Hauptstadt-Duell

Hertha gegen Union - beim Lokalderby fehlt das Knistern

Die Tradition scheint noch nicht gewachsen: Zum dritten Mal treten die Berliner Zweitligisten Hertha und Union gegeneinander an.

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Wenige Tage noch bis zum Derby. In München würde es sicher enorm knistern, in Dortmund und Schalke würde es verächtliche Sprüche hageln, in Hamburg würde der Kiez beben, in Berlin – da merken es die meisten gar nicht richtig, dass die beiden besten Fußball-Mannschaften der deutschen Hauptstadt bald gegeneinander spielen. Kein Knistern, keine richtige Spannung, kaum, dass mal irgendwo an markanten Plätzen der Stadt auf dieses Zweitligaduell zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC hingewiesen wird.

Andere Derbys seit 100 Jahren

So ein Derby kann Menschen bewegen, kann einheizen, eine besondere Atmosphäre kreieren. Zumindest überall außerhalb Berlins. Angesichts der relativen Ruhe in der Stadt und des doch großen Potenzials von solchen Duellen fragt sich, ob die Klubs vielleicht zu wenig tun, um mehr Aufmerksamkeit zu erwecken. Herbert Schmitz, Creative Director der Werbeagentur Schröder+Schömbs, findet das nicht. „So ein Spiel zu bewerben, wäre ärgerlich“, sagt er. Dass das Stadion an der Alten Försterei ohnehin seit langem ausverkauft ist, ist dabei nur ein Grund. Denn mögliche Effekte für die Zukunft wie die dauerhafte Etablierung einer besonderen Derby-Konstellation sind kaum zu erwarten. „Mit einer Kampagne lässt sich im Fußball nicht viel steuern“, sagt Schmitz.

Erst recht nicht, was den Aufbau einer klassischen Konkurrenzsituation innerhalb einer Stadt angeht. Noch viel weniger in Berlin. „Ich erkenne hier nicht die notwenige Rivalität“, so Schmitz. Anderswo werden Derbys seit 100 Jahren gespielt, da ist der Hintergrund ein ganz anderer, da erzählen die Großväter ihren Enkeln noch davon, wie sie damals in Dortmund die Schalker erniedrigt haben. Dort erreichen die Emotionen völlig andere Ausschläge, es geht um gelebte Geschichte. In Berlin fehlt das, „hier ist nichts historisch gewachsen“. Erst zum dritten Mal überhaupt treten beide Klubs offiziell gegeneinander an. Es gibt einfach kaum Berührungspunkte aufgrund der durch die Mauer unterschiedlichen Entwicklungen in Ost und West. Und in den über zwanzig Nachwendejahren war Hertha immer der Klub von oben, Union der von unten.

Jeder Klub spielt seine eigene Rolle

Im Vorfeld nun etwa mit Kampagnen zu kommen, die den Gegner thematisieren, würde da nicht fruchten. „Das Potenzial, dass man über Marketing da etwas erreichen kann, ist klein“, sagt Schmitz. Jeder Klub stehe für sich selbst, er lässt sich nicht am anderen messen. Beide konkurrieren per eigener Zielvorgabe nicht mal um die gleiche Sache, im Bewusstsein des einen spielt der andere eher eine untergeordnete Rolle. Was eigentlich zu Berlin passt, da sich in der Großstadt alles irgendwie aufteilt, alles seine Nische hat.

Nun ist Fußball genau das Gegenteil von Nischensport. Und Werbeoffensiven gibt es auch hier, Union ist ein gutes Beispiel mit der Stadionaktie, die vor einem Jahr in großen Plakataktionen an-gepriesen worden ist. „Das war eine gute Kampagne“, sagt Schmitz. Aber sie hatte eben eine ganz andere Zielsetzung. Immerhin befördert Union ja mit der Fan-Artikel-Aktion zum Spiel unter dem Motto „Kulturkampf“ so etwas wie eine Derby-Stimmung, doch nicht alle Fans finden das gut.

Manager rieten von Kampagne ab

Mit dauerhaft steigenden Sympathiewerten ist durch die Derbys auch nicht zu rechnen, mit der Resonanz in der Stadt gestaltet es sich bei Hertha seit langem schwierig. „Die sportliche Entwicklung entscheidet in erster Linie über das Sympathieniveau der Klubs“, sagt Schmitz. Bezogen auf den Saisonstart sah es da weder für Hertha noch für Union gut aus, insofern sei es ohnehin besser, sagt Herbert Schmitz, dass keine Nebenkriegsschauplätze eröffnet wurden.

Der Werbe-Manager hätte keinem der beiden Klubs empfohlen, zu diesem Zeitpunkt eine Derby-Kampagne zu starten. Wie das Stadion werden auch die Kneipen in den entsprechenden Gegenden von Berlin sowieso voll sein, wenn am Montagabend das Spiel läuft, glaubt Schmitz.