Euro 2012

Irlands treue Fans reichen gegen Italien nicht aus

Cassano und Balotelli treffen gegen die Iren. Deren Anhänger beeindrucken erneut durch Hingabe und ihre Hymne "The Fields of Athenry".

Foto: Getty

89 Minuten lang ließen die irischen Fans die übrigen Zuschauer der Partie gegen Irland warten. Dann erhoben sie wie schon in den beiden Spielen zuvor ihre Stimmen und sangen in einem einzigen, grünen Chor ihre inoffizielle Nationalhymne: „The Fields of Athenry“.

Das Video von ihrer Interpretation des Folksongs über die große Hungersnot im 19. Jahrhundert beim Stand von 0:4 gegen Spanien ist im Video-Portal Youtube inzwischen mehr als eine Million Mal angeklickt worden, für viele war es der emotionalste Moment der Vorrunde.

Auch der Gesang aus der Partie gegen Italien hat das Zeug zum Internet-Star. Wie schon in Danzig beeindruckte die „Green Army“ auch in Posen durch bedingungslose Treue selbst in der Niederlage.

Mit 2:0 (1:0) setzte sich am Ende Italien durch und steht als Gruppenzweiter im Viertelfinale am Sonntag in Kiew. Gleichzeitig avancierten sie zu einem potenziellen Halbfinal-Gegner der deutschen Mannschaft, sollte die sich gegen Griechenland durchsetzen. „Wir mussten durch dieses Stahlbad gehen“, sagte Italiens Coach Cesare Prandelli, dem die Qualen der 90 Minuten ins Gesicht geschrieben standen. „Am Ende haben wir den Sieg unbedingt gewollt, und das hat man auch gesehen. Heute haben wir verstanden, dass es über die Qualität hinaus auch Herz braucht.“

Trapattonis Iren überraschen mit Pressing

Irlands Trainer Giovanni Trapattoni überraschte sein Heimatland mit durchaus passablem Pressing, das er seine Mannschaft spielen ließ. Die Iren, trotz Mauertaktik das Team mit der deprimierendsten Bilanz aller 16 EM-Teilnehmer, hatten zumindest in der ersten halben Stunde mehr vom Spiel als der Weltmeister von 2006.

Dabei waren es doch die Italiener, für die es im Gruppenfinale noch darum ging, ob sie weiterkommen oder nicht. Irland war schon vor dem Anpfiff ausgeschieden. Doch angeführt von einem starken Damien Duff, der in seinem 100. Länderspiel die Kapitänsbinde vom etatmäßigen Spielführer Robbie Keane geborgt bekam, brachte der Weltranglisten-18. die gegnerische Defensive öfter in Bedrängnis als bei den beiden vorherigen Auftritten zusammen. In letzter Instanz fehlten jedoch Präzision und Durchsetzungsstärke für ein zweites Turniertor.

Auf der anderen Seite zeigte die Elf von Cesare Prandelli, was Effektivität bedeutet. Zwei gelungene Aktionen von Antonio di Natale weckten die Italiener aus ihrer Lethargie. Die Schüsse des 34-Jährigen, von Prandelli erstmals anstelle von Mario Balotelli in die Startelf befördert, wurden jedoch jeweils von Sean St. Ledger abgeblockt (32. und 34.).

Antonio Cassano schraubt sich am höchsten

Nach einer Ecke von Andrea Pirlo war jedoch auch der irische Koloss chancenlos. Antonio Cassano schraubte sich am höchsten in Richtung Ball und lenkte ihn über die Linie – Duffs Rettungsaktion kam zu spät, der Ball hatte den Kreidestrich bereits passiert (35.).

Mit der Führung im Rücken kombinierten die Italiener sicherer und zielstrebiger. Routinier Andrea Pirlo war nun das Zentrum des Offensivspiels; alle Angriffe liefen über ihn. Und davon gab es nach dem Wiederanpfiff mehr als genug. Cassano (49.), di Natale (55.) und Claudio Marchisio (58.) hatten jeweils beste Möglichkeiten, den Vorsprung auf ein sicheres Niveau zu erhöhen. Doch wie zuvor schon gegen Kroatien misslang dieser Versuch auch gegen die tapfer kämpfenden Iren. Prandelli hatte das auf die unzureichende Fitness seiner Spieler geschoben. Offensichtlich ist es ihm nicht gelungen, diesen Mangel zu beheben.

Erst der eingewechselte Skandal-Stürmer Mario Balotelli erlöste die Italiener. Erneut brachte eine Ecke, diesmal vom ebenfalls eingewechselten Alessandro Diamanti getreten, den Treffer. Der Angreifer von Manchester City vollstreckte im Strafraum per Volleyabnahme (90.).

Die Minuten davor hatte Italien gegen Irland, dessen Protagonisten mit einem Trauerflor an die sechs Opfer des Massakers von Loughinisland erinnerten, mit dem Albtraum Vorrundenaus gespielt. Einen wuchtigen Freistoß von Keith Andrews, der kurz vor dem Ende wegen Schiedsrichter-Beleidigung mit Gelb-Rot vom Feld musste, konnte Keeper Gianluigi Buffon mit Mühe abwehren (78.). Zurück blieb ein trauriger Robbie Keane. „Unsere Fans waren fantastisch, wenn jemand einen Erfolg verdient gehabt hätte, dann sie“, sagte Irlands Stürmer.