Die Mama war nicht hocherfreut. Ihr Sohn, Peter Stöger (51), war ja am späten Sonnabend gerade erst in der Heimat in Wien angekommen, als sein Handy klingelte und sich am anderen Ende der Leitung Hans-Joachim Watzke meldete.
Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund schilderte seine Notlage. Den Koffer ließ Stöger unausgepackt, am Sonntagmorgen flog er bereits zurück. Was blieb, war „ein halbstündiges Essen“ mit der Mama, wie Stöger bei seiner offiziellen Präsentation als neuer BVB-Trainer berichtete. „Sie hat sich trotzdem gefreut, aber es war anders geplant.“
Anders geplant – das trifft auch auf die Dinge zu, die sich beim BVB seit dem vergangenen Sommer getan haben. Mit Peter Bosz hatte der Verein einen Trainer ausgewählt, der als Nachfolger des aufwühlenden Thomas Tuchel für Ruhe und Kontinuität sorgen sollte.
Manager Zorc: „An irgendeinem Punkt ist etwas passiert. Wir wissen auch nicht genau was“
Doch auf die imposante Siegesserie zu Beginn der Saison folgte der nicht weniger imposante Absturz mit nur einem Sieg aus 13 Pflichtspielen. Die Folge: Platz sieben, gefährdete Saisonziele und Ratlosigkeit ob der Gründe. „An irgendeinem Punkt ist etwas passiert. Wir wissen auch nicht genau was“, tastete sich Sportdirektor Michael Zorc durch den Nebel. Letzter Ausweg: Trainerwechsel.

Nach der Heimniederlage gegen Bremen (1:2) überbrachten Watzke und Zorc Bosz die Nachricht. Die Entscheidung sei ihnen schwer gefallen, „ich halte Peter Bosz nach wie vor für einen tollen Trainer und großartigen Menschen“, meinte Watzke, dem die aus Klubsicht alternativlose Entlassung Tuchels nun wieder vor die Füße zu fallen droht. „Wer meint, mich oder Michael Zorc für die Entscheidung im Sommer kritisieren zu wollen, soll das tun. Das müssen wir akzeptieren.“
Auch aufgrund dieser Gemengelage hätte der BVB Bosz gern gehalten. Doch die Darbietung gegen den Tabellenvorletzten geriet ungewollt zu einem 75-minütigen Plädoyer, dass es mit Bosz schwerlich weitergehen konnte. Das in seiner Wichtigkeit hervorgehobene Spiel bestritt die Mannschaft größtenteils lethargisch, verkrampft, bisweilen überfordert.
Stöger: „Ich bin der Trainer, der in dieser Saison drei Punkte geholt hat“
Boszs überraschendes Experiment, auf beide defensive Mittelfeldspieler Nuri Sahin und Julian Weigl zu verzichten und stattdessen die offensiveren Mahmoud Dahoud und Shinji Kagawa mit dem verantwortungsvollen Job in der Zentrale zu betrauen, wirkte zudem höchst befremdlich.
Mit Stöger (51) kommt nun jener Mann, der erst vor einer Woche beim Tabellenletzten 1. FC Köln gefeuert wurde. „Ich hab’s Aki (Watzke, d. Red.) am Telefon auch gesagt: Ich bin der Trainer, der in dieser Saison drei Punkte geholt hat“, scherzte Stöger, der den FC in den Jahren zuvor aus Liga zwei in den Europapokal geführt hatte.
Schon im Sommer hatte der BVB die Fühler nach dem Österreicher ausgestreckt, wie Watzke bestätigte. Aber da war Stöger emotional und vertraglich noch an den FC gebunden. Nun soll er dem schwarz-gelben Patienten mit Besonnenheit und Freude zurück zu alter Stärke verhelfen.
Erste Bewährungsprobe schon am Dienstag gegen Mainz
Zusammen mit seinem vertrauten Co-Trainer Manfred Schmid und dem zum Trainerstab aufsteigenden Ex-BVB-Profi Jörg Heinrich hat er dazu nur wenig Zeit. Schon am Dienstagabend steht in Mainz das erste Spiel an. Es folgen die Partien gegen Hoffenheim und das Achtelfinale im DFB-Pokal beim FC Bayern. Was Stöger bis dahin verändern kann? Kleinigkeiten.

„Insbesondere fehlt uns defensive Stabilität. Wir erhoffen uns von Peter, dass wir das spätestens in der Rückrunde hinkriegen“, sagt Zorc. Ein paar Pünktchen sollen bis zur Winterpause schon noch dazukommen, erst dann muss sich die Kraft Stögers vollends entwickeln.
Gern aber auch schon früher. „Er hat dank seiner empathischen Fähigkeiten gezeigt, dass er ein Team wieder zusammenführen kann, wenn Risse da sind“, sagt Zorc. Ein Satz, der tief ins Innenleben der Mannschaft blicken lässt.
Erstes Training fällt wegen Schneetreibens aus
Stögers Vertrag gilt lediglich bis zum Ende dieser Saison. Das nährt den Verdacht, dass hinter den Kulissen weiter an einer Verpflichtung von Wunschkandidat Julian Nagelsmann (30, 1899 Hoffenheim) gearbeitet wird.
Peter Stöger empfand die Aufgabe offenbar trotzdem als zu reizvoll, um abzusagen. „Ich bin stolz, dass man mir das zutraut und ich freue mich riesig, mit dieser Mannschaft in diesem Stadion zu arbeiten“, sagte er: „Das ist eine Möglichkeit, die man vielleicht nur einmal im Leben erhält. Wenn man mich gefragt hätte, ob ich es für 14 Tage mache, hätte ich auch zugesagt.“
Schon am Sonntagnachmittag sollte er die erste Einheit auf dem Platz leiten. Doch die schönen, von den Fernsehteams des Landes in die Welt gesendeten Bilder des neuen Hoffnungsträgers fielen dem Schneetreiben zum Opfer. Die Mannschaft trainierte im Innern des Gebäudes. Das war – anders geplant.





