CSU-Politiker

Innenminister Friedrich fordert mehr Stadionverbote

Innenminister Hans-Peter Friedrich spricht im Interview auf Morgenpost Online über die ausufernde Gewalt im Fußball, bevor Montag der Runde Tisch zu diesem Thema tagt.

Foto: dpa / dpa/DPA

Ausschreitungen im Pokal, Eskalationen in der Liga, seit einigen Wochen spitzt sich die Gewalt im deutschen Fußball zu. Montag bestellt Innenminister Hans-Peter Friedrich, 54, Vertreter aus Liga und Verband nach Berlin. Ein runder Tisch aus DFB, DFL und Bundesregierung soll Lösungen finden, der Lage wieder Herr zu werden.

Morgenpost Online: Herr Minister, sind Sie Fußball-Fan?

Hans-Peter Friedrich: Aber selbstverständlich. Ein Sieg des FC Bayern verschönt mein Wochenende. Allerdings: Zweimal in der Saison gibt es eine Ausnahme, da schlägt mein Herz für die Nürnberger. Als Nürnberg-Fan braucht man gute Nerven… Das können die Fans von Köln oder Frankfurt sicher ganz gut nachvollziehen.

Morgenpost Online: Sie haben selbst drei Kinder. Kann man dieser Tage Vätern noch raten, mit ihren Familien zum Fußball zu gehen, oder müsste man fürchten, dass Sie dort Zeugen von Chaos und Gewalt werden?

Friedrich: Im ganz überwiegenden Maße sind unsere Fußballspiele in Deutschland friedlich und sicher. Aber: Wir haben leider eine Zunahme von Gewalttätigkeiten, die uns nicht tatenlos zuschauen lassen kann. Deshalb müssen wir, die Verantwortlichen in der Politik ebenso wie die in den Sportverbänden und -vereinen, gemeinsam etwas dagegen tun.

Morgenpost Online: Welche Maßnahmen schweben Ihnen vor?

Friedrich: Die Kommunikation zwischen den Vereinen und der Polizei, aber auch mit den Fans muss verbessert, die gesamte Präventionsarbeit bei den Vereinen fortgesetzt und, wo nötig, verstärkt werden. In der Diskussion ist auch eine verschärfte Nutzung des Hausrechts in den Stadien. Eine erste Entscheidung ist ja schon gefallen: DFB und DFL haben von sich aus beschlossen, Pyrotechnik nicht zuzulassen. Das ist ganz in unserem Sinne. Als Staat, der für die Sicherheit der Menschen zuständig ist, könnten wir angesichts der erheblichen Gefahren, die von der Pyrotechnik ausgehen, nichts anderes akzeptieren.

Morgenpost Online: Sie wollen grundsätzlich die Vereine stärker in die Pflicht nehmen.

Friedrich: Die Vereine tun schon einiges: Es hat sich bewährt, wenn sie ihre Fans zu Auswärtsspielen begleiten. Es gibt Fanbeauftragte, es gibt Initiativen, wo Fans sich um Fans kümmern und versuchen, auch die gewaltbereiten Personen auf die richtige Seite zu bringen. Aber es gibt eben nach wie vor viele Gewalttäter, die nur deshalb zum Fußball gehen, um Gewalt zu suchen. Bei denen werden wir allein mit gutem Zureden wenig Erfolg haben. Da müssen Sanktionen wie zum Beispiel Stadionverbote ausgesprochen werden. Und das Entscheidende: Diese Verbote müssen dann auch durchgesetzt werden und zwar bundesweit. Ebenso müssen die Kontrollen verstärkt werden, damit Pyrotechnik gar nicht erst ins Stadion geschmuggelt werden kann. Darüber werden wir am Montag reden.

Morgenpost Online: Sie wollen die Kommunikation mit den Fans verbessern. Warum sitzt dann niemand mit am runden Tisch?

Friedrich: Das stimmt so nicht. Am Montag wird auch der Vorsitzende der Koordinationsstelle der Fanprojekte, Herr Gabriel, mit am Tisch sitzen. Ein Vorschlag, den ich für interessant halte, ist ein zwischen den Vereinen und den Fans ausgehandelter Ehrenkodex, dem sich die Fans freiwillig unterwerfen.

Morgenpost Online: Wie könnte ein solcher Kodex aussehen?

Friedrich: Das muss zu einem späteren Zeitpunkt mit den Fangruppen im einzelnen besprochen werden, nachdem die Grundsatzentscheidung gefällt ist. Aber klar ist: Ultras haben ihre eigene Vorstellung von der Unterstützung ihrer Vereine. Innerhalb dieser sich auch dynamisch entwickelnden Vorstellung sollte ein Kodex dann auch angepasst werden. Bestandteil sollte jedenfalls der Verzicht auf Pyrotechnik und übermäßigen Alkoholgenuss sein.

Morgenpost Online: Planen Sie ein Alkoholverbot in Stadien?

Friedrich: Es macht keinen Sinn, aktionistisch flächendeckend Verbote auszusprechen. Was wir tun, muss für einen normalen Menschen nachvollziehbar sein. Und wenn sich jemand bei einem schönen Fußballspiel einen Becher Bier gönnt, ist das kein Problem. Anders ist das, wenn jemand schon vor dem Spiel eine Flasche Whiskey austrinkt. Also keine Lösungen, die die große Mehrheit der friedlichen Fans schikanieren, sondern flexible Maßnahmen, die die Richtigen treffen.

Morgenpost Online: Wären personifizierte Eintrittskarten wie bei der WM 2006 eine Lösung?

Friedrich: Auch das ist ein Thema, das wir am Montag diskutieren werden. Die Italiener haben zum Beispiel Fanpässe. Allerdings ist das ein ungeheurer bürokratischer Aufwand, und die, die es missbrauchen wollen, schaffen es im Zweifel trotzdem. Hier muss man Aufwand und Erfolgschance abwägen.

Morgenpost Online: Muss der Fan eines Tages wie am Flughafen spätestens eine Stunde vor Anpfiff erscheinen, um eine größere Sicherheitszone zu passieren?

Friedrich: Das hoffe ich nicht. Natürlich: Sollte das Problem größere Ausmaße annehmen, werden schärfere Maßnahmen unumgänglich sein. Erst einmal wollen wir aber mit den jetzigen Mitteln die Situation in den Griff bekommen.

Morgenpost Online: Deutschland hat sich im Fußball eine Familienkultur aufgebaut. Deshalb haben wir sehr viel zu verlieren.

Friedrich: Das stimmt genau. Und ich habe darüber hinaus auch durchaus Sympathien für Fans, die aus 90 Minuten Fußball ein Ereignis für ganzen Samstag machen. Aber es muss gewaltfrei sein. Auch der Fußballfan muss die Gesundheit und die Würde anderer achten. Gewalt muss geächtet werden. Jeder echte Fan, der den Sport und seine Atmosphäre liebt und bewahren möchte, muss das verinnerlichen.

Morgenpost Online: Wie erklären Sie sich die überraschende Zunahme der Gewalt?

Friedrich: Es gibt umfangreiche Studien darüber, wer diese Gewalttäter sind, welche psychologischen und soziologischen Ursachen diese Gewalt hat. Bemerkenswert: Es ist kein schichtspezifisches Problem, auch die Motive sind ganz unterschiedlich. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir mit vereinter Kraft und mithilfe der Mehrheit der echten Fußballfans das Problem in den Griff bekommen werden.

Morgenpost Online: Die Polizei klagt über Überbelastung. Einige Fangruppen behaupten, Aggressionen gingen zum Teil auch von der Polizei aus.

Friedrich: Solche pauschalen Behauptungen weise ich entschieden zurück. Im Gegenteil: Es sind doch nur allzu oft die Polizisten, die dafür sorgen, dass ein Spiel überhaupt in einem angemessenen Rahmen stattfinden kann. Die Polizisten, die in unser aller Auftrag für die Einhaltung unserer Regeln sorgen, dürfen nicht zur Zielscheibe von Gewalt werden. Das ist ein Thema, über das die Vereine mit ihren Ultras reden müssen. Es geht nicht, dass man die Polizei zum Feindbild erklärt. Das ist eine der ganz wesentlichen Aufgaben der Vereine.

Morgenpost Online: Sicherheit kostet viel Geld. Werden Sie die Vereine diesbezüglich stärker in die Pflicht nehmen?

Friedrich: Das sind sie bereits. Sie müssen nämlich dafür sorgen, dass alle Präventionsmaßnahmen von Profis durchgeführt werden. Das gilt auch für Sicherheitskräfte, speziell im Eingangsbereich. Der Staat ist zuständig für die Sicherheit auf Straßen, Plätzen und in den Verkehrsmitteln. Das ist bei Volksfesten und Popkonzerten ganz genau so.

Morgenpost Online: Erhoffen Sie sich stärkere Sanktionshilfen durch die Verbände?

Friedrich: Die Selbsthilfekräfte von DFL und DFB müssen wirken. Da muss man aber auch sehr konsequent sein. Die Bundesliga ist ein großes Gesamtkunstwerk aller Vereine. Sie darf nicht von einzelnen, die ihre Aufgaben nicht erfüllen, beschädigt werden. Deswegen habe ich auch Sympathie für Sanktionen gegenüber einzelnen Klubs.

Morgenpost Online: Ihr Herz schlägt für Nürnberg. Würden Sie auch Sanktionen gegen den Club einfordern, wenn Nürnberger Fans Anlass dazu geben würden?

Friedrich: Erst einmal wäre ich als Fan des Clubs sehr wütend. Da würde etwas, das auf dem Platz erkämpft wird, von anderen zerstört. Solche Sanktionen müssen verhängt werden, wenn der Verein nicht ausreichend getan hat, was von ihm verlangt werden darf. Wenn ein Verein ein Umfeld hat, das auffällig wird, muss er vielleicht auch mal ein wenig mehr tun. Das gilt für alle Vereine.

Morgenpost Online: Begrüßen Sie denn den geplanten Ausschluss von Dynamo Dresden aus dem DFB-Pokal ?

Friedrich: Ich begrüße jedenfalls, dass man beim DFB die Sache nicht auf die leichte Schulter nimmt. Mit dem angedrohten Ausschluss wird der Ernst der Lage deutlich. Ob es im speziellen Fall gerechtfertigt ist, das entscheidet das DFB-Sportgericht.

Morgenpost Online: Wird Ihnen mit Blick auf die Gewaltbereitschaft deutscher Fans ein wenig mulmig vor der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine?

Friedrich: Nein. Wir stehen schon seit längerem im Austausch mit den polnischen und ukrainischen Kollegen und bereiten uns zusammen mit den Ländern auf präventivpolizeiliche Maßnahmen wie Gefährderansprachen oder Meldeauflagen vor. Aber auch bei unserer Heim-WM vor fünf Jahren oder bei der EM 2008 in Österreich und der Schweiz ist es gelungen, Randale zu vermeiden. Das stimmt mich optimistisch.