Fußball-EM

Fabregas verhindert Spaniens Fehlstart gegen Italien

Fußball vom Feinsten, ein hochklassiges Remis: Starke Italiener trotzen dem Europameister von 2008 ein Unentschieden ab.

Foto: DPA

Die spanische Passmaschine hat plötzlich mächtig Sand im Getriebe. Der Weltmeister, Titelverteidiger und Topfavorit legte gegen Italien einen Stotterstart in die Europameisterschaft hin und kam nach 14 Pflichtspielsiegen in Serie nicht über ein 1:1 (0:0) hinaus.

Italien verdiente sich seinen Punktgewinn in einem rassigen Spiel mit viel Leidenschaft – sogar ein Sieg wäre nicht unverdient, jedoch angesichts der spanischen Dominanz nach der Pause doch glücklich gewesen.

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Hochkaräter waren in der „Bernstein-Arena“ von Danzig phasenweise im Minutentakt zu sehen, auch die Azzurri scheuten nicht den Weg nach vorne und gingen sogar in Führung. Das 1:0 von Antonio Di Natale (61.) mit dessen erstem Ballkontakt hatte allerdings nur drei Minuten Bestand, dann glich Cesc Fabregas aus (64.). Der Mann vom FC Barcelona war von Nationaltrainer Vicente del Bosque zunächst überraschend als einzige Spitze aufgeboten worden.

Del Bosque macht's wie Löw

Del Bosque machte es wie damit Joachim Löw: Als der Aufstellungsbogen herumgereicht wurde, suchten die Journalisten vergeblich den vermeintlich gesetzten Stürmer. Es war sogar kein einziger Angreifer zu finden – eben nur Fabregas, der zumindest in Barcelona ab und an schon mal ganz vorne gespielt hatte. Fernando Torres, von vielen im Sturmzentrum erwartet, saß auf der Bank.

Er kam erst nach dem Ausgleich und vergab noch zwei gute Chancen. Der verletzte Torjäger David Villa aber wurde wie auch Abwehrchef Carles Puyol schmerzlich vermisst. Italien spielte aus Personalnot mit dem gelernten Mittelfeldspieler und 2006er-Weltmeister Daniele de Rossi auf der Innenposition einer Dreierkette. Auch Angreifer Antonio Cassano, der vor sieben Monaten erst am Herzen operiert worden war, stand in der defensiv eingestellten Startelf.

Ein wenig schien Italien anfangs in einer Zwickmühle zu stecken. Der Ball musste dringend von der zuletzt so wackligen Abwehr ferngehalten werden, ohne den Verdacht zu erwecken, ernstlich an druckvollem Offensivspiel interessiert zu sein. Zwar prüfte Andrea Pirlo mal Torhüter Iker Casillas (13.), meist aber war Spanien mit zehn Weltmeistern in Ballbesitz – jedoch nicht am Drücker.

Als auch Cassano noch einen Warnschuss aus spitzem Winkel abgegeben hatte, wurde es den vielen Spaniern in der nicht ganz ausverkauften Arena ein wenig mulmig. Ihr Team kombinierte, passte viel, wechselte auch mal die Positionen, aber vor dem italienischen Strafraum hatten sich bis zu acht Mann postiert, die Schüsse abblockten und Räume zustellten.

Balotelli vergisst zu schießen

Besonders de Rossi auf die Wade tätowiert hat, fegte immer wieder dazwischen. Da Fabregas sich auch noch fallen ließ und nur zeitweise vorn im Zentrum spielte, fehlte den Spaniern häufig der Abnehmer, selten ging ein Spieler mal dynamisch steil. Auf der anderen Seite hatte Thiago Motta den Führungstreffer auf dem Kopf – Casillas reagierte glänzend (45.).

Ein echtes Rezept, die italienische Abwehr zu knacken, fanden Spaniens Tiki-Taka-Künstler lange nicht, trotz einiger guter Gelegenheiten in der zweiten Halbzeit, von denen jedoch auch Italien ein halbes Dutzend besaß. Die wohl beste vor dem 1:0 vergab Mario Balotelli, der mit dem Ball am Fuß allein auf Torhüter Casillas zulief, unerklärlicherweise aber plötzlich zu langsam wurde und es versäumte, überhaupt abzuschließen (53.). Zur Strafe wurde er ausgewechselt.

Wenige Minuten zuvor hatte Andres Iniesta, Torschütze des spanischen Siegtreffers im WM-Endspiel, das 1:0 auf dem Fuß (50.) gehabt. Der viermalige Welttorhüter Gianluigi Buffon rettete mit den Fingerspitzen. Auf spanischer Seite kam Torres spät und stand Sekunden später alleine vor Buffon, der sehr gut klärte (74.). In der 84. Minute lupfte Torres den Ball über Buffon – aber auch über das Tor.

Spaniens Trainer Vicente del Bosque hatte die Chancen vor dem Aufeinandertreffen „50:50“ eingeschätzt, sein italienischer Kollege Cesare Prandelli versichert: „Wir haben keine Angst.“ Vor dem richtungweisenden Spiel zwischen dem Europa- und Weltmeister und der von mehreren Skandalen belasteten Squadra Azzurra hatte bei beiden Teams Zuversicht geherrscht, aber auch absoluter Respekt vor dem starken Gegner. „Das ist ein Kampf auf Augenhöhe“, hatte del Bosque bei der Abschlusspressekonferenz am Sonnabend gesagt.

Italien verfüge über ein erfahrenes Team, mit sehr guten Spielern aus großen Klubs wie Juventus Turin oder AC Mailand. Iker Casillas hatte zugestimmt: „Das wird keine einfache Partie. Italien genießt unseren größten Respekt.“ Der geniale Spielmacher Xavi hatte darauf hingewiesen, dass Italien längst einen anderen Fußball und ein anderes System spiele: „Das ist nicht mehr der alte Catenaccio“, warnte der Takt- und Ideengeber der Selección bei einem PR-Termin. Aber auch die Azzurri hatten Hochachtung vor ihrem härtesten Kontrahenten geäußert. „Spanien ist mit keinem anderen Team vergleichbar“, schwelgte beispielsweise Gianluigi Buffon, wie sein Kollege Casillas Keeper und Kapitän, in den höchsten Tönen. „Sie sind einfach super.“

Prandelli hatte das richtige Gefühl

Dennoch war der Ex-Weltmeister zuversichtlich in die Neuauflage des EM-Viertelfinales von 2008 gegangen. „Wir haben gute Chancen“, glaubte Prandelli. „Wir fühlen uns sehr gut. Wir haben sehr gut trainiert und sind für diese Partie vorbereitet.“ Der 54-Jährige hatte sehr selbstbewusst versichert: „Wenn wir Fußball spielen, können wir Spanien die Stirn bieten.“ Ihm schwebte vor, dass seine Mannschaft immer mit drei, vier Spielern in die gegnerische Hälfte komme und sich Chancen erarbeite.

Prandelli hatte sich konzentriert, aber auch locker und entspannt präsentiert. „Mir geht es sehr gut. Vor dieser Pressekonferenz habe ich noch ein Stündchen geschlafen“, hatte er lächelnd gesagt. „Ich bin entspannt wie ein kleines Kind, das seine Hausaufgaben gemacht hat.“ Und Buffon hatte angekündigt: „Wir sind bei der Euro, um zu verblüffen. Wir sind sehr entschlossen!“