Schiedsrichterhilfe

Fifa-Chef Blatter fordert Einsatz von Torlinien-Technik

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Jürn Kruse

Foto: REUTERS

Fifa-Chef Joseph Blatter fordert das neue System aus Deutschland sofort. Doch es gibt auch prominente Gegner der Technologie.

„Torlinien-Technik?“, fragte der britische Regierungschef David Cameron bei den Journalisten nach, als könne er nicht glauben, dass ihm gerade eine Frage nach einer Fußball-Technologie auf dem G20-Gipfel im mexikanischen Los Cabos gestellt würde.

Doch dann fing sich Cameron und antwortete mit britischem Humor: Einst habe er gedacht, dass die Torlinien-Technik eine gute Idee sei. Das sei damals gewesen, 2010 im südafrikanischen Bloemfontein, als Frank Lampards klares Tor zum vermeintlichen 2:2 gegen Deutschland im WM-Achtelfinale (1:4) nicht gegeben worden war. Aber nach dem Dienstagabend, an dem die Engländer in Donezk selbst von einem Schiedsrichterfehler profitierten, muss Cameron „noch mal ein bisschen darüber nachdenken“, ob die Einführung der neuen Technik tatsächlich eine so gute Idee sei.

"Schiedsrichter haben uns ein Tor gestohlen"

Für alle Kameras (und damit alle Fernsehzuschauer) war ersichtlich gewesen, dass der Ball nach dem Schuss des Ukrainers Marko Devic hinter der Linie gewesen war – nur für den Torrichter nicht. Der Mann blieb stumm: kein Tor. Ein krasser Fehler. „Die Schiedsrichter haben uns ein Tor gestohlen“, wetterte der ukrainische Trainer Oleg Blochin. England gewann 1:0, mit der Ukraine ist auch der zweite Gastgeber ausgeschieden. „Ich verstehe nicht, warum wir keine Technologie benutzen“, sagte Andrej Schewtschenko.

Ja, warum eigentlich nicht? Weil es prominente Gegner des Systems gibt. Joseph Blatter, Präsident des Weltfußballverbands Fifa, twitterte zwar am Morgen danach, dass „die Torlinientechnik jetzt keine Alternative mehr ist, sondern eine Notwendigkeit. Nach dem Spiel von letzter Nacht führt kein Weg mehr daran vorbei“. Doch die europäische Uefa gibt sich als standhafter Verfechter der reinen Lehre: „Man braucht solche Systeme nicht, Technik, Satellit, GPS oder Chip im Ball“, hatte erst kürzlich Uefa-Präsident Michel Platini gesagt. Auch Schiedsrichterchef Pierluigi Collina ist gegen eine Überwachung der Linie, wie es bei den meisten großen Tennisturnieren längst Standard ist.

Dabei sind gleich zwei Torliniensysteme schon einsatzbereit: Das eine, „GoalRef“, wurde vom Fraunhofer-Institut in Erlangen mitentwickelt. Die Technologie basiert auf einem Magnetfeld am Tor. Passiert der mit einem Chip versehene Ball die Torlinie, wird ein Signal an die Uhr des Schiedsrichters gesendet. Die Technik ähnelt dem Diebstahlschutz im Kaufhaus.

Installation der Kameras mehr als 200.000 Euro

Die deutsch-dänische Koproduktion, die schon in einigen Spielen der ersten dänischen Liga und zuletzt im Nürnberger Frankenstadion getestet wurde, konkurriert mit der „HawkEye“-Technologie, bekannt vom Tennis. Bei „HawkEye“ verfolgen sechs Hochleistungskameras den Ball und errechnen permanent dessen Position. Der Vorteil bei dieser Technik ist, dass mit ihr die Bewegung des Balles nachvollzogen werden – und fürs Fernsehen, Zeitungen oder Zeitschriften aufbereitet werden kann.

Der Nachteil: „HawkEye“ – anders als „GoalRef“ – sendet kein unmittelbares Signal an den Schiedsrichter, es funktioniert nicht in Echtzeit. Das Spiel müsste, ähnlich der Entscheidungsfindung beim Tennis, unterbrochen und die Bilder müssten gesichtet werden. Außerdem ist die Installation der Kameras mit mehr als 200.000 Euro recht kostspielig. „HawkEye“ wurde zuletzt am 2. Juni in Wembley getestet – im Testspiel Belgien gegen England. Testergebnisse wurden nicht veröffentlicht, weder bei „HawkEye“ noch bei „GoalRef“.

Die bekommen nur die Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA in der Schweiz, unter deren Leitung die Messungen durchgeführt wurden, und das International Football Association Board (Ifab), die Regelhüter des Fußballs. Sie können Anfang Juli bei ihrer Sitzung darüber entscheiden, ob eine der Technologien zum Einsatz kommen soll.

Platini setzt auf Torrichter

Fifa-Präsident Joseph Blatter wünscht sich die Torlinientechnik für die WM 2014 in Brasilien, Fifa-Exekutivkomiteemitglied Theo Zwanziger sähe sie ebenso gern eingeführt („Sofern sie technisch ausgereift ist“). Blatter hat das nicht gegebene Tor der Engländer bei der WM 2010 geläutert. Doch Uefa-Chef Platini glaubt, das Mittel zur Fehlervermeidung zu haben: den Torrichter. Der hätte nämlich auf alle Fälle erkannt, dass Lampards Ball 2010 hinter der Linie war, sagt Platini: „Weil es sein Job ist, zu sehen, ob der Ball hinter der Linie ist.“ Das England-Ukraine-Spiel hat nun das Gegenteil bewiesen.

Und selbst Großbritanniens Premierminister Cameron schob beim G20-Gipfel noch hinterher, dass er bei seiner Ansicht über die Torlinientechnologie „keine totale Kehrtwendung“ erwarte. Er bleibe wohl für eine Einführung. Auch wenn diesmal England im Vorteil war.