Nicht viele internationale Fußballgrößen können von sich behaupten, im Berliner Olympiastadion gespielt zu haben. Jenseits von Länderspielen gehört die Charlottenburger Arena nicht zu den klassischen Etappenzielen des kontinentalen Fußballs: Zu selten mischt Hertha BSC im Europapokal mit. Eine einzige Saison absolvierte der Hauptstadtklub in der Champions League. Auch der FC Barcelona kam damals in die Stadt und mit ihm ein gewisser Luis Enrique. Der heutige Trainer der Katalanen schoss beim 1:1 sogar ein Tor.

Treffer im Nebel

Bloß gesehen hat es kaum einer: Es war das berühmte Nebelspiel, als in dichten Dunstschwaden sogar die Blickweite der Profis nicht das ganze Spielfeld umfasste. „Deshalb habe ich getroffen“, scherzte Luis Enrique, angesprochen auf den kuriosen Abend vor 16 Jahren, „selbst beim Jubeln konnten wir uns gegenseitig kaum erkennen.“ Von 1996 bis 2004 spielte er für Barca. Seinen Herzensklub, zu dem er einst ablösefrei vom Erzrivalen Real Madrid kam – ein einmaliger Vorgang. Schnell etablierte er sich als Tribünenliebling, zum Schluss führte er die Mannschaft als Kapitän auf den Platz. Es waren nicht die größten Jahre des FC Barcelona, mit wenig Titeln und keinem Europacupfinale. Aber nun, in seinem ersten Jahr als Trainer der ersten Barca-Elf, hat dem 45-Jährigen seine Vergangenheit enorm geholfen. Selbst als ihn Presse, Teile des Klubs und sogar einige Spieler zum Teufel wünschten, skandierte die Kurve im Camp Nou seinen Namen.

Bis Weihnachten hinterließ die Elf ja trotz eines wieder aufstrebenden Lionel Messi, eines immer besser integrierten Neymar und der Verpflichtung von Luis Suarez mehr Zweifel als Gewissheiten. Luis Enrique rotierte so wild, dass viele den Glauben an eine Strategie verloren. Die Spieler wirkten zerrissen zwischen ihrem traditionellem Kombinationsfußball und dem vom Trainer propagierten direkteren Stil, der vor Phasen des Abwartens und Konterns nicht zurückschreckte. Als Luis Enrique dennoch erklärte, er fühle sich auf der Barca-Bank „glücklich wie in Disneyland“, drohte er zu einer Art Comicfigur zu verkommen.

Disput mit Lionel Messi bringt die Wende ins Barca-Spiel

Zumal das erste Training im neuen Jahr beinahe sein Ende besiegelt hätte – er geriet mit Lionel Messi aneinander. Zwei störrische Charaktere, ein Trainingsspielchen, eine Aktion, die Messi als Foul ansah, Luis Enrique aber durchwinkte – mehr brauchte es nicht. Was folgte, beschrieb Verteidiger Jeremy Mathieu so: „Leo brannten ein bisschen die Sicherungen durch.“ Als Luis Enrique den Superstar beim folgenden Ligaspiel in San Sebastian anfangs auf der Bank ließ und dieses prompt verloren ging, als Messi tags darauf per Retourkutsche das Training schwänzte, sorgte das für derartigen Alarm, dass Sportdirektor Andoni Zubizarreta, Fürsprecher des Trainers, seinen Job verlor, Neuwahlen zur Klubspitze am Saisonende ausgerufen wurden und das Präsidium sich mit dem Gedanken beschäftigte, Ex-Trainer Frank Rijkaard zurückzuholen.

Als verbrieft gilt, dass Kapitän Xavi und seine Prätorianer Andres Iniesta und Sergio Busquets zwischen beiden Seiten vermittelten. Unumstritten ist, dass Barca seit jener Woche wie entfesselt aufspielt. Plötzlich fügten sich alle Puzzleteile zusammen. Plötzlich wurden stilistische Unsicherheiten zu gekonnten Variationen. Luis Enrique beendete die Rotationen und bot in wichtigen Spielen eine feste Stammelf auf – mit dem Kroaten Ivan Rakitic fest etabliert anstelle des jahrelangen Spielmachers Xavi, mit Suarez in Messis alter Rolle in der Sturmmitte und dafür einem omnipräsenten Messi, ausgehend vom rechten Flügel seiner Anfangsjahre. Selbst die Rotationen haben längst ihren Sinn erhalten: Keine Mannschaft Europas erwies sich in der entscheidenden Saisonphase als so fit und verletzungsresistent wie der FC Barcelona des Hobby-Triathleten Luis Enrique.

Inzwischen wird sogar sein ruppiges Auftreten geschätzt

Im Nachhinein kann man hinter allem fast einen Masterplan vermuten, auch hinter den Verwerfungen vom Jahresbeginn: Zumindest wurde die ganze Mannschaft damit unter Spannung versetzt. An Talent hat es nie gefehlt, weniger denn je jetzt mit dem magischen Angriffstrio Messi, Neymar, Suarez. Ebenso wahr ist aber, dass Luis Enrique kriselnde Stammspieler wie Gerard Pique oder Dani Alves wieder zu ihrer besten Version geführt hat, dass Rakitic im Mittelfeld gekonnt die Partituren der Elf moderiert. Inzwischen wird sogar das ruppige Auftreten des Trainers in Pressekonferenzen geschätzt. „Es hat dafür gesorgt, dass Barca den Neutralen nicht mehr mit seiner vermeintlichen Perfektion auf die Nerven geht“, urteilte „El País“.

„Ich bin der gleiche wie zu Saisonbeginn“, sagt Enrique. Der Unterschied ist bloß: Nach dem Gewinn von Meistertitel und Pokal wollen alle, dass er weitermacht. „Keinen Zweifel“ habe er, dass der Trainer seinen Vertrag bis 2016 erfüllen werde, betont Präsident Josep Bartomeu. Doch Enrique hat viel eingesteckt, und jetzt ist erst mal der Moment zu erinnern, dass einer wie er sich mit „niemandem verheiratet“, also immer Distanz hält zu Spielern, Funktionären, Journalisten. Fragen nach seiner Zukunft bügelt er ab. Hat er sich schon entschieden, hängt die Entscheidung vom Ausgang des Finals ab? „Nein und nein“, entgegnet Luis Enrique vor seiner Rückkehr ins Olympiastadion.