Als er den Namen Helene Fischer hört, verzieht Alan Cairncross sein Gesicht, fast so, als hätte er gerade mit angesehen, wie sich jemand in den Finger geschnitten hat. Nicht, dass er die blonde Sängerin nicht leiden kann, aber der Schotte ahnt, dass Fischer und ihre vielen Fans ihm noch viel Kummer bereiten werden. Wenn der Schlagerzirkus in diesem Sommer ins Olympiastadion einfällt – da macht sich Cairncross keine Illusionen – ist die Manege wohl dahin.
Vorerst hat der 59-Jährige aber andere Sorgen. Cairncross ist Greenkeeper bei Hertha BSC und als solcher auch Herr über die Halme im Olympiastadion. Am Sonnabend findet dort das bedeutendste Spiel des Klubfußballs statt, das Champions-League-Finale. „Die ganze Welt schaut zu“, weiß Cairncross, „und wir wollen Spielern und Zuschauern natürlich einen schönen Rasen präsentieren.“
Das ist leichter gesagt als getan. Erst am vergangenen Sonnabend wurde das saftige Grün von 44 Stollenschuhen rustikal beackert. Im Finale um den DFB-Pokal schonten die Kicker aus Wolfsburg und Dortmund weder sich, noch das Geläuf. Schon am Morgen danach machten sich Cairncross und sein Team daran, die gröbsten Schäden auszubessern.
Die Uefa überlässt nichts dem Zufall
Ortstermin im Olympiastadion. Craincross, drahtige Statur, grüne Arbeitsmontur, ist voll in seinem Element. Gemeinsam mit einem Abgesandten der Uefa schreitet er über den Rasen. Der europäische Fußballverband steht dem Weltverband Fifa in seinem Regulierungsgebaren bekanntlich kaum in etwas nach, und natürlich wird auch beim Rasen nichts dem Zufall überlassen.
Also halten die beiden Experten immer wieder inne, pieksen mit einer überdimensionalen Gabel in das satte Grün, beraten und diskutieren. „Sonst haben wir zwischen zwei Spielen zwei Wochen Zeit“, sagt Cairncross: „Jetzt sind es nur sechs Tage.“
Der Zustand des Rasens, der im März für eine sechsstellige Summe neu gelegt wurde, sei allerdings schon sehr gut. Außerdem spielt das Wetter mit. Viel Sonne und noch wichtiger: kein Regen. Zu viel Niederschlag stellt den Greenkeeper vor Probleme – da hilft auch das ausgeklügelte Entwässerungssystem in 20 Zentimeter Tiefe nicht.
Enger Austausch mit den Hertha-Profis
Walzen, Schneiden, Düngen – das Pflegeprogramm für den Rasen ist breit gefächert. Seit er Mitte der Neunziger das Greenkeeping zum Hauptberuf machte, habe sich viel getan, erzählt Cairncross, auch weil sich der Fußball verändert habe. Mit den Profis von Hertha BSC steht er in regem Austausch.
Noch wichtiger sind seine persönlichen Eindrücke. Jeden Morgen läuft er über das 8000 Quadratmeter große Grün. Durch die abgesenkte Spielfläche wirke das Stadion wie ein Kühlschrank, erklärt Cairncross, die kalte Luft sinke ab und hänge lange über dem Feld.
Dazu komme der Schatten auf der Südseite und das Aufheizen der Laufbahn in der Sonne, wodurch sich auch das Klima im Stadion verändere. Faktoren, die Cairncross berücksichtigen muss. Rasenpflege – eine Wissenschaft für sich.
Greenkeeping als Traumjob
Wer sich mit Cairncross unterhält, merkt sofort: Dieser Mann liebt seinen Job. Dabei kam er eher zufällig zu seiner Profession. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in St. Andrews, kümmerte er sich in seiner Jugend mehr um die Fauna als die Flora. Und dass es ihn 1986 nach Berlin verschlug, lag am Militärdienst.
Inzwischen kann er sich ein Leben ohne „seinen“ Rasen nicht mehr vorstellen. Auf einer Golfanlage zu arbeiten, wo das Grün einen höheren Stellenwert genießt? Für Cairncross keine Option, von Kollegen hat er gehört, dass „die Leute da so viel schimpfen“.
Dann doch lieber Fußball – nach dem WM-Endspiel 2006 nun mit dem nächsten Superlativ. Er weiß: „Das Champions-League-Finale werde ich hier nur einmal erleben.“ Ein Ereignis, das ihm keiner mehr nehmen kann. Selbst, wenn ihn Helene Fischer um seinen Rasen bringt.





