Fußball-EM

Torschütze Gomez ist Deutschlands umstrittener Held

Mario Gomez erzielte das erlösende Tor gegen Portugal – und wird dennoch hart kritisiert, weil er vor dem Treffer zu wenig fürs Spiel tat.

Mario Gomez war 1A, in jeder Hinsicht. Frisch geduscht und geföhnt rekelte sich Deutschlands neuer Held auf dem besten Platz im Flugzeug, er saß gleich vorn links neben der Einstiegstür. Rechts daneben saß seine Freundin Silvia und streichelte ihm stolz das Goldköpfchen. Zwei Stunden zuvor hatte ihr Liebster damit das entscheidende, weil einzige Tor beim 1:0 (0:0) der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im ersten Vorrundenspiel der Europameisterschaft über Portugal erzielt.

Dass er danach den Teamflieger verpasste, weil es bei der Dopingkontrolle nicht so gelaufen war, konnte er verkraften. Buchte ihn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) doch stattdessen auf die Maschine, die unter anderem die Spielerfrauen zurück nach Danzig brachte.

Ja, es war ein großer Tag für den Stürmer des FC Bayern München. Vor allem, weil es so dermaßen anders hätte laufen können für den Helden des Abends. Tagsüber hatte er erfahren, dass Bundestrainer Joachim Löw ihm den Vorzug geben wird vor Miroslav Klose, den alle Experten unisono in die Startformation geschrieben und geredet hatten. Die Erfahrung von sechs großen Turnieren und seine Zuverlässigkeit bei diesen Veranstaltungen hatten keinen Zweifel daran gelassen, auch wenn Gomez mit 26 Saisontreffern in der Bundesliga mit starkem Arbeitsnachweis angereist war.

Nur 13 Ballkontakte bis zum Tor

Klose aber kam an seinem 34. Geburtstag lediglich die Aufgabe zu, vor dem Spiel die mittlerweile traditionelle Rede eines Akteurs an die Mannschaft zu halten. Ansonsten musste er mit durchaus zerknirschter Miene auf der Bank Platz nehmen. Er nahm die Entscheidung des Bundestrainers aber letztlich professionell und konstatierte anschließend freundlich: „Ich habe mit dem Trainer lange gesprochen, und er hat sich dann so entschieden. Mario ist in überragender Form, und das hat er bestätigt.“

Dabei war schon während des Portugal-Spiels die Chance groß für den Münchner, schnell wieder den alten Stammplatz zurückzuerobern. Auf Gomez baute sich zunehmend gewaltiger Druck auf. Nach zwei Minuten vergab er eine Kopfballchance, das blieb dann auch der einzige gewonnene Zweikampf bis zu jener 72. Minute, von der er wohl noch seinen Enkeln erzählen wird. 13 Ballkontakte hatte er bis dahin gehabt, das war mit Abstand der schlechteste Wert aller Spieler – inklusive beider Torhüter.

An der Außenlinie hatte sich Miroslav Klose bereits der Trainingsjacke entledigt, der vierte Schiedsrichter hatte die anstehende Auswechslung von Mario Gomez zur Kenntnis genommen und wartete nur noch darauf, dass das Spiel unterbrochen werden würde, um seine Leuchttafel in den Nachthimmel von Lemberg zu strecken: Nummer 11 für Nummer 23, Klose für Gomez. Offenbar hatte er dabei getrödelt, denn nach dem Spiel sagte Löw mit einem Augenzwinkern: „Ich muss mit dem vierten Mann hart ins Gericht gehen. Ich wollte schon zwei Minuten früher wechseln, doch er hat so lange gebraucht.“

In diesen zwei Minuten tat sich zum Glück für die deutsche Mannschaft Spielentscheidendes: Eine Flanke von Sami Khedira segelte von der rechten Seite in den Strafraum, Gomez schraubte seine 1,89 Meter in die Luft und köpfte den Ball im Rückwärtslaufen in die rechte Torecke. Jubelnd drehte er ab. Es war endlich sein erster Treffer im dritten Anlauf bei einem großen Turnier.

Kaum auszudenken, wie die öffentliche Bewertung von Gomez' Leistung ausgefallen wäre, wenn er das Tor nicht erzielt hätte. ARD-Experte Mehmet Scholl nutzte trotz des Treffers nach dem Spiel die Aufmerksamkeit von 22 Millionen Fernsehzuschauern, um zur Generalabrechnung mit dem Angreifer anzusetzen. „Er macht zu wenig für die Mannschaft. Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wundliegt und mal gewendet werden muss“, ätzte der künftige FC-Bayern-Amateurtrainer Scholl über den FC-Bayern-Stürmer Gomez. Zu geringe Laufbereitschaft, zu wenig Präsenz, lauteten weitere Kritikpunkte des Europameisters von 1996, der sich förmlich heißredete: „Das gibt es im modernen Fußball gar nicht mehr, dass Stürmer nicht mit nach hinten arbeiten.“ Weiter mäkelte er, es könne nicht sein, „dass ein Spieler einfach nur zentral bleibt, keinen Ball kurz haben will, sondern nur irgendwo auf Flanken hofft, oder auf einen Laufweg, der sich auftut, hofft, oder auf eine freie Straße, die er benutzen kann. Insgesamt ist das zu wenig.“

Matthäus kritisiert den Kritiker

Natürlich hatte Scholl grundsätzlich Recht – und auch wieder nicht. Es ist vollkommen richtig, dass ein Stürmer im modernen Fußball auch Defensivaufgaben zu erfüllen hat. Und es stimmt auch, dass Gomez dort schlampte. Aber seine primäre Aufgabe als Mittelstürmer ist es nun einmal, Tore zu erzielen (siehe Kommentar auf Seite 24). Erinnert sei an die Elogen, die nach dem Champions-League-Finale auf Chelsea-Stürmer Didier Drogba gehalten wurden. Auch der Ivorer trat vor dem Sieg im Elfmeterschießen nur einmal in Erscheinung, als er kurz vor Schluss das 1:1 gegen den FC Bayern köpfte. Und schließlich im Elfmeterschießen den entscheidenden Strafstoß verwandelte.

Scholls Verbalgrätsche gegen Gomez stellte in dieser Härte ein Novum dar. Zwar sind Fernsehexperten naturgemäß zur Kritik verpflichtet, doch die beziehen sie zumeist auf das gesamte Team – und bislang nie auf den Siegtorschützen. So nahm Rekordnationalspieler Lothar Matthäus den Matchwinner am Sonntag in Schutz. „Ich finde die Kritik an Gomez nicht berechtigt. Er ist ein klassischer Strafraumstürmer, also wieso sollte er auf die Flügel ausweichen?“ stellte Matthäus im TV-Sender Sport1 die Scholl-Kritik in Frage. Nur 1988 während der Europameisterschaft in Deutschland hackte Paul Breitner vor laufender Kamera ständig auf Rudi Völler herum, weil der in den ersten beiden Spielen nicht getroffen hatte. Teamchef Franz Beckenbauer hielt allerdings an seinem Angreifer fest, der dankte es ihm mit zwei Toren im letzten Vorrundenspiel gegen Spanien – und widmete sie seinem Kritiker Breitner.

Löw muss sich zwischen Gomez und Klose entscheiden

Ähnlich Charmantes war von Gomez nach dem Spiel nicht zu hören. Der Stürmer hielt sich mit Kommentaren zurück. Er scheint einen Nebenkriegsschauplatz wie bei der vergangenen Europameisterschaft vermeiden zu wollen. Damals war er von seinem Klubchef beim VfB Stuttgart, Dieter Hundt, öffentlich angezählt worden. „Ich bin sehr glücklich, dass mir der Trainer das Vertrauen geschenkt hat. Ich wollte etwas davon zurückgeben“, sagte Gomez lediglich.

Löw wird jetzt sehr genau überlegen müssen, ob er die Aufstellung seines siegreichen Teams am Mittwoch gegen die angeschlagenen Niederländer ändern will. „Für mich gilt es jetzt, weiter dranzubleiben und auf meine Chance zu warten. Sie wird bestimmt kommen“, sagte Miroslav Klose.

Ähnliches gilt für Per Mertesacker, den das gleiche Schicksal ereilte. Auch er musste als Routinier Platz machen für die junge Garde. Mats Hummels nahm seinen Platz in der Verteidigung ein und bot ein hervorragendes Spiel.

„Nach einem Spiel ist die Geschichte für mich und das Team noch nicht geschrieben“, sagte Hummels am Sonntag und klang dabei so routiniert wie Lothar Matthäus. Unmittelbar nach dem Spiel hatte er noch geschmollt und sich wortlos durch die Mixedzone gedrückt (siehe Artikel unten). Zumindest in diesem Bereich muss der Dortmunder wohl noch ein bisschen dazulernen.