Fußball-EM

Jerome Boateng überwindet die Gina-Lisa-Falle

Nach einer schwierigen Woche hat Jerome Boateng Stärke gegen Ronaldo bewiesen. Zumindest sportlich hat er sich von Löws Rüge rehabilitiert.

Jerome Boateng wollte nur wenig sagen nach dem Portugal-Spiel. „Es hat Spaß gemacht“, nuschelte er ins Mikrofon. Er nuschelte so wie immer nach einem Auftritt, der in keiner Weise wie immer war. Boateng hatte in den vorangegangenen 90 Minuten Cristiano Ronaldos Offensivdrang abgefangen. Er war einer der wichtigsten Faktoren beim 1:0-Auftakterfolg der Deutschen. „Ich habe es ganz ordentlich gemacht“, sagte der 23-Jährige, dem viele im Vorfeld nicht zugetraut hatten, dass er den portugiesischen Pfau ausschalten könnte. Es waren gar Zweifel aufgekommen, ob Boateng überhaupt spielen würde.

Unter der Woche war sein Platz als rechter Außenverteidiger in Gefahr geraten. Bundestrainer Joachim Löw hatte den Bayernprofi für seinen nächtlichen Ausflug kurz vor dem Abflug der Nationalmannschaft scharf gerügt, den Namen Lars Bender auffällig oft als Alternative ins Spiel gebracht und von Boateng gefordert, dass – wolle er spielen – er sich ab sofort „zerreißen“ müsse.

Nach dem Spiel befand der Cheftrainer bündig: „Überwiegend hat er Ronaldo gut im Griff gehabt.“ Deutlich euphorischer bewertete Lukas Podolski den Einsatz seines Kollegen: „Das war eine Superleistung von Jerome nach dem, was die ganze Woche geschrieben wurde. Das war nicht einfach für ihn.“

Keine einfache Woche

Nein, die Woche war wahrlich nicht einfach. Ein nächtlicher Hotelbesuch, eine junge Frau, Fotos in der Boulevardpresse – und viel Kritik an Boateng. Dabei war der Nationalspieler nur die Marionette im Theater mit der Puppe. Die Fäden zog jemand anderes.

Es war offensichtlich eine Inszenierung, in die Boateng hineingeraten war. Denn es gibt eigentlich keinen Grund für einen Reporter nachts um zwei Uhr in Köpenick herumzulungern und völlig unbedarft vor einem Hotel auszuharren, nur in der Hoffnung, dass sich dort die Stars die Klinke in die Hand geben würden. In Köpenick wird gebadet, gesegelt, Boot gefahren. Alles eher keine Betätigungen für Nachtschwärmer.

Doch Boateng war dort, die in der TV-Show „Germany's next Topmodel“ bekannt gewordene Gina-Lisa Lohfink auch und dazu ein Fotograf. Irgendjemand muss dem gesteckt haben, wer sich zu frühmorgendlicher Stunde dort treffen würde. Boateng wird es wohl nicht gewesen sein. War es also Gina-Lisa Lohfinks Managerin? Ein erster Anruf endet kurz nach der Vorstellung des eigenen Ansinnens. Aufgelegt. Vielleicht nur ein Versehen. Also nochmal probieren. Wieder wird aufgelegt. Beim dritten Mal geht nur die Mailbox ran.

Angewiesen auf Aufmerksamkeit

Dabei ist Gina-Lisa Lohfink doch auf jede Öffentlichkeit angewiesen. Die generalüberholte Blondine muss Aufmerksamkeit generieren, will sie mit ihren Auftritten in Discotheken und Fernsehshows Geld verdient. Je häufiger die 25-Jährige über den Boulevard stöckelt, desto besser. Ihr Marktwert dürfte in der abgelaufenen Woche deutlich gestiegen sein. Sie hat den Zeitungen, Magazinen und Fernsehsendern dieser Republik die größte Geschichte vor der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine geliefert.

Und im Gespräch bleibt sie tatsächlich: Jeden Tag legt Gina-Lisa nach. Zuletzt in der „Bild am Sonntag“. Dort erzählt sie neben ein paar Fotos im Boateng-Trikot, dass ein Kumpel des Fußballers auf dem Handy ihrer Managerin angerufen habe – und damals scheint niemand aufgelegt zu haben – und Jeromes Wunsch vortrug, doch unbedingt mal Gina-Lisa kennenlernen zu dürfen.

Und die erfüllte das Verlangen. „Um zwei kam Boateng in die Hotelbar. Gegen halb vier sind wir auf mein Zimmer gegangen“, erzählt Lohfink weiter. Dort sei dann aber gar nichts passiert, die beiden hätten sich nur unterhalten. Dann gibt es noch ein bisschen was Privates („Wenn ich abends im Bett liege, fühle ich mich sehr einsam“) und die Beteuerung: „Ich will Boateng nichts Böses.“ Doch Schweigen – was wohl das Beste für Boateng wäre – kann die gelernte Arzthelferin nicht. Dann wäre das Theaterstück schließlich vorbei – und die Bühne der Aufmerksamkeit müsste für Micaela Schäfer oder Daniela Katzenberger geräumt werden.

Gina-Lisa Lohfink bietet Hilfe an

Dass auf dieser Bühne auch ein Protagonist stand, der vermutlich nie Teil dieser Inszenierung werden wollte, ist der Kollateralschaden bei dieser Art der Aufmerksamkeitsgewinnung. Boateng hat eine Freundin, Boateng hat zwei kleine Töchter, Boateng ist in die Falle getappt.

„Ich habe 99 Probleme“, war auf der Baseball-Kappe zu lesen, die der ehemalige Profi von Manchester City beim nächtlichen Besuch in Köpenick trug. Eine Anspielung auf einen Song des US-Rappers Jay-Z. Am Montagmorgen, als er das Hotel verließ, hatte Boateng 100 Probleme.

Doch eines davon scheint erst einmal gelöst zu sein: Der gebürtige Berliner und Ex-Hertha-Profi muss sich keine Sorgen mehr machen, dass Joachim Löw im kommenden Spiel gegen die Niederlande am Mittwoch auf einen anderen Rechtsverteidiger setzt.

Ein anderes Problem will ihm ausgerechnet Gina-Lisa Lohfink abnehmen: „Ich biete Boatengs Freundin an, sich mit mir zu treffen.“ Man darf gespannt sein, ob auch bei dieser Zusammenkunft zufällig ein Fotograf in der Nähe sein wird.

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