Euro 2012

Kroaten wettern gegen Schiedsrichter Wolfgang Stark

Spanien kämpft sich gegen Kroatien zum Sieg, kurz vor Schluss schlägt Navas zu. Im Fokus steht aber der deutsche Schiedsrichter Stark.

Foto: DAPD

Slaven Bilic hat ein gutes Gedächtnis. Kroatiens Nationaltrainer erinnerte vor dem Spiel gegen den Turnierfavoriten noch einmal an das erste von vielen fußballerischen Husarenstücken seiner jungen Nation – ein 2:1 bei einem Testspiel 1994 in Spanien mit ihm als Spieler.

„Das war damals noch eine große Überraschung“, sagte er, „aber seitdem haben wir immer gut gespielt gegen große Teams.“ Wie wahr. Gestern in Danzig brachten die Kroaten die Spanier an den Rand des Ausscheidens.

Letztlich aber müssen sie nach einem späten Gegentor zum 0:1 (0:0) durch Jesus Navas unglücklich die Heimreise antreten.

Beim Schlusspfiff atmeten die Welt- und Europameister tief durch. „Kroatien hat ein sehr gutes Spiel gemacht, aber ich glaube, dass wir die Partie insgesamt kontrolliert haben“, sagte Spaniens Coach Vicente del Bosque und fügte an: „Wir haben um den Sieg gekämpft. Auf Unentschieden zu spielen ist immer gefährlich.“

Spanier kämpfen gegen kroatisches Bollwerk

Von Beginn an hatte sein Team kein Mittel gegen die massierte Defensive des Gegners gefunden und vielleicht fehlte ihnen auch ein bisschen die Einstellung. Was anfangen mit diesem Spiel? Ein Unentschieden reichte ja auf jeden Fall, die Kroaten dagegen brauchten in diesem Fall das vorher von Italien ominös beschworene 2:2.

Ein Ergebnis im Übrigen, das die Uefa mit ihrem ganz eigenen Sinn für Humor wenige Stunden vor Spielbeginn beim Testlauf für ihren internen Fernsehkanal ausgewählt hatte.

Im Endeffekt wären die Zuschauer froh gewesen über so viel Unterhaltung. Denn vor allem die erste Halbzeit gehörte unter den Augen von Bundestrainer Joachim Löw zur zähesten Kost, die bei diesem Turnier bisher geboten wurde.

Kroatien hatte eine ähnliche Taktik gewählt wie Italien bei seinem 1:1 gegen die Spanier und das Mittelfeld verstärkt. Jelavic stand daher zunächst gar nicht auf dem Platz, Kapitän Dario Srna rückte von der Abwehr nach vorn. Damit und mit dem Respekt, den die Spanier dem kroatischen Spielmacher Luka Modric entgegen brachten, schaffte es die Auswahl vom Balkan, kaum Torgefahr zuzulassen.

Starks Pfeife bleibt bei Ramos-Foul stumm

Wenn beide spanischen Innenverteidiger in aufeinanderfolgenden Angriffen jeweils Distanzschüsse abfeuern wie Sergio Ramos und Gerard Piqué in der 24. Minute, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass im spanischen Spiel etwas nicht funktioniert. Die Spanier hatten sogar Glück, nicht mit einem Rückstand in die Pause zu gehen, denn bei einem der wenigen Offensivausflüge der Kroaten wurde Mandzukic am Rande des Strafraums von Ramos übel abgeräumt (26.). Die Pfeife von Schiedsrichter Wolfgang Stark jedoch blieb stumm. Bilic: „Ein Weltmeister bekommt eben Hilfe vom Schiedsrichter…“

„Der ist blind! Der kommt aus Deutschland, oder? Das war richtig schlecht“, sagte Danijel Pranjic von Bayern München. Und der Leverkusener Bundesliga-Profi Vedran Corluka schimpfte: „Wir sind bestohlen worden. Der Blindfisch hat den Elfer nicht gesehen.“

Hellmut Krug, Schiedsrichter-Beauftragter der DFL, gestand ein: "Nach Betrachtung der TV-Bilder hätte man Strafstoß geben müssen, das war für Wolfgang Stark von seiner Position aber schwer zu erkennen. Leider haben ihm seine Assistenten und der vierte Offizielle in dieser Szene nicht geholfen“, so Krug.

Ob dieser Fehler Starks Hoffnung auf die Leitung eines Viertelfinalspiels zunichte machen könnte, wollte der ehemalige Unparteiische nicht kommentieren. Krug sagte lediglich: „Eine Entscheidung überlagert die ansonsten souveräne Spielleitung, das ist leider das Schicksal eines Schiedsrichters.“

Auch die kroatische Presse reagierte mit Unverständnis. „Schiedsrichter Stark hat Kroatien rausgeworfen“, schrieb am Dienstag die kroatische Zeitung „Jutarnji list“. Im TV-Sender Nova hieß es: „Kroatien ist tapfer und stolz gefallen: Das war eine Schiedsrichter-Ungerechtigkeit“.

Überhaupt Wolfgang Stark. Was hat dieser Mann eigentlich verbrochen, dass immer bei seinen Spielen die Tribünen brennen? Nach seinem heimatlichen Einsatz beim chaotischen Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC hätte er sich bei dieser EM sicherlich ein entspannteres Programm vorstellen können als zunächst den Anspannungsgipfel Russland gegen Polen und nun die heißblütigen kroatischen Anhänger. Wie schon sechs Tage zuvor in Warschau flogen auch diesmal Bengalos – besonders unangenehm, weil eines nicht auf dem Rasen landete, sondern weiter unten auf den Rängen. Stark unterbrach das Spiel daher nach sechs Minuten kurz, Kroatien muss mit einer empfindlichen Strafe rechnen.

Bengalos statt Spielfluss

Aber auch die Bengalos trugen wohl dazu bei, die Spanier zu entnerven und gar nicht erst in den Spielfluss kommen zu lassen. Die Kroaten spielten diese Partie auf allen Ebenen, auch mit gelegentlichem Trash Talk. Mehr und mehr realisierten sie angesichts der italienischen Führung im Parallelspiel aber auch, dass ein 0:0 sie aus dem Turnier befördern würde. Also intensivierten sie ihre Konterbemühungen und hatten in der 59. Minute die größte Chance des gesamten Spiels: Nach glänzender Vorarbeit samt Außenristflanke von Modric kam Ivan Rakitic aus fünf Metern völlig frei zum Kopfball – brachte den Ball aber nicht an Torwart Iker Casillas vorbei. „Wir hatten die besten Chancen im Spiel“, ärgerte sich Bilic. „Wenn man gegen den Weltmeister spielt, muss man solche Chancen nutzen.“

Sein Team machte immer weiter auf und wurde in der 88. Minute entscheidend ausgekontert. Der eingewechselte Cesc Fàbregas passte auf Andrés Iniesta, der legte in die Mitte, und der freistehende Navas („Der Sieg war verdient. Jetzt wollen wir auch ins Finale“), klug das Abseits verhindernd, drosch den Ball ins leere Netz. „Wir sind sehr traurig“, sagte der Ex-Schalker Ivan Rakitic, „wir haben ein gutes Spiel abgeliefert und können erhobenen Hauptes nach Hause fahren.“