Man schrieb den 15. Juli 2014, als das Turiner Sportblatt „Tuttosport“ zur Umfrage aufrief: „Massimiliano Allegri ist neuer Juventus Trainer – die richtige Wahl?“ Das Resultat las sich niederschmetternd für den Übungsleiter: 91,5 Prozent der Juventini votierten entschlossen mit nein. Er sei kein Charakter, der dem edlen Turiner Umfeld goutierte – er wirkte zu farblos und besaß vor allem das Stigma des verhassten Ex-Milan-Coaches. Und gab es da nicht vor ein paar Jahren sogar diese Twitter-Häme von Allegris Freundin? „Es wird herrlich sein, euch den Titel zu durchkreuzen! Lächerliche Sch…Juve!“, textete sie. Das erbarmungslose Netz vergisst und vergibt nicht.

Anfangs nicht willkommen

Ohnehin betrat die Persona non grata holpriges Terrain, da er die beschwerliche Nachfolge von Antonio Conte antrat. Der Erfolgstrainer hatte drei Meisterschaften in Folge errungen und zu Beginn der Saisonvorbereitung wegen fehlender Investitionen in den Kader entnervt sein Amt niedergelegt. Als Sportchef Beppe Marotta samt der eiligen Notlösung Allegri durchs Tor des Trainingszentrums Vinovo fuhr, hagelte es seitens der aufgebrachten Tifosi Eier und derbe Flüche.

Der Unmut drohte zehn Tage später zu eskalieren. Juventus verlor das Freundschaftsspiel gegen den Fünftligisten Lucento mit 2:3 und #Lucento avancierte beim sozialen Netzwerk Twitter sogar zur Nummer eins Italiens. Eine Fotomontage zeigte den neuen Trainer Allegri beim Kauf des Weihnachtskuchens Panettone. Die ironische Bildunterschrift lautete: „Er hat ihn zur Sicherheit schon mal gekauft.“ Die Nachricht war eindeutig – noch vor Weihnachten wird sein Turiner Abenteuer zweifelsohne beendet sein.

Lobeshymnen von allen Seiten, Conte ist vergessen

Rund ein Jahr darauf genießt der Trainer sichtlich die Lobeshymnen aus Vorstand, Mannschaft und der Anhängerschaft. Nach dem ersten Juve-Double seit 20 Jahren winkt nun sogar ein vollkommen unverhofftes Triple. „Bedenkt man den anfänglichen Gegenwind, besitzt der Mann wirklich Eier“, sagte Präsident Andrea Agnelli anerkennend. Für Juventus bedeutete der Wechsel eine unbezahlbare Trendwende. Wo Antonio Conte seinen Profis pausenlos Blutspucken und Grasfressen abnötigte, regierte plötzlich Massimiliano Allegris unaufgeregte, kompetente Besonnenheit.

Ohnehin waren Vorstand und Spieler des krächzenden Polterns des Vorgängers merklich überdrüssig geworden. Conte knurrte wiederholt, man könne nicht mit zehn Euro in ein 100-Euro-Restaurant spazieren. „Man kann sich aber zumindest an den Tisch setzen“, erwiderte Allegri lächelnd. Wie sich inzwischen herausgestellt hat, kann man ganz offensichtlich auch köstlich speisen. Unter dem neuen Trainer trat Juventus ohne aggressive Verbissenheit, dafür mit befreiter Selbstsicherheit auf. „Durch Schreien erreicht ein Trainer rein gar nichts“, erklärte Allegri nach wenigen Monaten Turin die gravierende Veränderung und führte aus: „Italien begeht oft den Fehler, das Spektakel in der System-Zwangsjacke zu ersticken, dabei muss man den kreativen Spielern ihre Freiheiten lassen. Wenn du dem Fußball die Poesie nimmst, kannst du ihn gleich am Computer spielen.“ Profis wie der empfindliche Charakter Carlos Tevez profitierten deutlich von Allegris Philosophie.

Berlusconi wollte den Trainer zum Friseur schicken

Allegri muss es wissen, schließlich zog in seiner aktiven Zeit als Nummer zehn das Leben eines Bonvivants dem des hartnäckigen Arbeiters vor. Seine fragile Physis brachte Allegri den wenig ehrenhaften Spitznamen „Sardine“ ein, und dessen überschaubare Profikarriere umschrieb sein damaliger Trainer Giovanni Galeone so: „Max erreichte bloß den Bruchteil von dem, was sein Potenzial hätte hergeben können.“

Mit dem Verstand von heute wäre er wohl in die italienische Nationalmannschaft gekommen, sagt Allegri selbst. Nach dem Serie-A-Debüt mit Cagliari 2008 reüssierte der 47-Jährige dann zumindest auf der Trainerbank. Beim AC Milan gelang ihm 2011 auf Anhieb der Gewinn der Meisterschaft, mit Patron Silvio Berlusconi langte es allerdings zu keiner wahren Männerfreundschaft. „Er mag ein Maestro sein, doch ich bin der Professore“, erzählte Berlusconi bei der Anstellung und legte Allegri dafür einen sofortigen Friseurbesuch nahe. Außerdem stammt der Trainer aus der italienischen Kommunistenwiege Livorno, auch dies kein Pluspunkt beim stramm rechten Presidente.

Angeln zur Entspannung mit den Kumpels auf dem Meer

Als die Resultate ausblieben, wurde Allegri bei seiner ersten prestigeträchtigen Vereinsstation Anfang 2014 flugs entsorgt. Der Coach war in Mailand jedoch eher an mangelnder Kaderqualität denn an Kompetenzproblemen gescheitert. „Pazienza“, Geduld, lautet Allegris Lieblingsvokabel. So bedankte er sich artig für die „tollen Jahre“ und spannte in der Heimatstadt mit alten Kumpels beim Angeln auf dem Meer aus. „Pazienza“ fordert er auch am Sonnabend in Berlin: „Wir fahren nicht als Barcelonas Opferlamm nach Deutschland. Natürlich sind die Katalanen das beste Team der Welt, und Messi ist unmöglich auszuschalten. Doch wir haben mit dem Endspieleinzug bewiesen, dass wir ebenfalls ganz ordentlich kicken können. Die Champions League bleibt ein abschließender Traum dieser unglaublichen Saison, mal schauen, wie er ausgeht.“

Und welche Gegenmittel zur außerirdischen Barca-Attacke ihm in der Nacht einfallen. Fußball sei ein Gefühl, unterstreicht Allegri. Er sei kein Wahnsinniger, der 24 Stunden am Tag Videos studiert und über Schemata oder Lösungen grübelt: „Oft kommt mir nachts vor dem Spiel ein ausgezeichneter Gedanke, und ich werfe die geplante Aufstellung und Taktik über den Haufen.“ Selbst wenn träumerische Inspiration für den Sonnabend ausbleiben sollte, muss „Tuttosport“ die Trainerfrage nicht wieder stellen. Hört man sich in Juventus-Fankreisen um, dürfte das Votum derzeit bei 99 Prozent liegen.