Berliner Fußball

TeBe-Stürmer Michael Fuß ist Berlins Gerd Müller

37 Jahre, Raucher und Berlins bester Torjäger: Michael Fuß ist ein personifiziertes Fußball-Phänomen. In seiner vielleicht letzten Saison hat der Stürmer von Tennis Borussia noch immer große Ziele.

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Eigentlich ist es ganz einfach. „Wenn der Ball in den Strafraum kommt“, sagt Michael Fuß, „dann musst du da sein.“ Kein Spieler im Berliner Amateurfußball beherrscht diese Kunst besser als der Stürmer von Tennis Borussia. Mit 18 Saisontoren in 18 Spielen steht Fuß in der höchsten Spielklasse der Stadt an der Spitze der Torjägerliste. Dass er im Mai seinen 38. Geburtstag feiert? Geschenkt.

Fuß ist ein Phänomen, ein Spielertyp, der längst als ausgestorben gilt. Nationalstürmer Mario Gomez, über den TV-Experte Mehmet Scholl einst unkte, er müsse gegen drohenden Dekubitus ankämpfen, wirkt im Vergleich zu Fuß wie ein aufgekratzter Duracellhase. Der Diskussion um metergenaue Tracking-Statistiken und „falsche Neuner“ kann Fuß wenig abgewinnen. Das einzige, was für ihn von Belang ist, ist die Zahl seiner Tore.

Die könnte beeindruckender kaum sein. Zählt man die Treffer aus der Jugend hinzu, so schätzt er, hat er den Ball über tausend Mal ins gegnerische Netz bugsiert. In der Saison 1999/2000, Fuß trug das Trikot des damaligen Verbandsligisten Türkiyemspor, gelangen ihm in 34 Spielen 66 (!) Tore. Ein unerreichter Rekord.

Fünfzehn Jahre später ist er in der Berlin-Liga noch immer das Maß aller Dinge. Der 1,74-Meter-Mann ist mit dem gesegnet, was man nicht trainieren kann. Instinkt. Und: Er verfügt über eine Handlungsschnelligkeit, die der seines Lieblingsspielers gleicht. Gerd Müller – wer sonst?

Das Ziel: Noch einmal in die Oberliga

Seit 2013 spielt Fuß wieder für Tennis Borussia, den Verein, bei dem er sich schon in der Saison 2000/01 und von 2004 bis 2009 zur Klub-Ikone schoss. „Zusammen mit den Jahren bei Türkiyem war das meine schönste Zeit“, sagt er. TeBe ist sein Herzensverein. Er schätzt das Umfeld, genießt als Stürmer sämtliche Freiheiten und ist der Liebling der Fans. Die feiern ihren Helden bei jedem Spiel mit seinem eigenen Schlachtruf. „Das ist überwältigend“, sagt Fuß, „so etwas kann man nicht zurückzahlen.“

Zu gern würde er der lila-weißen Anhängerschaft noch einmal einen Aufstieg schenken. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. TeBe ist Tabellenführer, am Sonntag (11 Uhr, Sömmeringstraße) wollen die „Veilchen“ beim CFC Hertha 06 den nächsten Schritt in Richtung Oberliga machen.

Dass es in dieser Saison so gut läuft, macht Fuß auch an Trainer Daniel Volbert fest, der das Team Ende der vergangenen Saison übernahm. Der 42-Jährige habe eine „klare Handschrift“, sagt Fuß über seinen Chef. Der wiederum staunte nicht schlecht, als er erstmals mit der lebenden Legende zusammenarbeitete. Auf den ersten zehn Metern, sagt Volbert, sei der Routinier immer noch der Schnellste.

Seit ein paar Jahren tritt Fuß den einsetzenden Alterserscheinungen mit gezieltem Fitnesstraining entgegen. Ihn deshalb als gewissenhafte Vorbildfigur zu bezeichnen, wäre allerdings vermessen. Auf eine gelegentliche Zigarette mag er nicht verzichten. Nach dem Gespräch mit der Morgenpost zündet er sich erst mal eine Kippe an.

Magath wollte ihn zum HSV holen

Früher war Fuß ein Heißsporn, heute wirkt er gelassen. Wenig verwunderlich, mit 37 befindet er sich längst auf der Ehrenrunde seiner aktiven Laufbahn. Lange Zeit aber schlummerte der Wunsch nach Höherem in ihm. Legendenstatus hin, Kultfigur her – der Sprung zu den Profis ist für Fuß ein unerfüllter Traum geblieben.

Chancen gab es. 1997 wollte Felix Magath ihn zum Hamburger SV holen. Nach einer Woche Probetraining war man sich einig, doch Magath wurde entlassen, und Nachfolger Frank Pagelsdorf sah keinen Bedarf. 2005 klopfte Energie Cottbus an, wollte aber nicht die von TeBe aufgerufene Ablösesumme berappen. Fuß bot an, einen Teil selbst zu zahlen – vergeblich. Sein Fazit: „Es sollte wohl einfach nicht sein.“

„Die Voraussetzungen waren da“, sagt Thomas Herbst, 52, der Fuß bei Hertha Zehlendorf und Türkiyemspor trainierte. „Das Problem war, dass er sich nicht genug gequält hat. Durch sein Talent hat er weniger getan. Um wirklich oben anzugreifen, muss man körperlich aber permanent arbeiten.“ Wenn er heute noch mal von vorne anfangen könnte? „Dann würde ich mir mehr den Arsch aufreißen“, sagt Fuß.

Ein Lokalheld zum Anfassen

Die Zeit zurückdrehen oder mit seinen deutlich jüngeren Teamkollegen tauschen, möchte er dann aber doch nicht. Einst spielte er vor 3000 Zuschauern, inzwischen können Berlin-Ligisten froh sein, wenn es ein paar Hundert sind. Nicht das einzige, was sich verändert hat.

„Früher hatten wir einen Kasten Bier in der Kabine, da sind alle geblieben“, erzählt Fuß. „Heute wartet die Freundin oder das Handy.“ Er selbst setzt sich nach den Heimspielen ins Kasino des Mommsenstadions, so wie er es immer getan hat. Mit Nullachtfuffzehn-Kurzhaarfrisur, Drei-Tage-Bart und Bierchen, und ganz ohne Star-Allüren. Fußballromantik.

Die Frage ist, wie lange das „Phänomen Fuß“ noch zu bewundern sein wird. Im März will er seinen Trainerschein machen. Stand-by-Spieler, Co-Trainer, doch noch ein Jahr dranhängen? Noch hat sich Fuß nicht entschieden. Den Kopf zerbricht er sich deshalb nicht. Eines weiß er sicher: „Ein Leben ohne Fußball kommt für mich nicht in Frage.“ Ganz einfach.

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