Eines will Yaw Donkor gleich klarstellen: „Wir sind kein Flüchtlingsklub“, betont er. Donkor kickte früher für Hertha BSC und Tennis Borussia, heute hat er das Sagen beim Weddinger Verein 1. FC Afrisko. Zwar würde man es begrüßen, wenn auch afrikanische Flüchtlinge eine Spielerlaubnis bekämen, „aber diesen Kampf werden wir nicht ausfechten“, sagt der 34-Jährige. „Aus politischen Fragen halten wir uns heraus, sonst verlieren wir uns. Und wir haben doch noch so viel vor.“
Der 1. FC Afrisko ist der erste afrikanische Fußballverein in Deutschland, und er soll für die Afrikaner in Berlin einmal das werden, was Türkiyemspor einst für die türkische Gemeinde war: Ein Stück Heimat in der Fremde. Ein Aushängeschild. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg. Aktuell kickt Afrisko in der Kreisliga B, der zweitniedrigsten Spielklasse im Berliner Fußball.
An diesem Dezembersonntag heißt der Gegner Treptower SV. Ein Kunstrasenplatz am Gesundbrunnen, offizielle Zuschauerzahl: 17. Afrisko in den grün-weißen Trikots ist offensiv überlegen, offenbart in der Abwehr jedoch Schwächen. „Wir spielen afrikanisch, wir wollen den Leuten außerhalb des Platzes eine gute Unterhaltung bieten“, sagt Yaw Donkor, der als Spielertrainer fungiert. Das Motto lautet: Lieber 8:7 als 1:0.
Zur Feier des Tages gibt es Fufu
Gegen Treptow steht es zur Halbzeit 3:1. In Hälfte zwei macht Afrisko schnell zwei weitere Treffer, das Spiel ist gelaufen. An der Seitenlinie stimmen die Ersatzspieler afrikanische Fangesänge an. Doch der Torhunger ist noch nicht gestillt, zwei weitere Male muss der gegnerische Torhüter hinter sich greifen.
„Schiri, erlöse uns!“, fleht einer der Treptower. Kurz darauf ist Schluss. Es ist Afriskos höchster Saisonsieg. Zur Feier des Tages gibt es anschließend Fufu, einen festen Brei aus Maniok oder Yams und Kochbananen, der in ganz Westafrika weit verbreitet ist.
Auch Yaw Donkor hat noch ein weiteres Mal getroffen. Der Ghanaer trug früher das Trikot von Herthas U 19, er träumte früher von einer Karriere in der Bundesliga. Doch mit 19 Jahren riss er sich das Kreuzband, das Knie war kaputt. Er sei danach nicht richtig beraten worden, erzählt er, die Therapie habe nicht die erhoffte Heilung gebracht. „Meine Geschwindigkeit und Geschmeidigkeit waren danach nie mehr so wie vor der Verletzung“, sagt Donkor.
Ursprünge in den Neunzigern
Noch heute leidet er an den Spätfolgen. Von Hertha wechselte er zu Tennis Borussia in die Oberliga, später zur zweiten Mannschaft des VfL Wolfsburg, zum VfL Osnabrück und nach Meppen. Nach einem halben Jahr in Rumänien und einer Saison beim SV Babelsberg 03 legte er den Traum vom höherklassigen Fußball 2007 zu den Akten. Ein Jahr später wurde er Mitbegründer des 1. FC Afrisko.
Die Geschichte des Vereins beginnt jedoch schon viel früher. In den Neunzigerjahren trafen sich die Eltern der heutigen Spieler zum gemeinsamen Fußballspielen auf der Wiese vor dem Reichstag. Auch die Kinder freundeten sich an. Damals spielten sie noch für diverse Berliner Vereine, weil es noch keinen afrikanischen Klub gab.
In dieser Hinsicht hatte die afrikanische Gemeinde Nachholbedarf gegenüber den Türken, Arabern und Jugoslawen in Berlin. Zum einen, weil viele Afrikaner erst spät nach Deutschland gekommen waren. Zum anderen, weil sie aus ganz verschiedenen Ländern stammen – Afrika ist schließlich ein Kontinent. „Der Wunsch nach einem eigenen Verein war aber immer da“, erzählt Sharif Hamed, ein Ägypter. Yaw Donkor bekam die Aufgabe, sich darum zu kümmern.
Ex-Profis leisten Unterstützung
Mit den ehemaligen Bundesliga-Profis Hans Sarpei, Charles Takyi, Chinedu Ede und Pablo Thiam hat Afrisko prominente Unterstützer, die Trikots, Trainingsanzüge und Bälle gestiftet haben. Yaw Donkor holt sich regelmäßig Rat bei ihnen. Doch es gab bei der Gründung auch Skeptiker. „Viele haben geglaubt, dass wir es nicht schaffen“, sagt Donkor. Der Verein habe anfangs viel Lehrgeld gezahlt, es gab Strafen wegen Zuspätkommens und fehlender Spielberichte.
Auch an diesem Adventssonntag hat der Vertreter des Berliner Fußball-Verbands wieder etwas zu bemängeln. Die Ü 32 von Afrisko ist auch nach einer Viertelstunde noch nicht vollzählig. „Wenn das noch mal vorkommt, wird das Konsequenzen haben“, droht der Offizielle. „Wir müssen unsere Hausaufgaben machen“, sagt Yaw Donkor ehrlich. Eine stabile Vereinsstruktur, Pünktlichkeit, gut ausgebildete Trainer – all das soll auch beim 1. FC Afrisko bald selbstverständlich sein. Yaw Donkor nennt es „die deutschen Elemente.“
Gesprochen wird deutsch
Als solches könnte man auch Jakob Lingenthal bezeichnen. Der 26-Jährige ist einer der wenigen Weißen in der Mannschaft. Vor einem Jahr traf er bei einem Freizeitturnier auf die Mannschaft von Afrisko und wurde danach von Yaw Donkor überredet, sich dem Team anzuschließen. Für Lingenthal ist es das erste Mal, dass er regelmäßig trainiert.
Bei einem anderen Verein als Afrisko hätte er sich nicht vorstellen können, Fußball ernsthaft zu betreiben, erzählt er. „Mir gefällt diese lockere Atmosphäre.“ Afrisko sei sportlich und kulturell eine Bereicherung, sagt der Stürmer. „Ich habe dort schon so vieles über Afrika erfahren, dass ich jetzt selbst einmal hinfahren möchte.“
Mit der Kommunikation gibt es keine Probleme. In der Kabine und auf dem Platz wird grundsätzlich deutsch gesprochen. Anders ginge es auch gar nicht bei der Vielfalt an Nationalitäten: Die Spieler von Afrisko stammen aus zwölf Nationen. „Jeder von uns hat seine eigene Geschichte“, sagt Sharif Hamed. Einige sind in Deutschland geboren, andere kamen erst später ins Land, manch einer auf verschlungenen Wegen. Der Torwart war früher Akrobat bei der Zirkus-Show „Afrika! Afrika!“.
Keine Probleme mit Rassismus
Beim Nachwuchs spielen neben Jugendlichen mit afrikanischen Wurzeln mittlerweile auch viele Türken und Araber. Die Mannschaften sind ein Abbild des Weddings. „Da sieht man das Gesicht von Berlin“, sagt Yaw Donkor.
Probleme mit Rassismus gebe es im Übrigen nicht. Dumme Sprüche kämen nur äußerst selten vor, „und wenn, dann können wir das als Mannschaft gemeinsam besser wegstecken, als wenn man der einzige Schwarze in einer ansonsten weißen Mannschaft ist“, erklärt Donkor.
Er hofft, dass bald noch mehr afrikanische Vereine entstehen, auch in anderen Sportarten. Das Potenzial sei riesig, so Donkor, es gebe allein 25.000 registrierte Ghanaer in Berlin. „Es existieren so viele afrikanische Einrichtungen in der Stadt“, sagt der Ex-Profi. Die wolle man nun miteinander vernetzen. Fußball soll dabei der Klebstoff sein.





