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Lars Bender - „Fußball wird von Chaoten missbraucht“

Der Mittelfeldspieler sprach mit Morgenpost Online über Pezzoni, sein Vorbild Khedira und den jüngsten Rekordtransfer von Bayern München.

Foto: augenklick/firo Sportphoto

Bei der Europameisterschafts-Endrunde in Polen und der Ukraine war Lars Bender einer der Senkrechtstarter in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Mit seiner Spielintelligenz und Übersicht auf dem Platz hat der defensive Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen sogar Interesse beim FC Bayern geweckt. Doch das Angebot der Münchner durfte er wegen seines bis Sommer 2017 laufenden Vertrags nicht annehmen. Vor dem Start in die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien am Freitag gegen die Färöer (20.45 Uhr, ZDF) macht der 23-Jährige dennoch einen zufriedenen Eindruck, obwohl ihn der Fall Kevin Pezzoni auch nachdenklich gestimmt hat.

Morgenpost Online: Im deutschen Fußball wird seit Tagen über den Fall Kevin Pezzoni diskutiert. Der Spieler hat seinen Vertrag beim 1. FC Köln aus Angst vor Repressalien durch gewaltbereite Anhänger des eigenes Vereins aufgelöst.

Lars Bender: Ich finde es erschreckend, welche Ausmaße das angenommen hat. Es ist völlig normal, dass Fans im Stadion emotional sind und Reaktionen zeigen. Aber wenn ein Spieler außerhalb des Stadions angegangen wird, überschreitet das alle Grenzen. Ich denke, wenn sich ein Spieler im Privatleben nicht mehr sicher fühlen kann, ist das mehr als bedenklich. Und es ist nur nachvollziehbar, dass Kevin Pezzoni dann diese Schlüsse daraus gezogen hat. Jetzt ist es aber auch wichtig, dass man dagegen steuert und die richtigen Maßnahmen ergreift. Denn dieser Einzelfall darf nicht zur Normalität im deutschen Fußball werden.

Morgenpost Online: Haben Sie nun eigentlich selber Angst? Immerhin spielen Sie für Leverkusen, wohnen aber in Köln, der Stadt des Erzrivalen ihres Vereins Bayer 04.

Lars Bender: Angst habe ich nicht. Aber ich weiß um die Brisanz. Als Miroslav Kadlec damals angegriffen wurde (der Leverkusener Spieler wurde nach einem Discobesuch von Kölner Fans attackiert, die Redaktion) war ich mit einigen andern Spielern von uns mit vor Ort. Da macht man sich natürlich Gedanken. Es ist schade, dass der Fußball hier und da von einigen Chaoten missbraucht wird. Wie gesagt, Emotionen gehören ins Stadion. Doch wenn es handgreiflich und bedrohlich wird, geht das viel zu weit.

Morgenpost Online: Denken Sie manchmal darüber nach, wie schmal der Grat für Sie als Profi ist? Frei nach dem Motto: Heute noch gefeiert, morgen schon wieder verdammt.

Lars Bender: Es gibt mir hin und wieder schon zu denken, wie schnelllebig dieses Geschäft doch ist und wie wenig oftmals bei aller Kritik darüber nachgedacht wird, dass es am Ende um Menschen geht. Ich denke, die Medien haben auch einen Teil dazu beigetragen, dass es so ist, wie es ist. Sie bilden Meinungen und beeinflussen damit vielleicht auch Fans, die manchmal gar nicht im Stadion waren und sich selbst ein Urteil bilden konnten. Ich denke, wir sollten alle etwas mehr Rücksicht aufeinander nehmen.

Morgenpost Online: Sie haben im Sommer für Schlagzeilen gesorgt. Zum einen durch gute Auftritte bei der EM und dann gab es da noch ein Angebot des FC Bayern, das Sie aber nicht annehmen durften.

Lars Bender: Beides bestätigt doch nur, dass ich in der vergangenen Saison nicht alles falsch gemacht habe. Es ist eine Ehre für jeden Spieler, wenn der größte deutsche Klub sein Interesse bekundet. Aber ich habe einen Vertrag in Leverkusen – und das zählt.

Morgenpost Online: Die Bayern haben gerade für 40 Millionen Euro Ablöse Javi Martinez aus Bilbao geholt. Was macht defensive Mittelfeldspieler heutzutage so wertvoll?

Lars Bender: Unser Spielertyp ist unheimlich wichtig, weil wir das Bindeglied zwischen Offensive und Defensive sind. Wir müssen eine Mannschaft führen und organisieren sowie das Spiel auch mal beruhigen können. Wir müssen einerseits Abräumer vor der Abwehr sein, andererseits den ersten Part beim Angriff übernehmen. Das verlangt eine hohe Laufbereitschaft und viel Präsenz auf dem Platz. Dieser Spielertyp war immer schon wichtig. Ist es aber heute umso mehr, da das Spiel besser und schneller geworden ist.

Morgenpost Online: Gibt es Kollegen, die Ihnen auf dieser Position imponieren?

Lars Bender: Xabi Alonso, Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira sind Weltklasse. Von ihnen kann ich mir einiges abgucken.

Morgenpost Online: Wie sehen Sie denn bei der Konkurrenz von Schweinsteiger und Khedira überhaupt Ihre Chancen in der deutschen Nationalelf?

Lars Bender: Natürlich will auch ich am liebsten immer spielen. Aber es ist nun mal so, dass wir in der deutschen Nationalmannschaft viele gute Fußballer haben. Ich denke, ich habe mir durch die Europameisterschaft ein gutes Standing erarbeitet. Nun beginnt alles wieder bei Null. Ich werde mich weiter anbieten. Und wenn mir das über einen langen Zeitraum perfekt gelingt, werde ich sicher meine Chance bekommen. Man muss ja dazu sagen, dass ich auch noch nicht solange dabei bin und keine Ansprüche stellen möchte. Ich will mich beim Bundestrainer bestmöglich präsentieren und so viel wie es geht mitnehmen. Wenn es dann am Ende für Einsätze reicht, bin ich froh.

Morgenpost Online: Die EM war Ihr erstes Turnier und nach dem Halbfinal-Aus haben Sie miterlebt, wie heftig die Kritik ausfallen kann. Was fehlt der Mannschaft aus Ihrer Sicht denn noch?

Lars Bender: Ich denke, die Kritik ist so extrem ausgefallen, weil alle fest damit gerechnet haben, dass wir ins Finale kommen und dort dann sogar den Titel holen. Wir haben gegen Italien verdient verloren. Das war für viele enttäuschend, weil die Qualifikation so beeindruckend war. Aber das ist vorbei. Jetzt zählt die Qualifikation für die WM 2014. Ich denke, es ist wichtig, dass wir als Mannschaft noch mehr verinnerlichen, im wirklich entscheidenden Moment da zu sein. Denn das ist es immer, was wieder angesprochen wird, wenn es nicht läuft.