaum von weniger Vertrauen begleitet werden als die von Roy Hodgson.

Mit großer Skepsis empfangen

Als er am 30. April seine Zusage als Chef-Verantwortlicher für die EM gab, lagen zweieinhalb zähe Monate voller Absagen hinter dem Verband (FA). Der Rücktritt des Italieners Fabio Capello löste eine hektische Suche nach einem Nachfolger aus. Spieler-Favorit Harry Redknapp war im FA-Vorstand nach einer Steuer-Affäre nicht vermittelbar, Jose Mourinho und Guus Hiddink wollten nicht, in seiner Not führte Chef David Bernstein sogar schon Gespräche mit dem U21-Coach Stuart Pearce. Als die Wahl dann auf Hodgson fiel, war nur dessen Zeitnot noch größer als die Skepsis, die ihm entgegenschlug. Gerade einmal ein Monat blieb, um das Team für die Dienstreise in die Ukraine zu formen. „Ich glaube nicht, dass wir als Favoriten in das Turnier gehen“, sagte Hodgson. Es war eine realistische Einschätzung.

Sechs Wochen später könnte seine Bilanz kaum besser sein: Vier Siege, ein Remis und dazu richtige Entscheidungen in Serie haben England zum Anwärter auf das Halbfinale gemacht. Die Ausbootung des langjährigen Abwehrrecken Rio Ferdinand war ein großes Thema auf der Insel – bis sein Ersatzmann Joleon Lescott auf ganzer Linie überzeugte.

"Keine Verständigungsprobleme mehr"

Gegen Schweden wechselte Hodgson beim Stand von 1:2 Theo Walcott ein. Drei Minuten später hatte der Arsenal-Youngster zum 2:2 getroffen. In der abschließenden Partie war Superstar Wayne Rooney wieder einsatzberechtigt, noch so ein pikantes Thema. Hodgson ließ ihn spielen, Rooney bedankte sich mit dem Siegtreffer. „Es ist gut, wieder einen Engländer als Trainer zu haben“, sagte der Angreifer von Manchester United anschließend spitz in Richtung Capello: „Wir haben jetzt keine Verständigungsprobleme mehr.“ Doch das Erfolgsgeheimnis Hodgsons geht über seine bloße Nationalität hinaus.

Als "Anti-Capello" geadelt

Wie schon als Nationaltrainer der Schweiz, die er 1994 zur ersten WM seit Ewigkeiten führte, versteht es der gebürtige Londoner noch immer, gute Stimmung im Team mit professioneller Anspannung zu harmonisieren. Nach der Rückkehr von den Partien werden im Hotel Stary die Snooker- und Kicker-Tische aufgebaut. „Alles ist da. Der Betreuerstab hat in dieser Hinsicht wirklich tolle Arbeit geleistet“, lobte Walcott die gelöste Atmosphäre. In der Spielvorbereitung führt Hodgson lange Einzelgespräche mit seinen Schützlingen. Das ist noch so ein Grund, warum er inzwischen der „Anti-Capello“ genannt wird. Es ist als Adelung gemeint.

Training im Elfmeterschießen

Die Engländer wohnen in Krakau in einem ehemaligen Table-Dance-Lokal, die Altstadt ist ein Eldorado für Spieler mit Hang zu nächtlichen Eskapaden. Doch bisher produzierten die in dieser Hinsicht sonst so zuverlässigen „Three Lions“ nicht eine einzige Skandalmeldung. Stattdessen drang aus dem Abschlusstraining folgende Neuigkeit nach außen: Hodgson lässt seine Spieler vor dem Duell mit Italien Elfmeterschießen trainieren. Bei diesem Coach wäre es keine Überraschung, wenn England selbst in dieser Disziplin plötzlich bestehen könnte.

Neu erwachte Titelsehnsucht

Und das Selbstbewusstsein wächst fast täglich. Wayne Rooney kann den Viertelfinal-Hit gegen Italien am Sonntag (20.45 Uhr/ARD) offenbar kaum erwarten. Er stürmte am Freitag im Regen von Krakau als Erster auf den Trainingsplatz. Seine Kollegen gaben Interviews, Rooney wollte sich bei der letzten Übungseinheit vor der Abreise nach Kiew nicht ablenken lassen. England hat die Titelsehnsucht gepackt – wie so oft in den vergangenen 46 Jahren. „Wir sind hier, um die Euro zu gewinnen“, tönte der 26 Jahre alte Superstar von Manchester United. Torwart Joe Hart ergänzte: „Das Viertelfinale soll für uns noch nicht alles gewesen sein. Wir werden versuchen, die Leute glücklich zu machen.“ Außer die Franzosen vielleicht.