EM-Viertelfinale

Löw scheint derzeit einfach nichts verkehrt zu machen

Ungeschlagen ist Deutschland ins Viertelfinale gezogen. Und glaubt man Bundestrainer Joachim Löw, geht es noch viel besser.

Platz für falsche Bescheidenheit ist über den Wolken nicht. „Ja, so ist es richtig. Zückt alle die Handys und Kameras“, hatte Lukas Podolski seinen Mannschaftskollegen zugerufen, die vehement eine Rede von ihm gefordert hatten. Eine Ehrensache für den deutschen Nationalspieler, schließlich hatte der Stürmer gerade sein 100. Länderspiel absolviert. „Danke an alle – und ab ins Finale“, sprach Podolski unter dem Jubel der Passagiere des Charterfluges, der die deutsche Mannschaft aus Lemberg, dem Ort des 2:1-Sieges über Dänemark, zurück ins Mannschaftsquartier brachte.

Hinter der DFB-Auswahl lag ein bewegender Tag. Sie hatte auch das dritte Spiel gewonnen, die stärkste Vorrundengruppe ohne Punktverlust für sich entschieden und war in das Viertelfinale eingezogen. Dort wartet am Freitag Griechenland. „Wenn wir so spielen wie in den ersten drei Partien, kommen wir auch gegen die Griechen weiter“, sagte Mario Gomez, und Mats Hummels ergänzte: „Gegen Griechenland sind wir auch Favorit.“

Ein riesiges Barometer

Das deutsche Selbstbewusstsein und die makellose Bilanz allerdings sollen nicht übertünchen, dass es zwischenzeitlich ganz schön knapp zuging in Lemberg. Wie ein kalter Wind war eine Viertelstunde vor Abpfiff die Kunde durch das Stadion geweht, dass Portugal in Charkow zeitgleich gegen die Niederlande in Führung gegangen war. Die Nachricht erfasste die Fans und ließ sie, die zuvor durchgesungen hatten, kurz verstummen. Sie mussten wohl schlucken, denn in Lemberg stand es zu diesem Zeitpunkt 1:1. Ein Tor der Dänen, und die beiden ersten Siege wären nichts wert gewesen. Deutschland wäre aus dem Turnier ausgeschieden. Ein Fußballstadion funktioniert in solchen Momenten wie ein riesiges Barometer. Wer es zu lesen versteht, bekommt präzise Informationen. Über das Spiel, über die Gefühlslage – mitunter sogar über Partien, die 900 Kilometer entfernt stattfinden. Zwar sagte Torwart Manuel Neuer später mit einem Augenzwinkern, er habe den Spielstand aus Charkow nicht gewusst. Aber entweder war das schlecht geflunkert, oder Neuer hatte sich tatsächlich der Botschaft des Fanbarometers verwehrt.

Kurz konnte der Eindruck entstehen, dass auch die deutsche Mannschaft innehielt. Und als wenig später der hünenhafte dänische Mittelstürmer Nicklas Bendtner zu einer guten Schusschance kam, schien Joachim Löw auf der Bank zu erblassen. Nehmen wir also einfach an, dass die deutschen Spieler sehr wohl um das Drahtseil wussten, auf dem sie plötzlich standen. Dass sie wussten, warum die Zuschauer nicht mehr sangen und die Dänen wieder anrannten. Und dass beinahe die Auftaktsiege über Portugal und die Niederlande Makulatur gewesen wären.

Auf dieser Basis ist es umso beeindruckender, wie die Mannschaft von Joachim Löw den Seiltanz beendete. Bendtners Chance blieb die letzte der Dänen, Lars Bender traf in der 80. Minute zum 2:1.

Löw selbst ist ein entscheidender Faktor

Es ist schon bemerkenswert, wie cool die jüngste Mannschaft des Turniers (Altersschnitt 24,4 Jahre) mittlerweile agiert. Es ist allerdings auch logisch: Zwar sind Führungskräfte wie Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Philipp Lahm erst Mitte Zwanzig, doch sie zehren bereits von einem Erfahrungsschatz, den ihre Vorgänger in der Nationalmannschaft höchstens zum Ende ihrer Karriere angehäuft hatten. Und selbst die, die sich noch nicht der Hundertermarke nähern, sind nicht mehr jene Jungspunde, die früher die Lücken zwischen den Etablierten gefüllt haben. Mesut Özil, Sami Khedira, Manuel Neuer oder Mats Hummels haben Erfahrung bei Real Madrid, Bayern München und Borussia Dortmund gesammelt.

Glorreiche Siege wie die bei der WM 2010 über England und Argentinien haben die Deutschen zwar noch nicht gezeigt. Aber was war nach der Gruppenauslosung gestöhnt worden über die mit Abstand schwerste Turniergruppe. Und nun: drei Siege. „Wir haben in einer schweren Gruppe mit Topgegnern neun Punkte geholt, das ist unter dem Strich eine Klasseleistung“, resümierte Bundestrainer Löw, nahm seine Mannschaft im gleichem Atemzug aber auch in die Pflicht: „Aber wir können uns noch steigern, müssen uns noch steigern und wollen uns noch steigern. Denn wir haben erst ein Etappenziel erreicht.“

Löw selbst ist ein entscheidender Faktor im Projekt „Titelgewinn“. Der Trainer scheint derzeit einfach nichts verkehrt machen zu können. Erst funktionierte sein Plan, Jerome Boateng statt Philipp Lahm auf Portugals Superstar Cristiano Ronaldo anzusetzen. Dann entschied er sich gegen die Stammkräfte Miroslav Klose und Per Mertesacker, was ihm Mario Gomez und Mats Hummels dankten. Und als Boateng gesperrt war, vertraute Löw auf Lars Bender, der zuvor noch nie in der Startelf gestanden hatte. Nun also soll Griechenland die nächste Treppenstufe auf dem Aufstieg zum Finale sein. Ein Sieg genügte den Griechen für den Viertelfinaleinzug, doch unterschätzen wird sie deshalb keiner im deutschen Team – das versprechen jedenfalls alle unisono. „Auch die Griechen können uns wehtun. Keiner hätte damit gerechnet, dass sie sich gegen die Russen durchringen“, sagte Neuer. Gar als „Meister der Effizienz“ bezeichnete Löw den Rivalen: „Sie haben in diesem Turnier bisher drei Torchancen gehabt und drei Tore erzielt. Das sagt alles.“ Sie werden versuchen, sich zurückzuziehen und das Tempo aus dem Spiel zu nehmen, prognostiziert der Bundestrainer: „Wir wissen ja aus vergangenen Turnieren, dass sie wahnsinnig gut verteidigen können. Da beißt du auf Granit.“ Allerdings: Die Griechen sind alles andere als ein Angstgegner. Von acht Spielen gewann die deutsche Mannschaft fünf, dreimal gab es ein Remis. Zum statistischen Vorteil kommt, dass die DFB-Auswahl diesmal mit dem Bus anreisen kann. Das Spiel findet in Danzig statt, wenige Kilometer vom Teamhotel entfernt.

Damit entfällt dann leider auch die Rückflugparty. Die Fahrzeit nach dem Griechenland-Spiel wird, einen Sieg vorausgesetzt, wohl bestenfalls für eine Flasche Bier genügen.