Hetzkampagne

Fall Pezzoni erschüttert Bundesliga und Nationalelf

Der 23-Jährige ist nach Drohungen mit seiner Freundin ins Ausland geflüchtet. Die Chaoten haben sich bereits das nächste Opfer ausgesucht.

Foto: dpa-Zentralbild

Friedlicher als in der Natur Niedersachsens geht es kaum. In einem Waldgebiet bei Barsinghausen liegt die Anlage, auf der die Fußball-Nationalmannschaft für das WM-Qualifikationsspiel gegen die Färöer am Freitag in Hannover trainiert. Vögel zwitschern, Blätter rascheln. Und doch ist Gewalt und Bedrohung das Thema bei Spielern und Verantwortlichen der Auswahl.

Sie schockiert und bewegt der Fall Kevin Pezzoni. Der Abwehrspieler hat seinen Vertrag beim Bundesligaabsteiger 1. FC Köln wegen einer Hetzkampagne der Fans aufgelöst. „Diese Entwicklung beunruhigt uns sehr. Solche kriminellen Dinge wollen wir im Fußball nicht sehen“, sagt Oliver Bierhoff, Manager der Nationalmannschaft. Und Bundestrainer Joachim Löw betont: „Es ist inakzeptabel, dass so etwas passieren kann. Da müssen wir uns ernsthaft Gedanken machen, wie wir so etwas in Zukunft vermeiden.“

Deutschland diskutiert über die Bedrohung durch Rowdys und die Macht der Chaoten. Viele stellen sich die Frage: Was muss noch passieren, damit die Verbände und Vereine härter durchgreifen? „Wenn wir so weit getrieben werden, solche Notfallmaßnahmen zu ergreifen, ist das sicher nicht Sinn der Sache“, sagt Nationalspieler Andre Schürrle. Der Leverkusener kennt Pezzoni als netten Kollegen – der die Hasstiraden nicht mehr ertrug.

Im Februar hatten sie ihm die Nase gebrochen, der 23-Jährige musste operiert werden. In der vergangenen Woche schrieben sie ihm wegen schlechter Leistungen auf dem Spielfeld Drohungen ans Auto und lauerten dem Profi und seiner Freundin vor der Wohnungstür auf. „Das hat sich schrittweise aufgebaut“, sagt Sebastian Freis, ein ehemaliger Mitspieler Pezzonis und inzwischen beim SC Freiburg. „Aus seiner Sicht ist das natürlich nachzuvollziehen, dass er dort nicht mehr spielen will. Andererseits haben die Chaoten damit ihr Ziel erreicht. Und das ist sicher das falsche Signal.“

Angst vor Nachahmern

Die Angst vor Nachahmern hält Einzug in die Liga. Das werde Schule machen, sagt Harald Lange vom Institut für Fankultur an der Universität Würzburg. Einige Zuschauer meinen, mit der Eintrittskarte ein Recht auf gute Leistungen zu kaufen. Einige sehen in Abwehrfehlern oder in dem Vergeben von Torchancen ein Indiz für Mangel an Identifikation mit dem Verein. Und das wiederum als persönlichen Angriff.

Sozialarbeiter erklären, dass die Täter ihre Tat nicht als Vergehen erkennen. Im Gegenteil: Sie meinen, ihrem Verein etwas Gutes zu tun. Hannover-Fans beschimpften Emanuel Pogatetz beim 4:0 in Wolfsburg als Sohn einer Hure, weil er beim VfL unterschrieben hatte. „Arschlöcher“, seien diese Leute, sagte Martin Kind, Hannovers Präsident.

Die Spielergewerkschaft VDV ist in Sorge. „Die Hemmschwelle wird immer niedriger, die Hysterie größer. Es kann nicht sein, dass Gewalttäter quasi die Aufgebote der Vereine bestimmen“, sagt Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Wenn das so weitergehe, „haben wir bald Verhältnisse wie in Mexiko, wo Spieler schon zu Tode gejagt wurden“.

Auf dem Internetportal Facebook hatten Chaoten gefordert, Pezzoni die Beine zu brechen. Mehrere Männer schrieben die Drohungen sogar mit ihren echten Namen, einige sind auf ihren Profilfotos mit ihren Kindern zu sehen. Familienväter, die den Fußball offenbar als Ventil benutzen, Aggressionen loszuwerden. In dieser Woche gab es Drohungen gegen den nächsten Kölner Spieler, Stürmer Adil Chihi. „Wir haben ihn erledigt... Jetzt muss der nächste dran glauben. Wie wäre es mit Chihi in die Wüste?“, schrieb einer in der Facebook-Gruppe „Pezzoni in die Wüste“. Sie hat rund 200 Mitglieder. Der Zweitligaverein stellte Strafanzeige.

Die Verantwortlichen der Nationalmannschaft betonen in diesen Tagen immer wieder ein Wort: Respekt. Ausgerechnet in Hannover. Vor knapp drei Jahren hatte Theo Zwanziger hier an alle Fans appelliert. In seiner Trauerrede nach dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke sagte er im Stadion von Enkes Klub 96: „Werte wie Respekt sind gefragt. Ihr könnt unglaublich viel dazu tun, wenn ihr bereit seid, aufzustehen gegen Böses. Wenn ihr bereit seid, euch zu zeigen, wenn Unrecht geschieht. Ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Bekenntnis zur Würde des Menschen.“ Vieles sollte besser werden im deutschen Fußball. Vieles ist schlimmer geworden.

Kein Einzelfall

Pezzoni ist kein Einzelfall. Vor einem halben Jahr löste der Mittelfeldspieler Daniel Bauer seinen Vertrag beim Regionalligaklub 1. FC Magdeburg auf, nachdem vermummte Anhänger ihn vor seiner Wohnung bedroht hatten. „Einfach erschreckend, dass das jetzt auch die Bundesliga erreicht“, so Bauer, der nun in der vierten Liga für den VfB Oldenburg spielt. Anhänger von Dynamo Dresden gruben ihren Spielern sogar mal Gräber. „Bei Pezzoni waren es keine Fans, sondern Chaoten“, so Kölns Präsident Werner Spinner.

Werden die Aussagen von Vereinsvertretern der vergangenen Monate als Maßstab genommen, muss es in Deutschland inzwischen ziemlich viele Idioten geben. Immer wieder heißt es, die Täter seien „eine Minderheit“. Ergibt ein Dialog mit diesen Menschen noch Sinn? „Der Dialog ergibt immer Sinn, aber wir reden hier ja nicht über Fans, die sich über ihren schlechten Platz im Stadion beschweren“, so Bierhoff.

Eine Lösung hat keiner parat. Der 1. FC Köln will neue Kameras im Stadion installieren lassen, um besser gegen Störer vorzugehen, die Täter aus dem Fall Pezzoni sollen Stadionverbot erhalten. Kevin Pezzoni wird es nichts mehr nützen. Er ist ohne neuen Verein und offenbar mit seiner Freundin ins Ausland geflüchtet, im Urlaub wollen sie die Hetzjagd verarbeiten.