Hooligans

Berliner Fußball-Verband: „Wir haben ein Gewaltproblem“

Der Berliner Fußball-Verband kämpft seit Jahren gegen die Aggression auf den Plätzen der Hauptstadt. Bewirkt hat das bislang wenig.

Foto: imago sportfotodienst / imago/Matthias Koch

Manchmal, sagt Gerd Liesegang, fühle er sich wie Don Quichotte. Seit 18 Jahren hat sich der Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes (BFV) dem Kampf gegen Gewalt auf den Fußballplätzen der Hauptstadt verschrieben. Ein Unterfangen, das ähnlich aussichtslos scheint wie der Kampf des Romanhelden von Miguel de Cervantes gegen die berühmten Windmühlen. Die Erfolgserlebnisse für Liesegang und seine Mitstreiter, sie halten sich bislang arg in Grenzen.

„Schwere Ausschreitungen im Berliner Fußball“, „Hooligans stürmen Platz bei Berliner Altherrenspiel“, „Massenschlägerei in der Berlin-Liga“ – Negativschlagzeilen wie diese gingen in der abgelaufenen Spielzeit bundesweit durch die Presse. Und die Vorfälle, die sich hinter den Meldungen verbargen, hatten es in sich.

Mitte März wurden während des Regionalliga-Derbys zwischen dem 1. FC Union II und dem BFC Dynamo 175 Randalierer festgenommen und 112 Polizisten verletzt. Knapp zwei Wochen später, diesmal trafen die beiden Ost-Rivalen in Form zweier Altherrenmannschaften aufeinander, stürmten rund 30 Krawallmacher den Platz und verletzten mehrere Spieler und Zuschauer.

Der skandalöseste Zwischenfall spielte sich allerdings im April in der Berlin-Liga ab. Nach der Partie Berliner SC gegen Sparta Lichtenberg kam es auf dem Platz zu heftigsten Tumulten. Das bittere Ende: Ein Sparta-Spieler wurde von BSC-Anhängern derart übel zugerichtet, dass er Knochenbrüche an Augenhöhle, Nase und Jochbein erlitt und wegen eines eingeklemmten Sehnervs notoperiert werden musste.

Zuschauer immer öfter beteiligt

Liesegang, 58, betont, es handele sich dabei um Extreme, räumt aber ein: „Wir haben ein Gewaltproblem.“ Eine quantitative Zunahme der Delikte sei bei den 65 Spielabbrüchen in den 35.000 Spielen der Saison 2014/15 zwar nicht festzustellen. „Die Vorfälle, die passiert sind, betrachten wir aber mit großer Sorge“, sagt Liesegang. Denn: Die Intensität der Ausschreitungen habe spürbar zugenommen.

Die Keimzelle dessen, was sich später in gewalttätigen Handlungen entlädt, liegt dabei oft in verbalen Pöbeleien. „Das trifft die Seele“, sagt Liesegang. „Die Sprache ist so verroht, so verletzend – das ist manchmal schlimmer als eine körperliche Auseinandersetzung.“ So weit, so bekannt. Neu ist hingegen die Tendenz, dass die Gewalt immer stärker von den Zuschauern ausgeht. Anders als im Profifußball stehen die Anhänger der Amateurkicker nur drei Meter vom Spielfeld entfernt. Die Hemmschwelle, auf dem Rasen für Rabatz zu sorgen, ist stark reduziert.

Verschärft wird dieser Zustand durch einen zweiten Trend. „Fans“ der Berliner Profiklubs haben den Amateurfußball als Plattform für sich entdeckt. Mit großen Horden von Hertha- oder Union-Fans, die sich mit Pyrotechnik inszenieren, ist jeder kleine Klub überfordert. Szenen wie im A-Jugend-Finale des Berliner Pokals, als Spieler von Tennis Borussia im Poststadion von Hertha-Fans beschimpft und bespuckt wurden, lassen sich kaum verhindern.

Nur wenige Vereine engagieren sich

Untätigkeit kann man dem BFV nicht vorwerfen. Der Verband bietet beispielsweise Anti-Gewalt-Seminare an, unterstützt die Vereine bei der Schulung ihrer Ordner und hat rund 30 Spielbeobachter im Einsatz. In die Gewaltprävention steckt der BFV jedes Jahr einen hohen fünfstelligen Betrag, zuzüglich der Fördergelder des Berliner Senats investiert der Verband eine sechsstellige Summe.

Das Problem: Die Angebote finden wenig Anklang. Von den 208 Vereinen im ordentlichen Spielbetrieb würden nur gut 50 partizipieren. Ohne den Schulterschluss durch die Klubs sind die rund 6000 Aktiven jedoch nicht zu erreichen.

Meist wenden sich die Vereine erst dann an den Verband, „wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist“, sagt Liesegang. Schlimmer noch: Etliche Klubs reagieren überhaupt nicht auf die Verfehlungen ihrer Mitglieder. Der Trainer eines A-Jugend-Landesligisten wurde von seinem Verein zum Jugendleiter befördert, obwohl er in der vergangenen Saison vier Platzverweise erhielt.

BFV verhängt zwei Saisonsperren

Auch wenn der BFV im Vergleich zu anderen Landesverbänden eine Vorreiterrolle einnimmt: Eine signifikante Verminderung der Gewalt ist ihm bislang nicht gelungen. An den Stammtischen der Vereinsheime werden daher längst rigorosere Strafen gefordert.

Für Liesegang keine Lösung. Der BFV pflege schließlich eine Patenschaft mit der Jugendstrafanstalt und versuche, junge Menschen wieder in den Fußball einzugliedern. Die eigenen Spieler rauszuschmeißen, passe da nichts ins Bild. Doch auch er gibt zu: „Wir brauchen ab und zu Schockerlebnisse.“ Dazu beitragen soll die Veröffentlichung der durch das Sportgericht verhängten Strafen. „Wenn sich so etwas nicht herumspricht“, sagt Liesegang, „können wir strampeln, wie wir wollen.“

Die beiden Spieler, die in der Eskalation zwischen dem Berliner SC und Sparta Lichtenberg eine Schlüsselrolle einnahmen, wurden vom BFV gerade bis zum 30. Juni 2016 gesperrt. Für viele noch zu wenig. Liesegang indes erhofft sich eine abschreckende Wirkung. Eines steht für ihn fest: „Aufgeben, werden wir auf keinen Fall.“ Don Quichotte wäre wohl stolz auf ihn.