In die Stille hinein erhob sich Hans-Joachim Watzke von seinem Platz auf der Bühne. Nun war er an der Reihe, sollte erklären, was sich seit Wochen mehr und mehr als unerklärlich entpuppt. Doch das Motiv, das der Geschäftsführer von Borussia Dortmund für seine Rede bei der Jahreshauptversammlung am Sonntagvormittag wählte, war eher Einung der schwarz-gelben Seelen. „Ich“, sagte der 58-Jährige, „habe mich gestern genau so besch...en gefühlt wie ihr alle“, sagte er vor anfänglich etwas mehr als 1000 anwesenden Mitgliedern. Als er endete, begleitete ihn netter Applaus.

So viel Wohlwollen war nicht jedem beschieden am Tag nach einem denkwürdigen Derby. Neben zaghaftem Applaus wurden Trainer Peter Bosz und seine Mannschaft vornehmlich mit Pfiffen und sogar Buh-Rufen begrüßt, weil sie im großen Duell mit dem Reviernachbarn Schalke 04 eine unglaubliche 4:0-Führung auf noch unglaublichere Weise in der zweiten Halbzeit verspielt hatte. Endstand 4:4.

Nur ein Sieg aus den vergangenen zehn Pflichtspielen

„Wir sind fassungslos und müssen das jetzt erst einmal richtig einordnen“, hatte Sportdirektor Michael Zorc unmittelbar nach dem Spiel gesagt. Es klang, als werde auch darüber nachgedacht, ob es mit dem Trainer so weitergehen könne.

Nur ein Sieg aus den vergangenen zehn Pflichtspielen lautet die sorgenvolle BVB-Bilanz. Das Derby würde über des Trainers Schicksal entscheiden – so hieß es. Und es lieferte in absurder Dichte das Für und Wider dieser Personalie im Laufe der bisherigen Saison: rauschhaftes Offensivspektakel zu Beginn, dann völliger defensiver Einbruch.

Fakt ist: Bosz bleibt. Nur wie lange? Eine Watzke-Einlassung gibt womöglich Aufschluss: „Irgendwo bei uns funktioniert etwas nicht und ich habe die klare Erwartung an dich, Peter Bosz mit deinem Team, dass ihr in dieser Woche alles auf den Prüfstand stellt, jeden Stein umdreht.“ Fehlersuche unter erhöhter Beobachtung. „Solange wir nicht auf einem Champions-League-Platz stehen, ist nichts gut“, skizzierte Watzke die Kulisse für die kommenden Spiele. Gegen Leverkusen am Sonnabend muss Besserung zu erkennen sein, sonst – ja was eigentlich?

Watzke stellt Wintertransfers in Aussicht

Der BVB hat das Problem, dass es gerade keinen neuen Mann auf dem Markt gibt, der geeignet erscheint. Weiter also erst einmal mit Bosz. Aber nicht aus der Not heraus. Der Trainer sei „überhaupt kein Thema“ gewesen, „von daher gab es auch keinen Beschluss zu treffen“, sagte Watzke. Der BVB-Boss setzt öffentlich auf Ruhe und Besonnenheit. Eine Haltung, mit der sich Schwarz-Gelb in den vergangenen Jahren aus so manch prekärer Situation befreit hat, wie Watzke erinnerte.

Tabellenletzter sei man vor ziemlich genau drei Jahren gewesen. Am Ende sei doch noch das europäische Geschäft herausgesprungen. Und wenn zudem die Analyse des Trainers nun ergäbe, dass neue Spieler im Winter dringend zu verpflichten wären, „dann haben wir die Möglichkeiten dazu“, so Watzke weiter.

Zur Wahrheit beim BVB gehört auch, dass offenbar gerade ein Bewusstsein dafür wächst, dass sich die Katastrophen-Saison 2014/15 unter Jürgen Klopp nicht wiederholt. „Wir dürfen in der Tabelle nicht nur nach oben schauen, sondern auch nach unten“, sagte Präsident Reinhard Rauball bei der Versammlung: „Es gibt die Gefahr einer Abrutschbewegung.“